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  • 30.01.2016
  • von Steffi Pyanoe

Ein syrischer Praktikant bei den PNN: Neues Leben mit arabischen Untertiteln

von Steffi Pyanoe

Seit drei Wochen ist der 23-jährige Mohammed Almasri als Praktikant in der PNN-Redaktion. Seine größte Baustelle ist weiterhin die deutsche Sprache. Foto: Andreas Klaer

Der 23-jährige Mohammed Almasri floh vor zwei Jahren vor dem Krieg in Syrien. Jetzt hat er ein Praktikum bei den PNN begonnen. Sein Ziel: Journalist werden.

Diese verflixte deutsche Sprache. Mohammed stöhnt. „Passiv, Aktiv, Akkusativ. Die Grammatik ist schwer“, sagt er. Seit bald zwei Jahren ist der Syrer in Deutschland, hat schon an einem Integrations- und Sprachkurs teilgenommen. Die Sprache ist seine größte Baustelle, das weiß er. Denn er möchte, sobald es geht, in Deutschland sein Studium fortsetzen. Entweder arabische Literatur, das Fach, das er in Homs schon drei Jahre studierte. Oder Journalismus. Das wäre ihm sogar lieber. Deshalb bewarb er sich bei den Potsdamer Neuesten Nachrichten um einen Praktikumsplatz.

Seit fast drei Wochen ist er nun in der Redaktion, lernt die Zeitung kennen, die täglichen Abläufe, nimmt an Redaktionskonferenzen teil. Er könne zwar nur schwer den schnellen Gesprächen folgen, aber dass überhaupt so intensiv diskutiert wird, das findet er gut. Auch, dass man hier in Deutschland unabhängig berichten kann. „In Syrien gehören alle Zeitungen der Regierung“, sagt Mohammed Almasri und lacht, weil allein die Vorstellung von Pressefreiheit in seinem Heimatland absurd scheint. „Wenn man da etwas Kritisches schreibt, steht am nächsten Tag die Polizei vor der Tür.“ Ein Künstler, der politische Karikaturen zeichnete, sei umgebracht worden.

Syrien ist weit weg

Aber Syrien ist schon weit weg für den 23-Jährigen. Nur Erinnerungen aus der Kindheit, das Haus der Großeltern, unbeschwerte Ausflüge zu Verwandten im Nachbarort, sind geblieben. Seit dem Beginn des Bürgerkriegs 2011 ist alles anders. Erst durfte man noch demonstrieren, sagt er, aber das änderte sich schnell. Mit Panzern und Soldaten wurden die Versammlungen aufgelöst, die Leute verhaftet. „Die Menschen müssen doch demonstrieren dürfen“, sagt er, auch angesichts der Demonstrationen, die jetzt fast wöchentlich in Potsdam stattfinden. „Das ist Freiheit.“

Vor etwa zwei Jahren machte sich seine Familie, Eltern und drei Söhne, auf den Weg nach Deutschland. Seine beiden großen Schwestern blieben in der Heimat, um die Söhne hatte man mehr Angst. Sie liefen Gefahr, zum Militär eingezogen zu werden. Dazu kam, dass der Alltag in Homs immer schwieriger wurde. „Es gibt dort vielleicht eine Stunde am Tag Strom, kein Gas, die Wasserversorgung funktioniert auch nicht. Und die Lebensmittel werden immer teurer“, sagt er. Die Flucht vor zwei Jahren war ein abenteuerlicher Zickzackkurs. Mit dem Auto in die Türkei, immer in Gefahr, von syrischen Soldaten in letzter Minute festgehalten zu werden. Von der Türkei flogen sie nach Tripolis, von dort ging es mit dem Schiff nach Sizilien. 300 Leute waren sie zusammen auf einem kleinen Schiff. Mohammed steckte 18 Stunden in einem engen Raum unter Deck, direkt neben dem Motorraum. Viele Menschen, viel Angst.

Zufrieden über Frieden in Deutschland

Nach Deutschland wollte er, weil hier bereits ein Onkel und ein Bruder leben. Sein Gefühl beim Ankommen hier zu beschreiben, das ist ganz einfach. Hier ist Frieden. „Ich bin zufrieden“, sagt Mohammed. Und gibt dem Wort plötzlich eine ganz besondere Konnotation.

Jetzt hat Mohammed eine befristete Aufenthaltsgenehmigung. Er wohnt in einer kleinen Wohnung am Schlaatz. Das ist in Ordnung, er hat nur das Problem, dass er nicht gut kochen kann. „Das machen in unserer Kultur die Frauen, ich habe das einfach nie gelernt“, sagt er. Zum Beispiel Teigfladen mit Fleisch und scharfen Gewürzen, Chili und Thymian. Ob ihm deutsches Essen gefällt, kann er so pauschal gar nicht sagen. Was ist denn deutsches Essen, will er wissen? Bratwurst, Schnitzel, Braten – nie gehört. Einmal hat ihn sein Lehrer vom Integrationskurs zum Essen eingeladen, da gingen sie zum chinesischen Büfett. Sein erstes Mal im China-Restaurant. „Es war gut“, sagt Mohammed.

Keine Rückkehr

Manchmal geht er ins Fitnessstudio. Dort kann man gut Leute kennenlernen. Und jeden Freitag geht er in die Potsdamer Moschee am Kanal. Natürlich ist er ein Muslim, sagt er. „Der Freitag ist für uns das, was der Sonntag für die Christen ist.“ Die täglichen fünf Gebete könne man allerdings flexibel handhaben, auch zusammenlegen, damit es den Arbeitsalltag nicht unterbricht. „Dann bete ich eben abends zu Hause.“ Er hat davon gehört, dass manche Muslime hier den Frauen nicht die Hand geben wollen. Das kann er verstehen. Für ihn sei das aber kein Problem. Dass er hier in der Redaktion eine Chefin hat, auch nicht. Natürlich hat er seine Wurzeln nicht mit der Überfahrt nach Europa gekappt. „Ich höre gern traditionelle, arabische und ägyptische Musik. Aber genauso gern amerikanischen Rap. Eminem-Videos mit arabischen Untertiteln.“

Eine Rückkehr nach Syrien kann er sich derzeit überhaupt nicht vorstellen. Auch nicht, wenn der Krieg vorbei ist. „Ich habe zu viel Schlimmes erlebt, Verwandte und Freunde verloren“, sagt er. „Das kann man nicht einfach so vergessen.“

In den kommenden Wochen wird Mohammed Almasri in den PNN in loser Folge über sein Leben in Deutschland schreiben.

 

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