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  • 12.09.2015
  • von Sarah Kugler

Jüdische Schauspieler zur NS-Zeit: Filmkarriere nur unter Vorbehalt

von Sarah Kugler

Jüdische Schauspieler durften offiziell zur NS-Zeit nicht arbeiten. Es gab aber Ausnahmen.

Potsdam - Seine Mutter nahm sich kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges das Leben, er selbst durfte ab 1937 nicht mehr beim Film arbeiten. Kurt Maetzig, Filmregisseur und späterer Professor für Filmregie und Direktor der Deutschen Hochschule für Filmkunst Potsdam-Babelsberg, der im Mai 1946 auch die DEFA mitbegründete, war wie so viele deutsche Künstler mit jüdischer Abstammung während der NS-Zeit vom Berufsverbot betroffen. Am vergangenen Donnerstagabend wurde in der Gedenkstätte Lindenstraße im Rahmen der Reihe „Menschen unter Diktaturen“ sein Film „Ehe im Schatten“ gezeigt, in dem er auch seine eigenen Erfahrungen verarbeitet hat.

Gewidmet ist der Film aus dem Jahr 1947 allerdings dem Schauspieler Joachim Gottschalk und dessen Ehefrau Meta, die im Jahr 1941 zusammen Selbstmord begingen. Als Jüdin durfte Gottschalks Frau, ebenso wie Maetzig nach der Machtergreifung der Nazis, nicht mehr in ihrem Beruf als Schauspielerin arbeiten. Wie Theaterwissenschaftlerin Bärbel Schrader in ihrem, dem Film vorangestellten Vortrag über jüdische Filmstars im Nationalsozialismus erklärte, wurden in die 1933 gegründete Reichskulturkammer offiziell nur Künstler mit arischer Abstammung aufgenommen. „Dazu mussten detaillierte Fragebögen ausgefüllt werden, die natürlich auch die Abstammungsgeschichte eines jeden Künstlers festhielten“, so Schrader.

Kulturbetrieb wäre komplett zusammengebrochen

Da allerdings der gesamte Kulturbetrieb zusammengebrochen wäre, hätte man alle jüdischen Künstler aus der Kammer ausgeschlossen, gab es vor allem ab 1937 immer wieder Sondergenehmigungen. Gerade diejenigen, die laut NS-Ideologie als "Halb- und Vierteljuden" galten, durften ihrer Arbeit beim Film oder Theater zumindest temporär nachgehen. „Sie durften etwa bis zur Fertigstellung eines Films am Projekt weiterhin mitwirken oder zumindest an Privattheatern bis zum Ende der Spielzeit noch auftreten“, sagte sie.

Das hieß allerdings nicht, dass sie nicht auf privater Ebene weiterhin Denunziationen und Einschränkungen ausgesetzt waren, wie etwa Besuchsverboten. Auch die Sondergenehmigungen waren widerrufbar, ein Ausschluss aus der Reichskulturkammer war jederzeit möglich. Wie viele dieser Genehmigungen ausgestellt wurden, konnte Schrader am Donnerstag nicht sagen. In 800 Personalakten, die sie durchgesehen hat, fanden sich etwa 300 Fälle.

Ausnahmen bei prominenten Schauspielern

Auch mit Juden verheiratete Künstler waren eigentlich von dem Berufsverbot betroffen, wie Schrader erklärte. Gerade bei prominenten Schauspielern wurde aber oft eine Ausnahme gemacht – häufig sogar durch Führerentscheid. Unter diese Sonderregelung fiel nun auch Joachim Gottschalk, der damals als Clark Gable der Ufa galt, wie Schrader sagte.

Nach Engagements in Leipzig und Frankfurt am Main spielte er an der Berliner Volksbühne. Ab 1938 begann er seine Filmlaufbahn bei der Ufa mit einer Hauptrolle in Wolfgang Liebeneiners „Du und ich“, weitere Filmrollen folgten. Wie der Film „Ehe im Schatten“ zeigt, war seine Frau von jeglichem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen, zumindest aber vor der Gefahr der Deportation geschützt.

Verbot für Berliner Bühnen

Ab 1941 wuchs allerdings der Druck von Seiten der Kammer, Gottschalk solle sich doch endlich von seiner Frau scheiden lassen. Wie Schrader erklärte, gab es in dieser Zeit viele Schauspieler, die sich aus Schein von ihren jüdischen Ehepartnern trennten, um dem Berufsverbot zu entgehen. Auch hier gab es Abmilderungen für Prominente. So musste beispielsweise die Familie von Schauspieler Hans Moser, dessen Frau Jüdin war, zwar nach Budapest auswandern, er erhielt aber die Genehmigung, sie alle vierzehn Tage besuchen zu dürfen.

Gottschalk hingegen erhielt keine weitere Ausnahmeregelung. Als er sich weigerte, der Scheidung zuzustimmen, durfte er ab 1941 nicht mehr auf Berliner Bühnen auftreten und auch seine Frau stand nicht länger unter dem Schutz der Ehe. Da der Schauspieler keinen Ausweg sah, begingen er, seine Frau und sein Sohn am 6. November 1941 in ihrer Wohnung in Berlin-Grunewald Selbstmord.

Wie Schrader erklärte, war die Teilnahme an der Beerdigung verboten, alle Teilnehmer wurden von der Gestapo fotografiert. Auch über den Selbstmord öffentlich zu sprechen, war nicht erlaubt. „Einige wenige Kollegen waren bei der Beisetzung natürlich trotzdem anwesend“, so Schrader. „Ein Nachruf wurde allerdings vollkommen verboten.“ Sarah Kugler

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