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  • 29.12.2017
  • von Astrid Herbold

Legendärer Schauspieldirektor: Wie Iffland Berlin um 1800 zur Theatermetropole machte

von Astrid Herbold

August Wilhelm Iffland als Fegesack und Franz Labes als Pfeil in Molières „Der Geizige“, nach einer Aufführung in Berlin um 1810. Iffland setzte sich leidenschaftlich für sein Ensemble ein – und stand selber zweimal pro Woche auf der Bühne. Foto: Wikimedia

Unter August Wilhelm Iffland wird Berlin um 1800 zur Kulturmetropole. Jetzt wird das Archiv des legendären Schauspieldirektors digitalisiert - es gibt faszinierende Einblicke in das damalige Künstlerleben in Berlin.

Was er vorfindet, gefällt ihm nicht. Ein schlecht organisiertes Theater und Schauspieler, die zu faul sind, Texte auswendig zu lernen. In einem „Zirkular“, einem Rundschreiben, wird der neue Direktor 1798 ziemlich deutlich: Mit „Grimassen“ würden die Schauspieler ihre „strafbare Gedächtnisträgheit“ zu vertuschen versuchen. Das müsse aufhören. Er fordert mehr Fleiß, aber auch mehr „Ernst und Liebe“ bei den Proben.

Als August Wilhelm Iffland diese Zeilen schreibt, ist er 39 Jahre alt und längst ein Star. In Mannheim hat er die Hauptrolle in der umjubelten Uraufführung von Friedrich Schillers „Die Räuber“ gespielt, in Weimar hat er mit Goethe zusammengearbeitet. Seit 1796 ist er Direktor des Nationaltheaters am Gendarmenmarkt in Berlin. 18 Jahre lang, bis zu seinem Tod 1814, wird er hier wirken. Aus dem schlecht verwalteten, unrentablen Provinztheater wird er in dieser Zeit eine der wichtigsten Bühnen des Landes machen. Lange fehlten die Quellen, die zeigen, wie genau Iffland dabei vorgeht.

Lange galten Ifflands Unterlagen als verschollen

„Er war nicht nur der künstlerische Leiter, er war für alles zuständig“, erklärt Klaus Gerlach, der an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften derzeit ein digitales Iffland-Archiv aufbaut. Der berühmte Theaterdirektor hat reichlich Material hinterlassen: Korrespondenzen mit Künstlern, mit Schriftstellern, mit dem König, aber auch mit dem Berliner Publikum, mit Handwerkern und Theatermitarbeitern. „Es sind Briefe erhalten von Tänzern, Sängern, Statisten, Chorleitern, Kulissenmalern, sogar von Logenaufsehern und Billet-Einnehmern“, erzählt Gerlach. In 34 Foliobänden wurden die Dokumente schon zu Lebzeiten Ifflands systematisch und chronologisch gesammelt, über 7500 Blatt Papier sind erhalten. Zwar ist das Archiv nicht vollständig – es fehlen einzelne Seiten, ganze Bände und auch sämtliche Briefe von Schiller. Trotzdem zeige es „einen sehr guten Querschnitt“ des damaligen Theaterbetriebs.

Lange galten Ifflands Unterlagen als verschollen; erst vor wenigen Jahren tauchte das Archiv unter merkwürdigen Umständen bei einer Auktion in Stuttgart auf. Gerlach, der seit Jahrzehnten über die Berliner Theatergeschichte des 18. Jahrhunderts forscht, war maßgeblich daran beteiligt, dass das Land Berlin die Bände zurückbekam. 2014 war es so weit. Kurz darauf begannen Restaurierung und Digitalisierung, beides übernahm das Landesarchiv. Ifflands Dokumentensammlung sollte gesichert und für die weitere Forschung aufbereitet werden. Doch die Digitalisate, die seit 2015 auf dem Server des Landesarchivs liegen, sind dabei nur ein erster Schritt. Für sich genommen sind die Dateien kaum nutzbar. Erst mithilfe von Inhaltsangaben und Metadaten, die Gerlach seit 2016 in einer Datenbank zusammenträgt und mit den eingescannten Originalen verlinkt, lassen sich die Dokumente nach Namen, Daten, Orten oder literarischen Werken durchsuchen.

Viele Künstler kämpften ums finanzielle Überleben

Beispiel August Wilhelm Schlegel: Der Literaturkritiker und Übersetzer korrespondiert mit Iffland ausgiebig über die Aufführung seines Stückes „Ion“. Dabei geht es um Detailfragen von Bühnenbild, Kostümen und Requisiten. Noch nie sind diese Briefe zuvor veröffentlich worden. Mit großem Erfolg bringt Iffland außerdem Schlegels brandneue „Hamlet“-Übersetzung in Berlin auf die Bühne. Dabei muss der Direktor allerdings auch die Finanzen im Auge behalten. In einem Brief vom 1. Oktober 1799 schlägt Theaterinspektor Karl Adolph Lanz seinem Chef daher vor, dass für „Hamlet“ teilweise Kostüme aus Schillers „Don Karlos“ wiederverwendet werden sollen.

Wie eng ökonomische und künstlerische Entscheidungen im 18. Jahrhundert miteinander verwoben sind – das zeigen die Korrespondenzen eindrucksvoll. Viele Bettelbriefe erreichen Iffland: Sängerinnen und Schauspieler bitten um Vorschüsse und Gagenerhöhungen; sogar gefeierte Darsteller klagen darüber, ihre Miete nicht zahlen zu können. „Man merkt deutlich, wie die Berliner Künstler damals ums finanzielle Überleben kämpfen“, sagt Gerlach. Iffland verspricht fast immer zu helfen. Und er hält diese Versprechen auch. Zahlreiche Briefe belegen, wie er intern Zahlungen anweist und wie er sich nach außen – auch gegenüber dem König – leidenschaftlich für sein Ensemble einsetzt. „Insgesamt zeigen die Dokumente deutlich, dass Iffland ein großzügiger, warmherziger Mensch war.“ Einer, der wirklich Sorge trug für sein Theater. „Und dabei stand er selbst noch an mindestens zwei Abenden pro Woche auf der Bühne.“

Er lässt Goethe spielen, obwohl dessen Stücke nicht sehr erfolgreich sind

Doch nicht nur das gute Verhältnis zu Mitarbeitern und Kollegen sind Iffland wichtig. Auch das zahlende Berliner Publikum will der Theaterdirektor unbedingt zufriedenstellen. „Zu Ifflands Zeiten ist das Theater ein Ort, an dem man sich vergnügen will und bei dem alle Sinne angesprochen werden.“ Verschmähen die Zuschauer einzelne Stücke, verschwinden diese schnell wieder vom Spielplan. Es soll den Leuten schließlich gefallen. Von beleidigter Publikumsschelte jedenfalls fehlt in den Korrespondenzen jede Spur. Obwohl er stets auf die Auslastungszahlen schaut, gelingt es Iffland, wichtige literarische Impulse zu setzen. Er ist es, der Schiller über Jahre fördert und nach dessen Tod große Schillerzyklen aufführt. Er setzt Goethe auf den Spielplan, obwohl dessen Stücke nicht sonderlich erfolgreich sind.

Die Digitalisierung des Archivs ermöglicht nicht nur Einblicke in Ifflands Führungsstrategien. Dank zahlreicher Querverbindungen zu Zeitgenossen und deren Archiven wird ein gesamter künstlerischer Kosmos sichtbar. Was keine analoge Edition leisten kann, schafft der digitale Raum. Die privaten und beruflichen Netzwerke, die damals bestanden, werden über Verlinkungen wieder hergestellt. Dabei hilft ein standardisiertes Katalogisierungsverfahren der Deutschen Nationalbibliothek. Seit 2012 nutzen alle deutschsprachigen Bibliotheksverbünde sowie zahlreiche Archive, Museen und wissenschaftliche Einrichtungen die sogenannte GND („gemeinsame Normdatei“). Das ist, vereinfacht gesagt, eine verbindliche Nummer, die einem Künstler oder einem Ort zugeordnet wird. Über diese Nummer können automatische Verknüpfungen zwischen Datenbanken erstellt werden. So sind es beispielweise von einem Brief aus dem Iffland-Archiv – Komponist Reichert schreibt an Iffland über ein Stück von Schiller – nur wenige Klicks zu weiteren Webseiten mit Schillermaterial.

In der Mitte Berlins ist Iffland wieder da angekommen, wo er anfing

Nicht nur im Netz schließen sich so nach über 200 Jahren die Kreise. Auch in der Mitte Berlins ist Iffland genau dort wieder angekommen, wo er 1796 anfing. Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften hat ihren Sitz direkt am Gendarmenmarkt. Hier stand das 1802 errichtete (und 1817 abgebrannte), damals hochmoderne Nationaltheater, dessen 2000 Plätze Iffland und sein Ensemble allabendlich füllen mussten. Ifflands erste Berliner Wohnung liegt ebenfalls nur wenige Schritte entfernt. In der Charlottenstraße Ecke Französische Straße wurde kürzlich eine Iffland-Gedenktafel angebracht.

Gerlach ist überzeugt, dass das Archiv dazu beiträgt, Iffland den Platz in der Berliner Kulturgeschichte zu sichern, den dieser verdient. Noch weitere drei Jahre wird der Wissenschaftler damit verbringen, das Archiv zu erschließen. So lange läuft das von zahlreichen Stiftungen finanzierte Projekt. Ob die Zeit reichen wird? „Es könnte knapp werden.“ Woran August Wilhelm Iffland mit nur 55 Jahren gestorben ist, dazu hat Gerlach nach der Durchsicht von tausenden Briefen übrigens mittlerweile eine eigene Theorie: „Ich denke, er hat sich schlicht überarbeitet.“

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