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  • 15.09.2014
  • von Kirsten Graulich

Glückspilze

von Kirsten Graulich

Im Jahr 1735 wurde das Landarbeiterhaus am Ortsrand von Ferch gebaut. Sybille und Norbert Seidel weckten es vor Jahren aus seinem Dornröschenschlaf. Foto: Kirsten Graulich

Bei der Suche nach Maronen und Pfifferlingen entdeckten Sybille und Norbert Seidel ihr Traumhaus. Einst hauste dort sogar eine Ziege auf dem Dachboden

Sybille und Norbert Seidel entdeckten das am Ortsrand von Ferch gelegene Landarbeiterhaus schon Mitte der 70er-Jahre. „Wir waren Pilze suchen, als uns das Haus mit seinem schönen Giebel auffiel“, erinnerte sich das Paar am Sonntag zum Tag des offenen Denkmals. Wie ein Traum sei ihnen das Haus, umrahmt von wucherndem Grün, damals erschienen. Doch es sollte noch Jahrzehnte dauern, ehe sie dessen Besitzer wurden.

Immer wieder lockten die guten Pilzstellen das Paar in die Nähe des damals noch bewohnten Hauses. Als es Jahre später leer stand und zunehmend verfiel, dachten sie oft: Was für ein Jammer. Es selbst zu retten wäre den Seidels zu diesem Zeitpunkt nicht in den Sinn gekommen, denn sie waren gerade mit dem eigenen Hausbau in Werder beschäftigt. Vor vier Jahren stand das 1735 gebaute und nun unter Denkmalschutz stehende Haus plötzlich zum Verkauf. Aber da war für Sybille Seidel das Thema längst abgehakt. Ganz anders ihr Mann, der als Bauingenieur in dem Objekt eine Herausforderung sah und seine Frau doch noch überzeugen konnte: „Einen Fachwerkbau zu sanieren, das reizte mich schon lange“, nennt er einen Beweggrund.

Doch für ihr Traumhaus mussten die Seidels so einige Steine aus dem Weg räumen – im wahrsten Sinne des Wortes. Die meisten Steine lagen auf dem 1700 Quadratmeter großen Grundstück verstreut unter Müllbergen, die dort von Leuten aus der Umgebung abgeladen worden waren. „Jeden Tag habe ich einen Quadratmeter aufgeräumt und war dann irgendwann durch“, erzählt Sybille Seidel. Die handgestrichenen Petzower Ziegel verwendeten sie teilweise als Fliesenbelag, ebenso konnten Teile des Dachstuhls und des Fachwerkes, die Lehmwickeldecke sowie einige Fensterrahmen erhalten werden.

Einst gab es 13 kleine Kammern im Haus, nebst Küche und zwei Bodenkammern. Der Dachboden des Doppelhauses darf nach Maßgabe der Denkmalpflege nicht ausgebaut werden, weshalb andere Kaufinteressen vor den Seidels bereits abgesprungen waren. Auch Seidels bedauern das, da sie das Objekt später jedoch als Feriendomizil vermieten wollen, hinderte sie das nicht am Kauf. Einzelne Wohnbereiche wurden umstrukturiert und so vergrößert, dass nun auch mehr Licht ins Haus kommt. Um möglichst authentische Baumaterialien zu verwenden, klapperten Seidels Flohmärkte ab und manches alte Stück, beispielsweise Türbeschläge, wurden aufgearbeitet. In einigen Zimmern sind die alten Wandbemalungen in kleinen Segmenten erhalten geblieben und im Flur hängen 16 angerostete Beilklingen an einem Brett – ein Gartenfund.

Der erinnert an die Zeit, in der rund 20 Landarbeiter in dem Haus wohnten. Anfang des letzten Jahrhunderts wurde es als Landschulheim von einer Berliner Mädchenschule genutzt und nach dem Krieg als Wohnhaus. In den Hungerjahren logierte nachts sogar eine Ziege auf dem Dachboden, eine Vorsichtsmaßnahme gegen Diebe. Diese Geschichte offenbarte die Bauakte, in der Seidels den heftigen Briefwechsel zwischen Ziegenbesitzer und Amt nachlesen konnten. Bestätigt hat es ihnen auch ein einstiger Bewohner, der noch zu berichten wusste, dass die Ziege sich eines Tages in einem alten Spiegel sah, den sie dann attackierte. Das ließ die Bewohner in den Jahren darauf folgern: Nur die Ziege ist schuld an unserem Unglück, das nun sieben Jahre anhalten wird.

Die sind längst vorbei und den Seidels ist anzumerken, wie froh sie sind, dass sie das alte Fachwerkhaus aus dem Dornröschenschlaf erwecken konnten. Die Frage nach der Summe, die sie investiert haben, können sie eigentlich gar nicht so genau beantworten. „Denn nach 300 000 Euro haben wir aufgehört zu addieren“, sagt Norbert Seidel. 30 000 Euro gab es als Fördermittel. „Aber es bleibt noch einiges zu tun“, sagt der Ingenieur und fügt schmunzelnd hinzu: „Ich glaube, fertig wird man eigentlich nie mit so einem Projekt“. Demnächst sollen noch Solarmodule auf dem Grundstück installiert werden. Die ersten Feriengäste werden für das kommende Jahr erwartet. Kirsten Graulich

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