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  • 28.08.2017
  • von Peer Straube

Dinnerdemo auf dem Alten Markt in Potsdam: Anstoßen auf die „komponierte Stadt“ und Zombie-Protest

von Peer Straube

Demo-Dinner. Auf Einladung der Initiative „Mitteschön“ demonstrierten 500 Potsdamer am Sonntag auf dem Alten Markt bei einer „Dinnerdemo“ für den historischen Wiederaufbau der Mitte (o.). Am Rande protestierten Gegner stumm und weiß geschminkt. Fotos: M. Thomas

500 Potsdamer feierten am Sonntagabend bei der Dinnerdemo auf dem Alten Markt den Wiederaufbau der historischen Mitte - und den Abriss der Fachhochschule. 20 linke Abrissgegner starteten eine Protestaktion.

Innenstadt - Die Unruhe währte nur kurz. Zweimal umkreisten rund 20 Gegner des Wiederaufbaus der Stadtmitte nach historischem Vorbild die von der Initiative „Mitteschön“ aufgebauten Tafeln, an denen Hunderte Potsdamer das genaue Gegenteil bei Häppchen und Weißwein feierten. Schwarz gekleidet, Gesichter und Arme weiß geschminkt, mischten sich ein paar noch mit zombiehaften Gesten unter die Gesellschaft, dann beendete die Polizei das Intermezzo und trug widerspenstige Demonstranten aus der Menge. Das sei auf Wunsch des Veranstalters geschehen, der sich in seinem Versammlungsrecht gestört gefühlt habe, sagte ein Polizist den PNN. Nach einem kurzen, stummen, aber friedlichen Protest zog die Schar schließlich wieder ab.

Die Aufmerksamkeit der 500 Teilnehmer der „Dinnerdemo“, mit der die Bürgerinitiative „Mitteschön“ bisherige und kommende Wiederaufbau-Erfolge feiern wollte, hatte sich da längst wieder anderen Dingen zugewandt. Wichtige Bauten an diesem „wunderschönen Platz stehen wieder und noch weitere werden folgen“, rief die Fotografin Monika Schulz-Fieguth unter dem Applaus der Versammelten. Auf einer Leinwand wurden zwei Filme gezeigt, von denen der erste an die früheren Erfolge von „Mitteschön“ erinnerte, etwa die erste „Dinnerdemo“ vor zehn Jahren, bei der es darum ging, dass der neue Landtag die historische Knobelsdorff-Fassade bekommen soll. Rund Tausend Potsdamer hatten damals an der Veranstaltung teilgenommen.

Der zweite Film, der gestern zum ersten Mal öffentlich gezeigt wurde, ist eine klare Botschaft an die Verantwortlichen bei der Stadt, der Pro Potsdam und schließlich der Auswahlkommission, die über die Vergabe der FH-Grundstücke an die künftigen Bauherren entscheidet: Die Neubebauung der sogenannten Blöcke III und IV, die auf dem historischen Stadtgrundriss entstehen soll, möge sich in ihrem architektonischen Anspruch am „Gesamtkunstwerk Potsdam“ messen lassen können, einer Stadt, die „komponiert“ und deren Architektur dank der Genialität seiner Baumeister „wie Musik“ sei. Es gehe um Kleinteiligkeit, um die Wahrung gewachsener Proportionen, um Abwechslungsreichtum und Vielseitigkeit – und nicht zuletzt um Rücksichtnahme auf die historischen und jüngst wieder errichteten Bestandsgebäude.

Anstelle der FH solle ein „lebendiges Quartier“ errichtet werden, schließlich sei der Alte Markt die „gute Stube“ Potsdams, die jetzt wieder errichtet werde. Wie man es aus Sicht von „Mitteschön“ nicht machen sollte, zeigt der Film auch. Als abschreckendes Beispiel sind Aufnahmen der Breiten Straße zu sehen, speziell des Sitzes der Industrie- und Handelskammer (IHK). Diese „fast kasernenförmige Architektur“, heißt es dazu, wirke „kalt und ungemütlich“, niemand halte sich in dieser Straße wirklich gern auf. „Endlose, gleichförmige Fassaden ohne Plastizität langweilen uns“, mahnt der Sprecher des Films zum Bild der Bahnhofspassagen. Der zehnminütige Streifen wird mit großem Applaus bedacht.

Zwar sind die meisten Teilnehmer der „Mitteschön“-Demo eher älteren Jahrgangs, dennoch sieht man ab und an auch jüngere Gesichter. Etwa die von Maxi Korth und Arpad Schwinning. Die 22-Jährige und ihr ein Jahr älterer Freund sind erst im vergangenen Winter aus Süddeutschland nach Potsdam gezogen. „Ganz bewusst“, sagt Korth. Sie arbeite in Berlin, wollte aber unbedingt in Potsdam wohnen, einfach, weil die Stadt so schön ist. „Dafür lohnt es sich, jeden Tag zwei Stunden zu fahren“, sagt sie. Die Diskussionen um die Potsdamer Mitte haben beide von Anfang an in den Medien verfolgt. „Wir haben dazu eine ganz klare Meinung“, sagt Schwinning. Und die wollen sie mit ihrer Teilnahme an der „Dinnerdemo“ zum Ausdruck bringen. „Man kann ja nicht immer nur meckern.“ Für Korth ist es nach eigenem Bekunden die erste Teilnahme an einer Demonstration überhaupt. Sie wolle etwas dafür tun, dass die Stadt noch schöner wird, sagt sie. „Das Stadtbild trägt doch vor allem dazu bei, dass man sich hier so wohl fühlt.“

+ + + Alle Fotos von der "Dinnerdemo" und vom Gegenprotest finden Sie hier + + +

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