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  • 10.12.2015
  • von Richard Rabensaat

Forschung aus Potsdam: Die Stimmung in der DDR: Die unerkannte Revolution

von Richard Rabensaat

Genervt von Engpässen und offizieller Propaganda: Potsdamer Zeithistoriker forschen zur Stimmung innerhalb der DDR-Gesellschaft. Foto: dpa

Infratest und Stasi untersuchten die Stimmung in der Bevölkerung der DDR. Falsch lagen sie beide, wie aktuelle Forschungen in Potsdam zeigen.

Potsdam - Angst vor Verfolgung hatten die Bürger der DDR in den 1980er-Jahren kaum. Zu diesem Schluss kommt der Potsdamer Zeithistoriker Jens Gieseke in einer aktuellen Studie zum Leben in der sozialistischen Republik. Gieseke leitet die Abteilung „Kommunismus und Gesellschaft“ am Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF). Eine Erkenntnis seiner Untersuchung: Man habe sich im Osten mit dem System arrangiert – so weit, dass man im Privaten auch gerne mal über die mangelhafte Versorgungslage im realen Sozialismus witzelte.

Wie sich die Stimmung in der DDR über all die Jahrzehnte mit sozialistischer Versorgungsroutine und entsprechenden Engpässen entwickelte, das interessierte nicht nur die grauen Herren im Politbüro, sondern auch die Politiker in der Bundesrepublik. Vom Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen erhielt das westdeutsche Umfrageinstitut Infratest im Jahre 1968 den Auftrag, die Stimmung im DDR-Volk zu erfassen. Von da an bis zum Jahr 1989 fertigte das Institut sodann jährliche Berichte. Gleiches geschah auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs, wo sich das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) ebenfalls für die Befindlichkeit der DDR-Bürger interessierte.

Infratest befragte DDR-Besucher, keine DDR-Bürger

Beide Berichterstatter führten jedoch keine direkten Befragungen durch. Infratest konnte aus naheliegenden Gründen keine Interviewer hinter den Stacheldraht schicken. Daher behalf sich das Institut mit Befragungen von Besuchern der DDR. Die so erhaltenen Interviews waren stark subjektiv gefärbt und letztlich Berichte vom Hörensagen. Das MfS wiederum hielt es wohl nicht für opportun, sich zu weit dem Bürger zu nähern. Also verließ es sich auf Berichte von Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) und anderen Spitzeln. Die wurden aufgeschrieben, an die jeweils höhere Stelle weitergegeben und auf dem Weg dorthin verdichtet. Auftraggeber war der Chef des MfS, Erich Mielke. Nachdem die Berichte zunächst allen Mitgliedern des Politbüros zugänglich gemacht worden waren, entschied sich Mielke, die Berichte lieber doch zurückzuhalten und nur ausgesuchten Interessenten zur Verfügung zu stellen. Denn im Anschluss an die verordnete Lobhudelei am Beginn der Berichte folgten lange Passagen, die deutlich machten, dass erheblicher Unmut in der Bevölkerung herrschte.

Veröffentlicht wurden die Berichte beider Seiten zum Erstellungszeitpunkt nicht. Erst jetzt setzen sich Historiker damit auseinander. Der Potsdamer Zeithistoriker Jens Gieseke untersucht die Stimmungsprotokolle – Jahrzehnte nach deren Erstellung macht er sie der Öffentlichkeit zugänglich. In der Lindenstraße 54 stellte er die Resultate seiner Forschung vor.

Bei näherer Betrachtung überrascht, dass mit den Berichten einerseits ziemlich genaue Auskünfte über die Befindlichkeiten der von Versorgungsengpässen und offizieller Propaganda genervten Ostbürger in beiden Staaten vorlagen – andererseits aber der Umsturz im Jahre 1989 offensichtlich von keiner der beiden Seiten vorausgesehen wurde.

Mehrheit hielt Sozialismus für eine gute Sache

Als die DDR-Bürger mit der einzigen freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 der „Allianz für Deutschland“ zu einem deutlichen Wahlsieg verhalfen, bedeutete dies das Ende des sozialistischen Experiments. Denn Wahlprogramm der Allianz war der möglichst schnelle Beitritt der DDR zur Bundesrepublik. Auch nach der Volkskammerwahl jedoch hielt die Mehrheit der Ostdeutschen den Sozialismus „für eine gute Sache, die nur schlecht ausgeführt wurde“. Eine Einschätzung, die dem zerfallenden Staatsgebilde allerdings auch nicht mehr half.

Dass sich die Stimmung derart verschlechtert hatte, dass es zur Auflösung des einen deutschen Staates kommen würde, hatten weder Infratest noch das MfS vorausgesehen. In einem Stimmungsdiagramm von Infratest zeichnete sich zwar ab, dass der Anteil der eindeutigen Unterstützer des real existierenden Sozialismus immer geringer wurde. Negative Einschätzungen hatten die Meinungsforscher jedoch schon über mehrere Jahrzehnte registriert.

Schon die „Kaffeekrise“ 1977 hatte gezeigt, dass auch treue Sozialisten nicht mit sich spaßen ließen, wenn ihre Grundnahrungsmittel als inakzeptabel empfundenen Qualitätsschwankungen unterlagen. Ähnliche Versorgungskrisen und deren Auswirkungen auf die Stimmung in der Bevölkerung registrierten Infratest und MfS aufmerksam. Dass dies zum Zusammenbruch des Systems führen könnte, ahnten beide nicht. Denn das hielten beide Institute an sich für stabil.

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