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  • 10.05.2011
  • von Henri Kramer

Pathos statt Wahrheit

von Henri Kramer

Held ohne Fehl und Tadel: Der Schauspieler Günther Simon wurde als „Ernst Thälmann“ zum gefeierten Star des DDR-Films. Foto: Progress Film-Verleih/Heinz Wenzel

Seit 1912 wird in Babelsberg Kino gemacht. Die PNN haben zum Potsdamer „Jahr des Films“ zwölf wichtige Babelsberg-Filme ausgewählt und erzählen ihre Geschichten: Meilensteine auf dem Weg von der Wiege des deutschen Films zum Hollywood der Republik. Heute Teil 5: „Ernst Thälmann“

Im Nachhinein ist Regisseur Kurt Maetzig vom eigenen Epos unangenehm berührt. In Teilen sei sein Doppelstreifen „Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse“ und „Führer seiner Klasse“ inzwischen „absolut unansehbar“ , erklärt der bekannte DDR-Filmemacher anlässlich seines 100. Geburtstags im vergangenen Jahr. Der Hauptgrund dafür sei die „stalinistische Ästhetik“ gewesen, die sich damals im Filmwesen der DDR „breitmachte“, sagt Maetzig.

Ganz anders klingt es, als seine beiden Thälmann-Filme 1954 und 1955 in die ostdeutschen Kinos kommen. „Ein großer Film über einen großen deutschen Arbeiterführer“, freut sich der damalige DDR-Präsident Wilhelm Pieck über den in großen Teilen in Babelsberg gedrehten Streifen über das Leben Thälmanns – von 1924 bis 1933 Chef der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und 1944, nach elf Jahren Isolationshaft, auf Befehl Adolf Hitlers erschossen. Bereits einen Monat nach Uraufführung hätten drei Millionen „begeisterte Besucher“ den ersten Thälmann-Film gesehen, jubelt die DDR-Presse. Arbeitskollektive, Schulklassen, ja ganze Regimente müssen in die Kinos pilgern. Sie erleben die Ikonisierung eines Arbeiterführers, mit Bekenntnissen zum Sozialismus auf den Lippen: „Das Verhalten zum Sowjetstaat ist der Prüfstein dafür, ob einer Revolutionär ist oder nicht.“

Die filmische Würdigung von Thälmann, Spitzname „Teddy“, ist ein seit 1949 geplantes Vorhaben der DDR-Spitze. Nach dem Willen der Parteiführung soll ein Heldenbild ohne Ecken und Kanten entstehen, das sich in die offizielle Ideologie des Arbeiter- und Bauernstaates einzupassen hat. Der spätere DDR-Staatschef Walter Ulbricht, damals Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), lässt sich regelmäßig das Drehbuch der beiden Autoren Willi Bredel und Michael Tschesno-Hell zeigen, streicht Formulierungen, forderte neue Handlungsbögen.

Ohnehin wird bei den Thälmann-Filmen nichts dem Zufall überlassen. Historiker verweisen darauf, dass die sonst für Produktionen verantwortlichen Instanzen der mittlerweile volkseigenen Defa-Studios in Babelsberg bei diesem Film schon außen vor bleiben – anders als noch bei anderen Produktionen dieser Zeit. Die Unruhe ist ebenso groß wie der Druck, weil die SED-Führung die Filmzensur verschärft, 1953 die Entlassung von West-Berliner Studiobeschäftigten veranlasst und die künstlerischen Direktoren der Defa-Studios mehrmals wechseln.

Zugleich übernimmt die SED die Finanzierung der sechs Millionen Ostmark teuren Thälmann-Verfilmungen. Dazu legt die Partei die Kopienzahl fest und kümmert sich um die Werbung für den Film, „einem Stück Parteigeschichte“. So erhalten die DDR-Kinos für den ersten Thälmann-Film, in dem der gescheiterte Arbeiteraufstand in der Hansestadt Hamburg im Mittelpunkt steht, den Auftrag, Foyer und Kassenraum ihres Theaters „würdig“ auszugestalten. Drei Entwürfe schlägt die Staatsführung vor: Eine Fabriksilhouette mit Blumendekoration, eine rote Fahne aus Press- und Wellpappe oder das Bild einer Hafenanlage, dazu ein Holzsockel „mit rotem Stoff verkleidet“.


Der Film ist im Progress-Verleih, die DVD bei Icestorm erschienen.


Daneben wird Tontechnik-Geschichte geschrieben: Zum ersten Mal wird ein Stereoton-Verfahren ausprobiert. Da die Thälmann-Filme aber im großen Stil gezeigt werden sollen, für Stereo-Filme jedoch spezielle Abspielgeräte benötigt werden, können die Streifen dann doch nur im Monoton vorgeführt werden. Auch sonst wurden bei der Babelsberger Produktion keine Mühen gescheut. Fotos von damals zeigen die Herstellung des mehr als zwei Meter hohen Berliner Reichstagsmodells und den nachgestellten Brand von 1933. Ganze Straßenzüge, etwa in Hamburg, erscheinen als gemalte Hintergründe. Und: Als einer der ersten DDR-Filme läuft „Ernst Thälmann“ in Farbe. Rot ist dabei stets die symbolische Farbe der kommunistischen Revolution. Ein grau-grünlicher Ton über den Bildern symbolisiert dagegen die Feinde von Thälmann. „Die Farbgestaltung unterstützt die Wahrhaftigkeit des Inhalts“, sagt Szenenbildner Willy Schiller.

All das wird mit vier Nationalpreisen gewürdigt, die höchste Ehrung der DDR bekommen Regisseur Maetzig, die Drehbuchautoren, Kameramann Karl Plintzer und natürlich Thälmann-Darsteller Günther Simon – ein Erfolg auch für den Filmstandort Babelsberg. Zugleich ist die von der SED erteilte Aufgabe, die arbeitenden Massen „im Geiste des Sozialismus“ zu erziehen und ein Opus zu drehen, das die aktuelle DDR-Politik legitimieren könne, mit den Thälmann-Filmen erfüllt.

Dafür nahmen es die Filmemacher mit der historischen Wirklichkeit nicht allzu genau. So war Thälmann – anders als im Film gezeigt – weder der führende Kopf des Hamburger Aufstands von 1923, noch hatte diese Revolte laut Historikern irgendwelchen Rückhalt in der Bevölkerung. Im Film dagegen scheitert der Aufstand an angeblich fehlender Unterstützung anderer Kommunisten – Thälmann bleibt es an dieser Stelle vorbehalten, an die „unverbrüchliche Treue“ zur „gerechten Sache“ zu appellieren und möglichst viele Kampfgenossen zu retten.

Auch dass Thälmann im Zuge einer Untreue-Affäre 1928 zwischenzeitlich von allen Funktionen in der KPD entbunden wurde, findet in dem Streifen keinen Niederschlag. Der Faschismus wird im Film nicht als eigenständige politische Bewegung, sondern stets als Verschwörung im Dienste des Monopolkapitals dargestellt – ganz im Einklang mit der kommunistischen Ideologie vom Faschismus als höchster Form des Kapitalismus. Neben Vertretern der Wirtschaft erscheinen insbesondere Sozialdemokraten als Reaktionäre, deren unlautere Absichten schon in den Filmgesichtern abzulesen sind.

Auch darf der Doppelfilm nicht mit der historisch verbürgten Ermordung von Thälmann 1944 im Konzentrationslager Buchenwald enden – eine optimistischere Einstellung wird verlangt. So schließt der Streifen mit der Szene eines von Wachmännern mit erhobenem Haupt abgeführten Ernst Thälmann – und danach wird der Hintergrund von einer einzigen roten Fahne bedeckt. Dazu ertönt gesprochener Text, untermalt von einem pathetisch klingenden Orchester: „Das Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur ein einziges Mal gegeben und nutzen soll er es so, dass er sterbend sagen kann: Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft habe ich dem Herrlichsten in der Welt, dem Kampf für die Befreiung der Menschheit gewidmet.“ Den Blick hält Thälmann prophetisch in die Zukunft gerichtet, wie im gesamten Film wird er von schräg unten gezeigt – ein großer Mann.

Dieser Kult um eine Person, die stets die richtige Entscheidung trifft, sorgte zunächst nur im Westen Deutschlands für Spott. Günther Simon – „mit kahlgeschorenem Schädel, kernigem Silberblick und fast durchweg geballter Faust“ – stampft trotz historischer Misserfolge wie eben dem Hamburger Aufstand „von Triumph zu Triumph“, ätzt das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ zur Premiere von „Sohn seiner Klasse“.

Doch selbst in der DDR rückte der Staat mit den Jahren von den Thälmann-Filmen ab. 1961 werden zunächst alle Szenen entfernt, die den sowjetischen Diktator Stalin zeigten. Und im 1979 erschienenen Standardwerk zur Film- und Fernsehkunst der DDR heißt es bereits, das parteiliche Bestreben, „die Größe des kommunistischen Kampfs“ zu zeigen, führe zu einer „überwiegend agitierend-pathetischen Darstellung“. Thälmann werde als allwissend dargestellt – hierin liege der gewichtigste Mangel des Films. Gleichwohl sei die „soziale Funktion“ des Streifens nicht zu verkennen: „Millionen verdanken den Filmen ihre erste Begegnung mit den revolutionären Traditionen der Arbeiterbewegung.“ Nüchtern urteilt das Lexikon des Internationalen Films: „Gelungen sind weniger die pathetischen Rededuelle als die abenteuerlichen Kampfszenen in den Hamburger Katakomben“, heißt es darin zu „Sohn seiner Klasse.“ Der zweite Thälmann- Film sei „bestenfalls noch als zeitdokumentarischer Beleg für die Prinzipien des sozialistischen Realismus interessant“.

Maetzig sagt mehr als 50 Jahre später, die DDR-Spitze habe von dem Film etwas anderes erwartet, als er sich vorgestellt habe. Er habe einzig den Antifaschisten Thälmann porträtieren wollen. „Ich hatte mir diese schwere Biografie gewünscht, aber was gebraucht und verlangt wurde, das war ein Idol für die Jugend, eine Vorbildgestalt.“ Aus diesem Widerspruch habe er sich nicht befreien können. Der Film versuche, Thälmann auf einen Sockel zu stellen. „Das halte ich für falsch, hielt ich übrigens damals schon.“ Vor allem die Qualität des zweiten Thälmann-Films falle ab, wegen der Überfülle des Stoffes und der Idealisierung der Gestalt, so Maetzig. „In vielen Punkten ist er mir einfach peinlich.“

Insofern markieren die Thälmann- Filme auch einen Schritt zur restriktiven Kulturpolitik der DDR in den 1960ern, in denen experimentelle und kritische Strömungen in Literatur, Kunst und Film zugunsten des „sozialistischen Realismus” zurückgedrängt werden. Babelsberg wird – wie in der Zeit des Nationalsozialismus – einmal mehr Propagandaschmiede. Auch Maetzig muss diese Erfahrung machen: Sein 1965 in Babelsberg entstandener Film „Das Kaninchen bin ich“ – ein kritischer Blick auf die Justiz der DDR – wird verboten und der bislang hoch geehrte Regisseur öffentlich abgekanzelt.

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