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Themenschwerpunkt:

Stadtentwicklung

  • 24.02.2018
  • von Peer Straube

Interview über die Pläne für das Bornstedter Feld: „Man hätte sich mehr Mühe geben müssen“

von Peer Straube

Nicht ganz zufrieden. Elf Jahre lang war Volker Härtig Chef des Entwicklungsträgers Bornstedter Feld. Vieles hätte besser werden können, sagt er. Foto: A. Klaer

Volker Härtig, Ex-Chef des Entwicklungsträgers Bornstedter Feld, spricht im Interview mit PNN-Redakteur Peer Straube über die Mängel im Stadtteil und Versäumnisse bei der Biosphäre.

Herr Härtig, es ist fast auf den Tag genau 25 Jahre her, dass das Bornstedter Feld offiziell zum Entwicklungsgebiet erklärt wurde. Als erster Chef des zuständigen Entwicklungsträgers haben Sie die ersten, prägenden Jahre der Entwicklung der früheren Militärbrache miterlebt. Jetzt ist Potsdams inzwischen viertgrößter Stadtteil fast fertig. Gefällt er Ihnen?

Ich bin häufig hier, fahre gerne mit dem Fahrrad durch Potsdam und gucke dann auch immer mal im Bornstedter Feld, was sich so tut. Und unterm Strich würde ich sagen: Ja, was ich sehe, gefällt mir.

Wie sehr weicht denn das Bornstedter Feld heute von der damaligen Vision ab?

Nur sehr wenig. Das damalige Grundkonzept einer grünen Verbindung zwischen Ruinenberg und Pfingstberg, ausgeformt als Stadtteilpark, flankiert von zwei Siedlungsbändern - das östliche mit Geschosswohnungen, das westliche mit Eigenheimen -, ist umgesetzt worden. Natürlich gab es Konkretisierungen. Dass 2001 die Bundesgartenschau dort stattfand und der Volkspark damit deutlich größer und prägender werden würde, war ja ursprünglich nicht absehbar. Das gilt auch für die Biosphäre, die ja ebenfalls zur Buga errichtet wurde. Kleiner als damals geplant ist allerdings der Anteil von Gewerbe. Die Rote Kaserne Ost sollte eigentlich gewerblich genutzt werden. Aber Gewerbeflächen waren im Potsdamer Norden in den 90er-Jahren und auch danach noch nicht so gefragt. Doch insgesamt ging vieles von dem auf, was wir uns ursprünglich als Ziel gesetzt hatten.

Das Bornstedter Feld ist also eine Erfolgsgeschichte?

Ja, sicher. Der Volkspark ist ein Pfund für jeden, der herzieht. Das ist toll. Die Fachhochschule bringt viele junge Leute und damit Leben her. Der Straßenbahnanschluss, also die Nahverkehrsanbindung, ist super. Und dass sich eine vergleichsweise kleine Stadt wie Potsdam getraut hat, ein Gebiet von 300 Hektar Größe über 20 Jahre zu entwickeln und das auch durchgehalten hat, ist schon eine Leistung, auf die die Stadt stolz sein kann. Das Bornstedter Feld ist eine der erfolgreichsten städtebaulichen Entwicklungsmaßnahmen deutschlandweit und hat ja deshalb 2003 den Deutschen Städtebaupreis gewonnen. Und auch die städtebauliche Struktur ist im Großen und Ganzen sehr gelungen.

Das wiederum klingt jetzt aber nicht so richtig begeistert.

Na ja, ob zum Beispiel am Fuße des Ruinenbergs ein Autohaus stehen muss, weiß ich nicht. Aber es mag wirtschaftliche Gründe für diese Entscheidung gegeben haben. Und bei der Gestaltung des Stadtbildes hätte man sich mehr Mühe geben, mehr Sorgfalt walten lassen müssen. Der Städtebau an sich ist gelungen, aber bei der Gestaltung der Häuser, der Fassaden hat man einiges Potenzial verschenkt. Mit Farb- oder Materialkonzepten hätte man mehr gestalterische Vielfalt in einem robusten städtebaulich-architektonischen Rahmen erreichen können...

...oder durch die in Potsdam ja so beliebten Architekturwettbewerbe.

Ja, auch mehr Wettbewerbe wie wir sie in den 1990er-Jahren für alle bedeutenden Vorhaben durchführten, wären sinnvoll gewesen oder der Verkauf kleinerer Parzellen, um eine größere Vielfalt von Bauherren und damit auch Architekten zu haben. Viele erinnern sich, welche Bedenken es am Anfang gab, das Bornstedter Feld, das ja inmitten der Kulturlandschaft und in Nachbarschaft zum Welterbe liegt, überhaupt zu bebauen, dann ist hier im Laufe der Zeit doch ein gewisser Anspruch verloren gegangen.

Welche Fehler wurden aus Ihrer Sicht noch gemacht?

So viele sind es gar nicht. Vielleicht hätte man in den letzten Jahren an der einen oder anderen Stelle über ein Geschoss mehr reden können angesichts des Drucks auf dem Wohnungsmarkt, aber darüber ist wohl nicht diskutiert worden.

Waren nicht ursprünglich mehr Eigentumswohnungen geplant?

Nein. Es hat aber Anfang der 2000er-Jahre unter der damaligen Baubeigeordneten Elke von Kuick-Frenz Versuche gegeben, das städtebauliche Konzept für das Viertel über den Haufen zu werfen und mehr Eigenheimbau zuzulassen. Da wurden hinter dem Rücken des Entwicklungsträgers sogar Studien in Auftrag gegeben, die belegen sollten, dass das sinnvoll ist. Aber das war wirtschaftlich nicht vernünftig. Wir haben von Anfang an großen Wert darauf gelegt, dass der Stadt zum Abschluss der Entwicklungsmaßnahme kein wirtschaftliches Defizit verbleibt. Das Bornstedter Feld ist vermutlich die einzige Entwicklungsmaßnahme in den östlichen Ländern, wenn nicht sogar bundesweit, die mit einem so deutlichen Überschuss abgeschlossen werden wird.

Woher wollen Sie das so genau wissen? Den PNN gegenüber werden entsprechende Anfragen von der Pro Potsdam nicht beantwortet, jedenfalls wurden keine Größenordnungen, geschweige denn konkrete Zahlen genannt.

Wenn man sich mit solchen Maßnahmen auskennt, kann man das erkennen. Nehmen Sie nur die Entwicklung der Grundstückspreise. Wir haben damals mit 200 D-Mark, also 100 Euro, pro Quadratmeter angefangen...

Sie meinen die Grundstückspreise für Geschosswohnungsbau.

Damals galt das aber auch für Eigenheim-Bauland. Das steigerte sich dann bis 2003 bis auf vielleicht 250 Euro beim Geschosswohnungsbau.

Und heute?

Die letzten Grundstücke wurden teilweise für 1000 Euro pro Quadratmeter vergeben. Da wird gern ein Geheimnis draus gemacht. Nun muss eine Kommune nicht alles öffentlich machen, aber hier fehlt es doch an einer gewissen Transparenz. Die wird allerdings nicht zu verhindern sein, denn jede Entwicklungsmaßnahme endet mit einer Schlussabrechnung. Und die wird sich jeder Bauträger oder Bauherr ganz genau daraufhin ansehen, ob alle Einnahmen auch wirklich wie gesetzlich vorgeschrieben für entwicklungsbedingt notwendige Investitionen verwendet wurden. Wenn es am Ende einen Überschuss gibt, muss der an die dortigen Bauherren ausgeschüttet werden.

Flächen für Schulen und Kitas werden in Potsdam händeringend gesucht, nicht zuletzt im Bornstedter Feld. Hätte man nicht früher Flächen dafür reservieren müssen?

Für die geplante Anzahl von Wohnungen gab es genug Kita-Standorte. Wenn es jetzt nicht mehr reicht, muss man sich fragen, wo die Kinder herkommen. In der Umgebung, ob in Bornstedt, Bornim oder fahrland, hat es die Stadt versäumt, für die soziale Infrastruktur zu sorgen oder dortige Bauträger an den Kosten zu beteiligen.

Gibt es denn Vorgaben, wie viele Kinder von außerhalb eine Kita in einem Entwicklungsgebiet maximal besuchen dürfen?

Es gilt das besondere Städtebaurecht im Baugesetzbuch, aber es gibt keine Obergrenzen und auch kaum Rechtsprechung dazu. Die Frage ist: Hat sich die Stadt auch mit den Versorgungsbedarfen rund um das Entwicklungsgebiet auseinander gesetzt und darauf planerisch reagiert? Und das hat sie meiner Meinung nach nicht, zumindest nicht ausreichend.

Bleiben wir noch bei der sozialen Infrastruktur. Eigentlich sollte an der Biosphäre ja Potsdams neues Schwimmbad entstehen. Die Potsdamer haben anders entschieden. Richtig so?

Der Brauhausberg ist aus gesamtstädtischer Sicht sicher die richtige und vernünftige Entscheidung. Ob das Gebäude rein ästhetisch ein besonderer Gewinn ist, sei dahingestellt.

Gestritten wird seit Jahren über das Schicksal der Biosphäre, die regelmäßig Verluste einfährt. Der Oberbürgermeister will sie dennoch als Tropenhalle erhalten, die Stadtpolitik will auch andere Nutzungen geprüft haben, ein Abriss ist nicht ausgeschlossen. Was meinen Sie?

Es ist klug vom Oberbürgermeister und auch von der Linken, dass sie einem Abriss entgegentreten. Dafür gibt es viele gute Gründe. Zunächst einmal bilden Volkspark und Biosphäre eine Einheit. Ein Abriss wäre ein großer Verlust, denn beide sind Leuchttürme zeitgenössischer Architektur in Potsdam. Dass die Biosphäre immer wieder infrage gestellt wird, hat ja vor allem wirtschaftliche Gründe.

Genau. Die Halle macht jedes Jahr satte Verluste.

Ja, aber gibt sich Potsdam auch genug Mühe, die Halle erfolgreich zu bewirtschaften? Die Pro Potsdam hat viele Jahre wenig dafür getan, erfolgreiche Betreiberkonzepte zu entwickeln und so die Halle rentabel zu machen. Dahinter stand ganz klar die Absicht der Pro-Potsdam-Spitze, sich des Gebäudes zu entledigen. so etwas hat Folgen. Man kann nicht jahrelang die Biosphäre infrage stellen, ohne dabei die Marke zu beschädigen.

Aber jetzt ist die Fördermittelzweckbindung als Tropenhalle ausgelaufen, die Stadt hätte alle Möglichkeiten, die Wirtschaftlichkeit zu verbessern. Zum Beispiel bei der Gastronomie. Wenn man aber hingeht und einen Kaffee trinken will, muss man zwei Stunden warten, weil das Restaurant erst um 11 Uhr aufmacht, die Biosphäre aber schon um 9 Uhr.

Sie sagen es. Das ist nicht der richtige Weg und ich bin traurig darüber. Es ist ja verblüffend, dass immer noch jährlich 150 000 Besucher kommen, obwohl der Imageverschleiß der Biosphäre seit Jahren betrieben wird. Das zeigt, welches Potenzial sie hat. Es gibt ja kein nennenswertes Marketing, kaum tolle Veranstaltungen, alles wird auf Sparflamme betrieben, ohne Ideen, ohne Ambitionen. Es fehlt einfach an einer intensiven, engagierten Suche nach einem nachhaltigen Betriebs- und Bewirtschaftungskonzept. Natürlich hat die Halle auch bauliche Defizite, die Feuchtigkeit hat ihr schwer zugesetzt. Man hätte sie über die Jahre besser instandhalten müssen, was offensichtlich nicht geschehen ist.

Es hat ja zahlreiche Versuche gegeben, einen Betreiber für die Halle zu finden. Sie sind alle gescheitert.

Natürlich. Wenn man einem neuen Investor gleich alle Sanierungs- und Instandhaltungsrisiken überhilft, muss man sich nicht wundern, wenn das Interesse mau ist. So ein Verfahren muss von Profis gesteuert werden, die sich in der Vermarktung solcher Spezialimmobilien auskennen. Bei allem Respekt vor der Stadtpolitik: Ich bin mir nicht sicher, ob das gewählte Werkstattverfahren zur Zukunft der Biosphäre da wirklich weiterhilft.

Was würden Sie denn mit der Halle machen?

Das Freizeitverhalten hat sich in den letzten Jahren ja enorm verändert. Wellness- und Spa-Angebote wären ein Weg, da gibt es viele Möglichkeiten. In jedem Fall aber würde ich verschiedene Bewirtschaftungs- und Betriebskonzepte von Profis erstellen und durchrechnen lassen und für das beste dann per Ausschreibung einen Betreiber suchen.

Gestritten wird ja auch über die Verkleinerung des Volksparks. Obwohl die Planungen von Anfang an vorsahen, dass er noch schrumpfen soll, fordern jetzt viele einen Erhalt der jetzigen Größe. Zu Recht?

Es braucht sicher eine sorgfältige Auseinandersetzung mit diesen Flächen und den zur Debatte stehenden Nutzungsmöglichkeiten. Ich habe Zweifel, ob man die ursprünglich geplante viergeschossige Wohnbebauung im östlichen Bereich des Volksparks wirklich eins zu eins umsetzen sollte. Vielleicht könnte man auf dem Parkplatz neben der Biosphäre noch etwas bauen. Das müssen nicht unbedingt Wohnungen sein, für eine Kita würde sich der Platz aber sicherlich eignen.

Man sollte also noch einmal diskutieren, ob man dort überhaupt baut?

Ja. Nach so langer Zeit sieht man manches vielleicht anders als die Planer damals.

Nicht weit vom Bornstedter Feld entsteht bald ein neues Quartier, ebenfalls auf einem ehemaligen Kasernengelände. In Krampnitz sollten erst Wohnungen für 3500 Menschen entstehen, nun für mindestens die doppelte Anzahl. Wie beurteilen Sie dieses Projekt?

Das Bornstedter Feld unterscheidet sich von Krampnitz dadurch, dass man von dort nur zehn Minuten mit dem Fahrrad in die Innenstadt braucht. Mir verschlug es fast die Sprache, als ich hörte, dass in einer ,Satelliten-Siedlung’ Krampnitz einmal 7000 Menschen leben sollen. Das ist angesichts der verkehrlichen Anbindung gewagt. Ich weiß nicht, ob der Markt dafür da ist.

Wie bitte? In Potsdam werden dringend neue Wohnungen gebraucht.

Trotzdem ist es wagemutig. Sicher, viele Menschen wollen nach Potsdam. Aber bis die Bebauung dort vermarktet werden wird, kann es durchaus sein, dass die Nachfrage nicht mehr so steil bergauf geht. In und rundum Berlin kommen allein 2017 und 2018 fast 60 000 Wohnungen auf den Markt. Das wird auch noch eine Weile so weitergehen. Und Krampnitz liegt recht weit ab vom Schuss. Für Krampnitz im kommenden Jahrzehnt genug Abnehmer zu finden, dürfte nicht leicht sein. Man muss dort aufpassen, dass man nicht an der Nachfrage vorbei plant.

Und wie sehen Sie Potsdams Entwicklung generell?

Potsdam ist begnadet, was seine Potenziale angeht. Die Stadt ist enorm attraktiv und hat eine tolle Ausstrahlung. Viele junge Leute, die in Berlin wohnen, genießen es, hier zu studieren, weil es nicht so hektisch ist. Potsdam ist trotz mancher Defizite der Politik eine Erfolgsgeschichte.

Das Interview führte Peer Straube


Zur Person:

Volker Härtig, 62, wurde in Hannover geboren. An der Uni Köln und in Berlin studierte er Sozialwissenschaften, Betriebs- und Volkswirtschaft sowie Politikwissenschaften. 1980 gründete Härtig mit Partnern ein Sozialplanungsbüro, das sich schwerpunktmäßig mit den Sanierungsgebieten in Berlin befasste. 1992 wurde er Geschäftsführer des neu gegründeten Entwicklungsträgers Bornstedter Feld. Seit seiner Entlassung 2003 wegen Differenzen mit der Rathausspitze arbeitet Härtig mit Unterbrechungen als freiberuflicher Projektentwickler in Berlin. Seit 2012 ist er Vorsitzender des Fachausschusses „Soziale Stadt, Bauen Wohnen Stadtentwicklung“ im Vorstand der Berliner SPD. 

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