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  • 06.11.2017
  • von Henri Kramer

Polizeieinsatz bei Garnisonkirche-Gottesdienst: Rechenzentrum vor dem Aus?

von Henri Kramer

Viel Kritik gab es an den Protesten zum Baustart der Garnisonkirche - vor allem von den Teilnehmern des Gottesdienstes. Foto: S. Gabsch

Paukenschlag nach dem Polizeieinsatz zum Baustart der Garnisonkirche: Nach der Störung des Gottesdienstes durch die Demonstranten steht das Rechenzentrum vor dem Aus.

Potsdam - Die Proteste gegen den Baustart des Garnisonkirchturms könnten für das benachbarte Kreativhaus im ehemaligen Rechenzentrum das Aus bedeuten. Der Nutzungsvertrag läuft Ende August 2018 aus.„Unter derartigen Vorzeichen über Verlängerungen von bestehenden Vertragsverhältnissen nachdenken zu sollen, ist eine falsche Erwartungshaltung“, sagte der Kommunikationsvorstand der Stiftung Garnisonkirche, Wieland Eschenburg. „Unsere ausgestreckte Hand der Versöhnung wurde weggebrüllt.“ 200 Künstler und Kreative ausdem Rechenzentrum könnten damit bald ohne Arbeitsräume dastehen.

Anlass sind die Vorkommnisse um den Festgottesdienst zum Baustart des Garnisonkirchturms am Sonntag vergangener Woche. Der Gottesdienst mit rund 350 Teilnehmern, darunter prominente Gäste wie Brandenburgs früherer Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) oder Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU), war von lautstarken Protesten durch bis zu 75 Gegner des Wiederaufbaus gestört worden.

Gottesdienst gegen Megafon und Lautsprecher 

Die Stiftung hatte den Zutritt zum Grundstück nicht reglementiert. So konnten die Gegner des Wiederaufbaus teilweise auch mitten unter den Gottesdienstbesuchern stehen. Einige versuchten, die Zeremonie mit Megafon und Lautsprecher zu stören. Rednern wie Altbischof Wolfgang Huber wurden Worte wie „Schande“ und „Heuchler“ entgegengerufen. Die Vorkommnisse könnten nun auch ein juristisches Nachspiel haben. Mittlerweile hat der für politisch motivierte Kriminalität zuständige Staatsschutz die Ermittlungen übernommen, wie die Polizei mitteilte. Am Sonntag hatten drei Protestierende einen Platzverweis erhalten. Eine Person bekam laut Polizei eine Anzeige wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte.

Ermittelt wird wegen Störung der Religionsausübung und Hausfriedensbruch sowie wegen „versuchter gemeinschädlicher Sachbeschädigung an der Nagelkreuzkapelle“. Dabei geht es um vermutlich mit Buttersäure gefüllte Becher, die gegen die Kapelle geworfen worden waren und dort am Sonntagvormittag gefunden wurden. Zudem hätten mittlerweile verschiedene Personen Strafanzeigen wegen Störung der Religionsausübung gestellt.

Störungen auch aus den Fenstern des Rechenzentrums 

Problematisch für das Kreativhaus wird, dass der Gottesdienst auch aus den Fenstern des Rechenzentrums gestört wurde. „Gepfiffen und gebrüllt wurde während des gesamten Gottesdienstes auch lautstark aus den Fenstern des Rechenzentrums“, so Eschenburg. Besonders stößt ihm auf, dass die Kulturmanagerin des Rechenzentrums, Anja Engel, beim Gottesdienst anwesend war und nichts gegen das Geschrei unternommen habe. „Die Vorfälle machen eine schlichte Rückkehr zu einem von gegenseitiger Achtung geprägten nachbarschaftlichen Verhältnis so einfach nicht möglich“, so Eschenburg.

Womöglich haben einige der Protestierenden mit ihren Aktionen an dem Ast gesägt, auf dem die Kreativen im Rechenzentrumsprichwörtlich sitzen. Denn der Stiftung Garnisonkirche gehört ein Teil des Grundstücks, auf dem das Rechenzentrumsteht. In der 2013 erteilten Baugenehmigung für die Garnisonkirche war davon ausgegangen worden, dass das Rechenzentrum abgerissen sein wird. In Abstimmung mit der Stiftung hatte die Stadt das Rechenzentrum seit 2015 jedoch als Quartier für die unter Raumnot leidende Kreativszene genutzt.

Sprecherrat des Rechenzentrums erklärt: Stinkbomben keine akzeptable Meinungsäußerung

Räume brauchen die Kreativen auch weiterhin. Deshalb hatte man sich zuletzt unter Vermittlung von Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) auf eine Verlängerung bis 2023 geeinigt. Dadurch entstehende Mehrkosten von bis zu 460 000 Euro trägt die Stadt. Dafür stimmte der Hauptausschuss in dieser Woche. Doch all das hängt am Wohlwollen der Stiftung.

Der Sprecherrat des Kreativhauses hatte erst am Donnerstag auf die Geschehnisse vom Sonntag reagiert. In einer Mitteilung distanzierte man sich: „Einzelne Handlungen, insbesondere das Werfen von Stinkbomben auf das Baufeld der Garnisonkirche, übersteigen jede Form akzeptabler Meinungsäußerung und widersprechen dem Grundrecht auf ungestörte Religionsausübung“, hieß es darin. Das offene, türlose Atelier eines Künstlers sei missbraucht worden. Dabei seien auch einige Kunstwerke stark beschädigt worden. Auch andere Räume im direkten Umfeld seien durch den Gestank derzeit nicht nutzbar. In der Stiftung wird diese Distanzierung als halbherzig betrachtet. Die Vertreter des Rechenzentrums müssten sich mehr bewegen, bevor man wieder über die Zukunft miteinander sprechen könne, hieß es. 

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