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Garnisonkirche

  • 05.10.2017
  • von Henri Kramer

Garnisonkirche in Potsdam: Blinde Flecken bei der Aufarbeitung?

von Henri Kramer

Dunkle Kapitel beim Wiederaufbauprojekt ausgeklammert? Die Stiftung Garnisonkirche muss sich heftige Kritik anhören. Foto: A. Klaer

Der Streit um die Garnisonkirche geht in die nächste Runde: Beim Wiederaufbauprojekt werden dunkle Kapitel der umstrittenen Geschichte totgeschwiegen, kritisiert die Martin-Niemöller-Stiftung.

Potsdam - Die Stiftung Garnisonkirche arbeitet bei der Aufarbeitung der umstrittenen Geschichte des Baus mit einer Mischung aus „Fehlinformationen, Halbwahrheiten und blinden Flecken“. Zu diesem Ergebnis kommt ein zweites Gutachten der Martin-Niemöller-Stiftung, die das Wiederaufbauprojekt seit Monaten schon kritisiert. Nach einer Sichtung, etwa der Internetseite zur Garnisonkirche, ergebe sich bei den inhaltlichen Angeboten der Stiftung Garnisonkirche ein „geschöntes Bild“, welches „von einem historisch qualifizierten und verantwortungsbewussten Umgang mit Geschichte weit entfernt“ sei, so das Gutachten.

Verstrickung der Garnisonkirche in das NS-Regime "komplett geleugnet"

Konkret würde etwa die Nutzung der Garnisonkirche „als Ruhmeshalle der preußischen und deutschen Armee“ während der Zeit des Deutschen Kaiserreiches „kaum thematisiert“. Auch die Funktion der Kirche während der Weimarer Republik „als Kundgebungsstätte für rechtsextreme Organisationen“ werde relativiert und als bloße zeittypische Nutzung gewertet. Auch die Verstrickung der Garnisonkirche in das NS-Regime werde „komplett geleugnet“ – stattdessen werde eine „enge Verbindung“ zwischen der Garnisonkirche und dem gegen Hitler gerichteten Staatsstreich am 20. Juli 1944 suggeriert. Insofern werde „ausgeblendet und glatt gezogen, was die Plausibilität der vorgefassten Entscheidung für eine historisierende Rekonstruktion des Gebäudes infrage stellen könnte“, so das Gutachten.

Opferverbände sollen beim Wiederaufbauprojekt mitreden

Und weiter heißt es: „Wer aber hier die Geschichte verfehlt, läuft Gefahr, auch die Gegenwart nicht angemessen zu erfassen, und dass ihm die angestrebte ,Versöhnung’ zur Selbst-Entschuldung wird.“ Man empfehle daher einen Neustart der inhaltlich-konzeptionellen Arbeit „in einer erweiterten Trägerschaft von wissenschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen und kirchlichen Kräften, insbesondere von Opferverbänden“. Bis diese Arbeit Früchte trägt, empfehle man einen Baustopp, so die Niemöller-Stiftung – eigentlich soll der Turmbau der 1968 auf Geheiß der DDR-Spitze gesprengten Kirche in diesem Herbst beginnen. Auch potentielle Spender ruft die kirchennahe Stiftung auf, sich zurückzuhalten. Bereits im März hatte die Stiftung in einem ersten Gutachten festgestellt, für eine angemessene Geschichtsaufarbeitung seien bei dem Wiederaufbauprojekt zu wenig Geld und Personal eingeplant, zudem sei das Konzept inhaltlich viel zu vage. Die Stiftung Garnisonkirche hatte das zurückgewiesen, unter anderem auf fehlende Förderung von Bund und Land verwiesen.

Stiftung Garnisonkirche weist Kritik von sich

Auch auf das neue Gutachten reagierte Stiftungsvorstand Wieland Eschenburg in einer ersten Reaktion äußerst kühl. Es sei mitnichten so wie suggeriert, dass die Wiederaufbaustiftung einen Bogen um dunkle Punkte der Historie mache, dies zeige sich schon an vielen Veranstaltungen zum Thema Geschichte. Falsche Darstellungen der Geschichte der Kirche, sollten diese passiert sein, würden aber selbstverständlich korrigiert, sagte Eschenburg. Er hoffe endlich auf einen Dialog mit der Niemöller-Stiftung, auch im Sinne der angestrebten Versöhnungsarbeit im künftigen Turm der Kirche. Schon in der Vergangenheit hatte Vorstand Eschenburg kritisiert, die Niemöller-Stiftung rede „lieber über uns als mit uns“. 

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