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  • 14.08.2017
  • von Andrea Lütkewitz

Für alle, die gelitten haben

von Andrea Lütkewitz

In Potsdam wurde in zahlreichen Gedenkveranstaltungen an den Bau der Berliner Mauer vor 56 Jahren erinnert. Unter den Teilnehmern waren auch viele Zeitzeugen

Kurz bevor es losgeht, wird Maria von Pawelsz-Wolf gebeten, sich in die erste Reihe zu setzen. Sie ist am Sonntag nicht irgendein Gast der von rund 200 Menschen besuchten Gedenkveranstaltung an der Glienicker Brücke anlässlich des 56. Jahrestags des Mauerbaus. Die Berliner und Brandenburger CDU hatten sie eingeladen, weil sie als Tochter des Ost-CDU-Mitbegründers Wilhelm Wolf – seinerzeit erster Landesvorsitzender der CDU Brandenburg und Vizepräsident des Landtags – eine Zeitzeugin ist.

„Mein Vater starb am 14. Mai 1948 in Folge eines Autounfalls auf der Avus“, erzählt die 78-Jährige. Unter mysteriösen Umständen sei das geschehen, sie sei davon überzeugt, dass er „von der ostdeutschen Regierung ermordet wurde“. Weil er in einer Rede auf einem Parteitag geäußert habe, dass aus seiner Sicht alles für eine deutsche Wiedervereinigung getan werden müsse. Und bei der Beerdigung habe ein Parteifreund ihrer Mutter Erika Wolf zugeflüstert: „Ich bin aber nicht der Mörder Ihres Mannes“. 1950 entschließt sich die Witwe, mit ihren Kindern in den Westen zu fliehen.

Das sei zwar viele Jahre vor dem Mauerbau gewesen, doch das Gedenken an die Menschen, die bei Fluchtversuchen ums Leben kamen, sei auch ein Anlass, sich an alle anderen zu erinnern, die unter der SED-Herrschaft gelitten haben, sagt Pawelsz-Wolf.

Niemals dürften diese Opfer vergessen werden, mahnten auch die Redner bei der Veranstaltung an – darunter Ingo Senftleben, Landesvorsitzender der CDU Brandenburg, Dieter Dombrowski, Bundesvorsitzender der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) und Vizepräsident des Landtags Brandenburg, sowie Stefan Evers, Generalsekretär der CDU Berlin.

Dombrowski, der in den 1970er-Jahren selbst wegen „ungesetzlichen Grenzübertritts“ zwei Jahre im Stasi-Gefängnis saß, fand dabei auch kritische Töne. Es sei aus seiner Sicht beklagenswert, dass auf politischer Ebene das Thema häufig „nicht aus Empathie für die Opfer, sondern aus haushalterischer Sicht“ behandelt werde. Immer noch fehle oft Geld für die Aufarbeitung, und dabei dürfe doch gerade dieses Thema nicht „geschäftsmäßig“ abgehandelt werden.

An der Mauer in Berlin und Brandenburg starben in der Zeit von 1961 bis 1989 mindestens 140 Menschen. Rund um Potsdam fanden deshalb Gedenkveranstaltungen an betreffenden Orten statt, die erste bereits am Samstag am Griebnitzsee auf Einladung des Forum-Vereins zur kritischen Aufarbeitung von DDR-Geschichte, der an den Mauerresten in der Stubenrauchstaße der Opfer gedachte. Am Sonntag fand Gleiches an der Mauergedenkstätte im Gutspark Groß Glienicke statt, dorthin hatte der Ortsbeirat Groß Glienicke eingeladen.

Die Stadt Potsdam hatte gemeinsam mit der Fördergemeinschaft Lindenstraße zum 9. Potsdamer Mauerverlauf in den Park Babelsberg eingeladen. An einem Gang durch den Schlosspark, bei dem über dessen Geschichte zur DDR- Zeit informiert wurde, beteiligten sich Zeitzeugen wie Dieter Wiedemann, ehemals Präsident der Filmhochschule, Michael Seiler, früher Gartendirektor der Schlösserstiftung, Finanzminister Christian Görke (Linke) und Potsdams Bildungsbeigeordnete Noosha Aubel (parteilos).

Als Vertretung für Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) war Bildungsminister Günter Baaske (SPD) anwesend. Woidke ließ Worte der Anerkennung für die Fördergemeinschaft Lindenstraße 54 überbringen: Diese setze sich für die Aufarbeitung von politischer Unterdrückung ein. Den 13. August 1961 bezeichnete er als „Datum des Unrechts“, das nicht in Vergessenheit geraten dürfe. Aubel sagte in ihrer Rede in Babelsberg vor mehr als 200 Gästen, dass sie trotz des Leids, das die DDR-Regierung über viele Menschen brachte – und das sie selbst als Westdeutsche nicht erleben musste – auch Freude empfinde. Darüber, „dass sich so viele Menschen in der DDR nicht mit der Mauer abfanden“. Ihnen sei es zu verdanken, dass die Diktatur überwunden sei und man heute gemeinsam gedenken könne. Womit sie offenbar auch anderen aus der Seele sprach. Nach dem Gedenken an der Glienicker Brücke sagte Pawelsz-Wolf: „Es ist auch irgendwie ein Tag der Freude und eine wunderbare Sache, dass wir hier einfach wieder über die Brücke fahren können.“

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