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  • 01.08.2016
  • von Anne-Kathrin Fischer

Schaulaufen mit Flügelgurt und Plisseerock

von Anne-Kathrin Fischer

Emotionaler Abschied. Karin Genrich war sichtlich gerührt bei ihrer letzten Modenschau zur Erlebnisnacht. Nach 30 Jahren übergibt sie ihr Geschäft nun weiter. Foto: Manfred Thomas

Nach 30 Jahren übergibt Karin Genrich ihr Modegeschäft an die nächste Generation. Zur Abschiedsfeier gab’s auch Nostalgisches

In der Jägerstraße ist an diesem Samstagnachmittag kein Durchkommen. In einem großen Halbkreis drängen sich Besucher um das Geschäft von Karin Genrich. Die Einzelhändlerin veranstaltet anlässlich der Erlebnisnacht eine Modenschau.

Der rote Teppich vor ihrem Geschäft ist zwar bereits Tradition – doch an diesem Tag ist vieles anders: Neben der aktuellen Sommer- und Herbstkollektion werden Stücke, die in den Anfängen ihrer Geschäftstätigkeit in Genrichs Laden hingen, gezeigt: Ein lila-schwarzes Kleid mit weitem Flügelgurt, ein bunter Plisseerock mit grüner Bluse. „Das sind alles Kleidungsstücke, die Kunden vor Jahren bei mir gekauft und jetzt für die Modenschau geliehen haben“, erzählt Genrich, die nun nach 30 Jahren ihr Geschäft an Jenny Matz, der Freundin ihres Sohnes Oliver, übergeben will.

1987 eröffnete Karin Genrich ihr erstes Geschäft, die Boutique Karin in der Gutenbergstraße. Vom Trubel der Anfangszeit hat sie schon oft berichtet: An drei Tagen war der Laden geöffnet, an den anderen reiste sie durch die DDR, um an Kleidungsstücke zu kommen. In den folgenden Jahren eröffnete sie nach und nach vier Geschäfte in Potsdam und gründete die Karin Mode & Design GmbH in Babelsberg. Insgesamt 18 Frauen wurden bei ihr ausgebildet, drei umgeschult.

30 Jahre – da gab es einige Momente, die Genrich nie vergessen wird. „Die Maueröffnung war so ein unwirkliches Erlebnis“, erinnert sich die heute 71-Jährige. Im Schlosshotel Cecilienhof organisierte Genrich gerade eine Modenschau, als die Glienicker Brücke öffnete. „Da haben wir uns dann mit allen Models in einen Barkas gesetzt und sind rüber gefahren.“ 1991 war sie das erste Mal bei einem Unternehmerkongress in Nürnberg und erzählte spontan vom Handel im Osten. Von den 200 Gästen waren nur 20 weiblich. „Das war schon ein ganz besonderer Moment.“ Ihr war es immer ein Anliegen, dass Frauen stärker beachtet werden. „Gerade der Handel wird ja von ihnen repräsentiert“, sagt sie.

Seit 2014 ist sie als erste Frau Vizepräsidentin im Vorstand des Handelsverbandes Deutschland (HDE), seit 2005 außerdem Präsidentin des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg. Dessen Geschäftsführer Nils Busch-Petersen brachte am Samstag persönlich einen Blumenstrauß vorbei. Genrich war sichtlich gerührt. Immer wieder griff sie zum Mikrofon, um ihren zahlreichen Wegbegleitern zu danken. „Mein Mann hat mich immer ge- und ertragen“, sagte sie beispielsweise.

Er war es auch, der ihr 2000 den Kopf wusch, als sie einen Anruf von jemanden erhielt, der sie mit französischem Akzent in den Élysée-Palast einlud, an einen Scherz dachte und zunächst einfach auflegte. „Das kannst du doch nicht machen“, sagte er und hatte recht: Als erste ostdeutsche Unternehmerin wurde Karin Genrich mit dem „Prix Europe“ vom Conseil Européen Femmes Entreprises et Commerce ausgezeichnet und reiste nach Frankreich. 2005 bekam die Unternehmerin für ihr soziales Engagement das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Bevor sie 1987 ihre Damenmodeboutique eröffnete, dachten Genrich und ihr Mann ans Ausreisen – bis ihnen klargemacht wurde, dass sie dann ihren Sohn zurücklassen müssten. Insgesamt vier Ausbildungen hat Genrich gemacht, zuerst zur Dekorateurin, dann zur Betriebswirtin, zur Werbe-Ökonomin und später folgte ein Studium zur Diplom-Pädagogin. „Aber mir war während der Promotion deutlich geworden, dass es das nicht ist“, sagt sie. „Ich wollte also etwas Eigenes auf die Beine stellen. Dann ist die künstlerische Seite in mir erwacht.“

So wurde es ein Mode-Fachgeschäft, das nun in der Familie bleibt und am 3. September neu eröffnet. „Ich freue mich, mit mehr Muße leben zu dürfen.“ Mit ihrem Mann will sie mehr Kultur erleben. Ganz zur Ruhe kommen wird sie aber nicht: Genrich plant, ein Coaching für Frauen in der zweiten Lebenshälfte anzubieten. Und an ein bis zwei Tagen in der Woche will sie im Geschäft sein und Beratung anbieten. „Den Frauen Selbstwertgefühl geben, das war mir immer wichtig.“ Und 2017? „Auch nächstes Jahr sind wir bei der Potsdamer Erlebnisnacht dabei“, sagt Genrich. „Traditionen wollen gepflegt werden.“ Anne-Kathrin Fischer

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