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  • 05.03.2015
  • von René Schuster

Braunkohle aus der Lausitz: Die Bürger zahlen die Rechnung - noch auf Jahrzehnte

von René Schuster

In Brandenburg regt sich Widerstand gegen die geplante Erweiterung des Braunkohletagebaus Welzow-Süd II. Das Foto zeigt einen Sternmarsch, der vor ein paar Wochen stattgefunden hat.

Die Folgen der Braunkohleförderung werden noch Jahrzehnte die Lausitz prägen. Aber selbst in Berlin werden die Probleme mit dem Wasserhaushalt ankommen. Ein Gastkommentar.

Hinlänglich bekannt ist, dass Braunkohle der weltweit klimaschädlichste Energieträger ist. Dass Deutschland weltweit den meisten Braunkohlestrom produziert, wissen schon weniger Menschen. Auch wenn dieses Thema topaktuell ist, will ich in meinem Diskussionsbeitrag auf den Wasserhaushalt eingehen. Denn zu wenigen ist bewusst, dass auch diese Folgen der Tagebaue nicht etwa auf die Lausitz beschränkt bleiben. Sie betreffen den Spreewald genauso wie Frankfurt(Oder) und Berlin. Aber vor allem drohen die Folgeschäden einmal mehr dem Steuerzahler aufgebürdet zu werden. Wenn wir jetzt nicht aufpassen, zahlen wir noch viele Jahrzehnte dafür, dass heutige Landesregierungen in Potsdam und Dresden die Kohlewirtschaft so zwanghaft hofieren.

In den kurz nach 1990 stillgelegten DDR-Tagebauen steigt seitdem das Grundwasser an, aber erst nach etwa zwanzig Jahren spült es plötzlich in großen Teilen der Lausitz Eisen in Flüsse und Seen. Brauner Ockerschlamm bedeckt den Grund und tötet das Wasserleben. Es wird geschätzt, dass allein die DDR-Tagebaue die Gewässer noch mindestens 100 Jahre lang belasten werden. Solange ist das offizielle Sanierungsziel, ein „sich selbst regulierender Wasserhaushalt“, unerreichbar und ständige Gegenmaßnahmen nötig. All das ist Sache des Steuerzahlers, für den eine Sanierungsgesellschaft die DDR-Tagebaue verwaltet. Doch nun soll in der ersten Vattenfall-Grube ebenfalls das Wasser wieder steigen. Ende des Jahres ist die Kohle im Tagebau Cottbus-Nord alle, wenige Jahre später soll das Loch geflutet werden.

Auch Vattenfall will die Tagebaue fluten 

So mancher will uns glauben machen, dass ein Vattenfall-See keines der Probleme kennt, mit denen vom Steuerzahler geflutete Seen von sich reden machen. Dabei wurden mit derselben Technologie dieselben geologischen Schichten durcheinandergewürfelt. Es gab in den vergangenen Wochen Gelegenheit die Verheißungen des privatisierten Bergbaus nachzuprüfen, denn Vattenfalls Antrag zur Schaffung des Sees liegt kurz vor Schließung des Tagebaus nun doch noch vor. Das Ergebnis ist ernüchternd, wie zwei Beispiele zeigen.

Im Grundwasser der Tagebaukippe Cottbus-Nord herrschen nach Vattenfall-Angaben Konzentrationen von bis zu 700 Milligramm Eisen pro Liter (ab zwei Milligramm färben sich Flüsse braun) und bis 3000 Milligramm Sulfat pro Liter (Trinkwassergrenzwert: 250 Milligramm pro Liter). Vattenfall erwartet, das Kippenwasser würde dort sicher eingeschlossen bleiben. Der „Cottbuser Ostsee“ also ein sicheres Endlager für Sulfat und Eisen? Die Fachleute der Naturschutzverbände sind sich sicher: Sobald sich die ursprüngliche Fließrichtung des Grundwassers wieder einstellt, kann ein Abströmen von Kippenwasser aus dem See nicht ausgeschlossen werden. Sickert es – und sei es nach Jahrzehnten - von der Seite in die Gräben und Bäche, dann ist der braune Schlamm binnen weniger Tage im Spreewald. Der zählt nicht nur ökologisch zum „Tafelsilber der deutschen Einheit“, sondern seine Tourismuswirtschaft allein kann schon mindestens so hohe Arbeitsplatzzahlen vorweisen wie die Braunkohle. Und sie lebt von intakter Natur.

Verursacher von Schäden sollen die Kosten tragen

Wird Vattenfall das Grundwasser für Jahrzehnte nach dem Bergbau überwachen und bei Alarmsignalen unverzüglich und unbefristet alle machbaren Gegenmaßnahmen ergreifen? Oder wird das Unternehmen über alle Berge und von der Landesregierung aus der Haftung entlassen worden sein? Diese Gefahr ist akut. Wir werden dafür streiten, dass der Verursacher die Kosten trägt. Ist die Landesregierung dabei an unserer Seite oder ist sie zu sehr damit beschäftigt, neuen Tagebau-Inhabern den roten Teppich auszurollen, koste es buchstäblich was es wolle? Vattenfall geht bereits davon aus, dass „das Land Brandenburg den Cottbuser Ostsee übernehmen wird“

 Ein zweites Beispiel: Die Versalzung der Spree mit Sulfat geht zu etwa 80 Prozent auf den aktiven Braunkohlenbergbau in der Lausitz zurück. Sie stellt inzwischen die Einhaltung des Sulfat-Grenzwertes von 250 Milligramm pro Liter bei der Trinkwassergewinnung aus Uferfiltrat für zwei Millionen Wasserkunden in Berlin und Frankfurt/Oder in Frage. Zugleich zersetzt Sulfat Betonbauwerke am Gewässer, überwiegend also Anlagen der öffentlichen Infrastruktur. Vattenfall will nun einen See schaffen, aus dem Wasser mit 500 Milligramm pro Liter in die Spree abfließt. Das Unternehmen bestreitet gar nicht, dass dadurch der Sulfatgehalt der Spree steigen wird und bisherige Zielwerte nicht mehr erreicht werden. In seinem Antrag verlangt Vattenfall unverhohlen, der Zielwert „sollte daher im Rahmen des Verfahren neu festgelegt werden.“ Vattenfall sieht sich hier offensichtlich nicht als Antragsteller, sondern will der Gewässerbewirtschaftung in Berlin und Brandenburg die Rahmenbedingungen vorschreiben. Andersherum wird ein Schuh draus: Die Behörden müssen einen Grenzwert für die Einleitung festsetzen!

 Der Streit um Welzow-Süd II und Nochten II

Wo es beim Cottbuser Tagebauloch nur noch um Nachsorge und Kostenaufteilung gehen kann, haben wir bei den geplanten Tagebauen Welzow-Süd II und Nochten II noch die Chance, den Schaden abzuwenden oder zumindest gering zu halten.

Wer die Gutachten aufmerksam studiert, erkennt: Die Restseen dieser Tagebaue werden in einigen Jahrzehnten den Durchfluss der Spree nach Berlin verringern. In Zeiten des Klimawandels neue riesige Wasserflächen anzulegen, die im Sommer Millionen Kubikmeter aus dem Einzugsgebiet der Spree verdunsten, ist nicht verantwortbar. Mehr als dreißig Quadratkilometer soll allein der Nochtener See groß werden. Und das nur, weil große Seeflächen für den Bergbaubetreiber die billigste Form der Rekultivierung sind. Aber wird dieser Betreiber am Ende des Jahrhunderts für die Wasserversorgung Berlins haften? Wie soll er das aus der dann fünfzig Jahre zurückliegenden Kohleverstromung finanzieren? Hier gilt es, nicht nur bis zur nächsten Wahl zu denken und wirklich Verantwortung zu übernehmen.

René Schuster gehört zur Umweltgruppe Cottbus. Sie entstand 1987 unter dem Schutz der Kirche, seit 1990 gehört sie dem Umweltnetzwerk Grüne Liga an. Heute konzentriert sie sich auf die Tagebauprobleme der Region und stellt Informationen auf der Internetseite www.lausitzer-braunkohle.de zur Verfügung. Im Rahmen der Braunkohle-Debatte auf Tagesspiegel.de haben sich bereits unter anderen Ministerpräsident Dietmar Woidke, der Hauptgeschäftsführer der IHK Cottbus, Wolfgang Krüger, sowie Christian von Hirschhausen, Professor an der TU Berlin mit dem Fachgebiet Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik, geäußert.

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