26.05.2016, 17°C
  • 03.08.2015
  • von Steffi Pyanoe

Restaurant Kade auf dem Pfingstberg Potsdam: Bouletten für die Kanzlerin

von Steffi Pyanoe

Der Chef. Eigentlich wollte Mario Kade Meeresbiologe werden und den Mariannengraben erforschen. Heute sei er Kellner mit Leib und Seele, sagt der Restaurantbetreiber. Fotos: B. Stelley

Seit 25 Jahren gibt es das Restaurant Kade auf dem Pfingstberg. Zum Jubiläum wird ein Retro-Menü gekocht

Mario Kade blickt auf das Regenradar, dann in den dunklen Himmel über Potsdams Norden. „Wir sammeln mal die Tischdecken ein“, sagt er und packt selbst mit an. „In zehn Minuten ist der Regen hier“. Er wird Recht haben, auch wenn einige Gäste auf der Terrasse mit den acht prächtigen Linden das nicht hoffen. Aber Kade, Inhaber des Restaurants am Pfingstberg, kennt Aussicht und Wetter seit 25 Jahren. Seit 1. August 1990 gibt es das Familienrestaurant mit „Potsdams schönster Aussicht“, wie Kade gern sagt. Die Familie gehört zu der handvoll Potsdamer Gastronomen, die nach der Wende neue Wege einschlugen und bis heute erfolgreich sind. Und auch wenn Kade meist sparsam mit Eigenlob umgeht – das sei doch Grund zum Feiern.

Zum Beispiel mit einem Retro-Menü, was es den September über geben soll – genau das, was damals auf der Karte stand: Steffis Soljanka, Schweinesteak mit gebuttertem Pfirsich, Cocktailsoße, Pommes Frites und kleinem Salat, als Nachtisch gemischtes Eis mit Sahne. Für 20 D-Mark, falls man noch welche hat, oder 10,22 Euro. Auch wenn heute längst anders gekocht wird bei Kades, blickt der Gastronom fast liebevoll auf diese Zusammenstellung. Und ergänzt: Natürlich muss der Pfirsich aus der Dose kommen, damit er wirklich süß ist.

Heute kommt nichts mehr aus Tüte oder Tetrapack. Soweit das Land hergibt, was er für die Berliner bis leicht mediterrane Küche braucht, kauft Kade regional, bevorzugt kurze Wege. Das Wild kommt aus dem Fläming, der Spargel aus Glindow.

15 Beschäftigte arbeiten hier, es wird ausgebildet. Die Kundschaft besteht aus Stammgästen aus der Region und vielen Touristen, Spaziergänger, die sich das Belvedere oder den neuen Garten angesehen haben, mit Rad oder Wassertaxi angereist sind. Vor zwei Jahren ließ Kade kleine Karten mit Wandertouren durch Potsdam und Umland drucken – ganz klar Marketing in eigener Sache, weil er die Gäste selbstredend zur Einkehr ins Restaurant ermutigte. Aber auch ein hübscher, praktischer Service für Ortsunkundige.

Vor 25 Jahren hatten Kade und seine Mutter, mit der er die Kneipe des Kleingartenvereins „Bergauf“ übernahm, ganz andere Sorgen. Damals musste das Dach dicht gemacht, überhaupt alles auf Vordermann gebracht werden. „Das war ein Schuppen“, erinnert sich Kade. Aber die Familie war Gastronomie-erfahren, die Eltern hatten seit den 50er-Jahren stets erfolgreich Restaurants in Fahrland und Werder geführt. Dann war das Gartenlokal zu haben. Vereinsmitglieder und Nachbarn – Kades wohnten in Sichtweite in der Höhenstraße – sagten: Ihr schafft das. Und packten mit an, beim Dachdecken, beim Zaunsetzen. Familie Kade ging derweil Klinkenpuzen bei den Banken. 30 000 Mark war schließlich die Ausbeute, mit 17 Prozent Zinsen. Was anderes war nicht zu bekommen gewesen. Damit kam man nicht weit, aber dann ein Glücksfall: Mit den letzten 1000 Mark holten sie aus einem aufgelösten Ferienlager eine komplette Küchenausrüstung, Tische, Stühle, Stoff für Vorhänge.

Weil der Gastraum erst im November fertig wurde, verkaufte man zunächst über einen Gartenausschank Imbiss und Getränke. „Wir waren die ersten hier in der Ecke, die Leute freuten sich, als es endlich losging.“ 2001 kam die Bundesgartenschau (Buga) nach Potsdam, ganze Busladungen Besucher kehrten bei ihnen ein, die Kasse klingelte. Doch unter dem Massenbetrieb litt letztlich die Qualität, Stammkunden blieben weg. Das Jahr nach der Buga war ernüchternd. Neue Ideen mussten her, im Herbst verteilte Mario Kade höchstpersönlich Handzettel in den Briefkästen, warb für ein Martinsgans-Essen. Der Neustart gelang, im ersten Jahr verkaufte man 45 Gänse, 2014 waren es 850. Die Kunden kamen wieder und hatten selbst neue Ideen, Musiker und Kabarettisten wollten bei ihm auftreten. Die Reihe „Kunst und Kulinarik“ gibt es bis heute. Daneben betreibt Restaurantchef eine ganz spezielle Kundenaquise: Mit Etikettekursen. Jedes Jahr kommen mehrere Schulklassen und lernen anhand von drei Gängen, wie man richtig mit Messer und Gabel umgeht, sich nett anzieht, den Damen die Tür aufhält. Klingt spießig, werde aber sehr gut angenommen.

Seit 1997 ist Mario Kade alleiniger Inhaber. Damals ging seine Mutter in den Ruhestand. Der Sohn sollte allein zurecht kommen, Chef werden. Dabei wollte er niemals in die Gastronomiebranche. „Ich wollte Meeresbiologie studieren, vor der chilenischen Küste segeln, den Mariannengraben erforschen“, sagt er. Doch drei Jahre Armee für einen Studienplatz, wie zu DDR-Zeiten üblich, das war ein zu hoher Preis. Er lernte Offset-Drucker. Und stieg dann überraschend doch in die Firma ein, als der Vater plötzlich verstarb, machte per Fernstudium seinen Restaurantfachmann. „Ich bin heute mit Leib und Seele Kellner“, sagt er. Er braucht den Kontakt zum Kunden, zur Basis, ist Teil des Dienstplans wie alle anderen.

2003 bis 2013 war er Vorsitzender der Dehoga Potsdam, wurde 2009 für vier Jahre Präsident der Dehoga Brandenburg. Er fühlte sich durchaus geehrt. „Ich, der kleine Gastronom vom Berg“, sagt er lachend. Annerkennung ist es auch, wenn Nachbar Mathias Döpfner bei ihm einkehrt, oder Matthias Platzeck. Der dem Areal durch sein jahrelanges Engagement für den Pfingstberg besonders nahe steht. Einmal brachte der Ex-Ministerpräsident richtig prominenten Besuch mit. Angela Merkel war gerade Kanzlerin geworden und wollte Platzeck kennenlernen. Es war Winter, bei Kades nicht viel los, man versprach sich Ruhe. In der Küche bereitete man sich aufgeregt auf allerlei Spezialitäten vor. Und dann bestellte die Kanzlerin Bouletten. Das einfachste und billigste Gericht auf der Karte. „Sie sagte, die habe sie schon lange nicht mehr gegessen“, sagt Kade. Sie habe sich sehr darüber gefreut. Er verstand das gut.

Social Media

Umfrage

Soll das Rechenzentrum auch nach 2018 als Künstlerzentrum erhalten bleiben? Stimmen Sie ab!