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  • 24.09.2014
  • von Katharina Wiechers

Unterbringung von Menschen in Not: Flüchtlinge sollen wieder am Lerchensteig leben

von Katharina Wiechers

Tür an Tür. Die Unterkunft soll neben dem Obdachlosenheim entstehen. Foto: A. Klaer

Es liegt weit draußen, im Norden der Stadt: Die Stadt erwägt eine Unterbringung auf dem AWO-Gelände und verweist, obwohl man die Lage schon einmal für zu abgelegen hielt. Jetzt verweist man im Rathaus auf die stetig wachsenden Flüchtlingsströme.

Nedlitz - Es ist ein gutes Stück, das man aus Potsdam hinaus in Richtung Norden fährt, bis man kurz vor dem Weißen See in den unscheinbaren Lerchensteig einbiegt. Die Kläranlage, der TÜV und die Kompostierungsanlage werden auf den Schildern an der Kreuzung angekündigt, hier draußen ist Platz für so etwas. Noch gut zwei Kilometer die Straße entlang, weg von der Bundesstraße 2, war einmal das Potsdamer Asylbewerberheim untergebracht, auf dem Gelände der immer noch existierenden Obdachlosenunterbringung. Weil man die Flüchtlinge nicht länger an den Stadtrand abschieben wollte, wurde es 2009 geschlossen. Angesichts der derzeit dramatisch steigenden Flüchtlingszahlen wird dies aber nun wohl wieder rückgängig gemacht.

Es gebe Überlegungen, erneut eine Unterbringung für Flüchtlinge auf dem Gelände zu schaffen, bestätigte Potsdams Sozialbeigeordnete Elona Müller-Preinesberger (parteilos) am Dienstag den PNN. Die Stadt sei auf die Arbeiterwohlfahrt (AWO) als Besitzerin des Grundstücks zugegangen, diese habe grundsätzliche Bereitschaft gezeigt – auch die AWO bestätigte das auf Anfrage. Nun müssten noch die Mitglieder des Hauptausschusses dem Vorhaben zustimmen, sagte Müller-Preinesberger. Sollte dies geschehen, könnte binnen eines halben Jahres eine Unterkunft für rund 100 Menschen entstehen.

Die alten Gebäude seien aus ihrer Sicht nicht mehr nutzbar, sagte Müller-Preinesberger. Sie plädiere stattdessen für Neubauten in Modulbauweise – sprich für Container. Statt einer großen Gemeinschaftsunterkunft könnten so Einzelappartements mit separatem Bad und Küche geschaffen werden – ein deutlicher Qualitätsunterschied zu damals, wie die Sozialbeigeordnete betonte. Überhaupt habe sich die Situation seit der Schließung des Heimes 2009 deutlich verbessert. So sei mit dem Bornstedter Feld ein neues Wohngebiet in der Nähe entstanden, das auch Einkaufsmöglichkeiten biete. Außerdem sei die öffentliche Anbindung besser als damals: Früher sei der Bus nur einmal stündlich gefahren, heute sei ein 20-Minuten-Takt möglich. Derzeit verkehrt dort die Buslinie 698, die alle 40 Minuten in Richtung Kirschallee beziehungsweise zur Haltestelle Weißer See verkehrt.

Und trotzdem: Die Unterbringung weitab vom Stadtzentrum, abgeschottet von der Potsdamer Gesellschaft, widerspricht eigentlich dem Potsdamer Konzept der dezentralen und innenstadtnahen Unterbringung. Das räumt auch Müller-Preinesberger ein, nur zähneknirschend habe man den Lerchensteig in Erwägung gezogen, sagte sie. Doch angesichts der internationalen Flüchtlingsströme sei der Druck enorm. Allein in diesem Jahr müsse die Stadt noch 150 bis 170 Flüchtlinge unterbringen, 2015 kämen weitere 400 hinzu. Sie alle in Wohnprojekten unterzubringen sei schlicht unmöglich – die Zahl der Flüchtlinge steige schneller, als Wohnungen zur Verfügung gestellt werden könnten.

Die Alternative sei, Turnhallen von Schulen zu schließen und Feldbetten aufzustellen, sagte Müller-Preinesberger. Das würde bedeuten, dass weder Schul- noch Vereinssport betrieben werden könnte. Den Flüchtlingen würden außerdem Massensanitäranlagen zugemutet, sie könnten nicht selbst kochen und müssten komplett auf Privatsphäre verzichten. „Wenn man das gegenüberstellt, ist eine Unterbringung am Lerchensteig die deutlich bessere Option.“

Derzeit leben rund 320 Flüchtlinge in Potsdam. Neben der zentralen Unterkunft am Schlaatz – sie ersetzte damals das Heim am Lerchensteig – gibt es noch die Wohnprojekte in Potsdam-West und im Staudenhof, wo Flüchtlinge in Wohnungen Tür an Tür mit alteingesessenen Potsdamern wohnen. Dieses „Potsdamer Modell“ gilt als Vorzeigeprojekt auch für andere Brandenburger Kommunen, wie auch Sozialminister Günter Baaske kürzlich betonte.

Doch angesichts knappen Wohnraums und immer größerer Flüchtlingsströme muss die Stadt nun zweigleisig fahren – und wieder auf Sammelunterkünfte am Rande der Stadt setzen. Einen Vorteil habe das Gelände am Lerchensteig aber im Vergleich zur Innenstadt, wie Müller-Preinesberger betonte. Viele der Flüchtlinge kämen aus südlichen Ländern und seien es gewohnt, sich viel im Freien aufzuhalten, dort zu grillen oder gemeinsam Tee zu trinken. Zumindest das ist am Lerchensteig kein Problem – Platz gibt es dort genug. (mit HK)

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