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  • 28.08.2014
  • von Grit Weirauch

Nach Höherem gestrebt

von Grit Weirauch

Rettende Idee. Das Schulhaus wäre nach der Wende fast verkauft worden. Foto: A. Klaer

Die Kleist-Schule feiert den 275. Geburtstag ihres Namensgebers – und ihr Haus als lebendigen Ort der Kultur

Die Dellen der Geschichte lassen sich nicht so leicht glätten. Mehr als ein Dutzend Generationen an Schülern sind die Treppe im Gebäude der Kleist-Schule seit 1739 hinauf- und hinuntergelaufen. Jetzt, zum Beginn des neuen Schuljahres und pünktlich zum 275. Geburtstag des Namensgebers, liegt ebenmäßig schwarzer Linoleumbelag über den Holzstufen des ältesten barocken Gebäudes in Potsdam. Doch der Gang darauf ist eigenartig: Die Füße spüren die ausgetretenen Stiegen, sinken fast ein wenig ein und lassen eilige Schritte langsamer werden.

In ihrem Büro sitzt Angela Hoffmann und spricht über ihre Schule als lebendigen Kulturort. Seit 2001 ist sie Schulleiterin hier in der Friedrich-Ebert-Straße 17. Das große Tor zur Straße hin stehe immer offen bis abends 22 Uhr, ihre Schule solle zugänglich für jedermann sein. Den Bildungsbegriff im engeren Sinne will sie sprengen – stattdessen sollen die Schüler sich mit diesem Ort identifizieren. „Wir haben von Anfang an auch an die Geschichte des Hauses gedacht“, sagt sie. Ihr Anfang war die Abendschule von Potsdam. Mit vielen öffentlichen Veranstaltungen sollte das Erbe des Hauses wiederbelebt werden und wird es immer noch. Zum Festakt am heutigen Donnerstag sind deswegen nicht nur Bildungspolitiker geladen, sondern auch eine Schriftstellerin und der Vorsitzende des Familienverbandes derer von Kleist.

Die Schule wurde 1739 als zweite Stadtschule gegründet, weil die erste – in der Nähe der Nikolaikirche – zu klein wurde und weil die neue Grande Ecole eine Gelehrtenschule sein sollte. Doch für das höhere Niveau fehlte es an Lehrern und Geld. Wer zur Universität wollte, musste zusätzlichen Privatunterricht nehmen, sogenannten Separatistenunterricht. So auch Heinrich von Kleist, der sich 1798/99 hier auf ein Studium in Frankfurt an der Oder vorbereitete. Erst 1812 wurde die bis dato Lateinschule als Gymnasium anerkannt. In den nächsten Jahrzehnten allerdings platzte sie zunehmend aus allen Nähten, sodass 1878 der Gymnasialteil in eine eigene, die Victoria-Schule – das heutige Helmholtz-Gymnasium – in der Kurfürstenstraße, zog.

Damit wurde die Grande Ecole zur reinen Mädchenschule für den Einzugsbereich des Holländischen Viertels. Bis in die ersten Jahre der DDR, bis in die 50er-Jahre hinein, blieb die Grande Ecole Mädchen vorbehalten. Noch heute, erzählt Schulleiterin Hoffmann, kämen öfter mal ältere Damen, die hier ihre Schulzeit verbrachten und darum bitten, den Ort ihrer Erinnerungen zu begehen.

Bis zur Wende war in dem Gebäude eine Polytechnische Oberschule untergebracht, bis 1998 eine Grundschule. Danach Jahre des Leerstands und des Verfalls. „Viele Fenster hatten kein Glas mehr, alles war raus, es gab kein Mobiliar mehr. Denn man ist nicht davon ausgegangen, dass man es als Schule weiter nutzen konnte.“ Der weitere Betrieb einer Grundschule war aufgrund der Bausubstanz ausgeschlossen. Die Stadt musste entscheiden, was mit dem Gebäude geschehen soll – ob die Immobilie verkauft werden sollte oder ob sie die Stadt weiter nutzen wollte. Hoffmann erarbeitete daraufhin ein Konzept für eine Schule für Erwachsenenbildung.

Der morbide Charme hatte sie angesprochen: „Den Reiz des Gebäudes hat man gespürt.“ Vor allem auch im Innenhof. „Die Wurzeln der Bäume haben sich aus dem Boden herausgedrückt“, erzählt sie. Der typische DDR-Bitumenbelag war aufgebrochen und hinterließ eine Dellenlandschaft, in der manche Tür des Gebäudes sich nicht einmal mehr öffnen ließ.

„Schulgeschichtlich ist es ein Glücksfall für Potsdam, dass es hier immer noch eine öffentliche Schule gibt“, sagt Hoffmann. „Wo Potsdam nicht so viele Orte für junge Erwachsene mitten in der Stadt hat.“ Quer durch alle sozialen Schichten lernen heute in der Kleist-Schule Menschen, die, wie Hoffmann sagt, „auf der Suche sind und sich bewegen wollen“. Sie können ihren Realschulabschluss oder ihr Abitur nachholen, sich zwischen Schule und Universität bewegen – an einem Ort, wo man schon einst nach Höherem strebte. Grit Weirauch

Der Festakt beginnt um 17 Uhr im barocken Innenhof in der Friedrich-Ebert-Straße 17. Weitere Veranstaltungen in dieser und kommender Woche

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