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  • 24.03.2014
  • von Erik Wenk

Auf ewig bunt

von Erik Wenk

Bunter Fleck. Das U-24 ist seit sieben Jahren im Mietshäusersyndikat. Foto: Andreas Klaer

Hausprojekte wie das U-24 sichern sich in einem Syndikat gegen Spekulanten in den eigenen Reihen

Babelsberg - Leuchtend blaue Fassade, die Eingangstür mit Plakaten und Stickern übersät, darüber ein kleines chinesisches Vordach: Das „U-24“ sticht heraus aus diesem beschaulichen Teil von Babelsberg. Das alternative Wohnprojekt in der Uhlandstraße 24 ist nicht nur wegen der Mischung aus Werkstatt, Infostelle, Konzertort und Wohnraum für 17 Menschen ein bunter Fleck: Zusammen mit dem Projekthaus Babelsberg und den „Eichelkämper_innen“ in Nedlitz gehört das U-24 zu den Potsdamer Hausprojekten, die Mitglied im „Mietshäusersyndikat“ sind.

Es handelt sich um ein wachsendes Netzwerk, dem bundesweit 79 Hausprojekte und 29 Initiativen angehören, die noch Häuser suchen. Gegründet wurde das Syndikat 1992 von ehemaligen Hausbesetzern in Freiburg (Baden-Württemberg): „Zum einen stellt der Name einen Geschichtsbezug zum Syndikalismus her, der eine zentralistische Organisationsform ablehnt“, so Syndikats-Sprecher Jan Bleckert. Zum anderen bedeute das lateinische ,syndicus’ soviel wie ‚Verwalter einer Angelegenheit’. Und genauso verstehe sich die Beteiligungsgesellschaft.

Immer wieder hätten Gründer mit ansehen müssen, wie alternative Projekte ihre idealistischen Ziele vergaßen, so Bleckert: Gebäude wurden mit Gewinn verkauft, weil sie dank vieler Eigenleistungen eine Wertsteigerung erfahren hatten. So wurden Häuser, die bezahlbaren Wohnraum und Freiräume bieten sollten, wieder Teil des Wohnungsmarkts, mit entsprechenden Mieten.

Um das zu verhindern, habe das Syndikat eine Wächterfunktion, sagt Bleckert: Wohnprojekte, die sich zur Mitgliedschaft entscheiden, gründen eine Hausbesitz GmbH, die zwei Gesellschafter hat: Hausverein und Syndikat. Vertraglich ist festgelegt, dass bei Fragen wie Verkauf oder Umwandlungen in Eigentumswohnungen beide zustimmen müssen – was nie passiere. Der Hausverein kann zwar aussteigen, hat aber keinen Gewinnanspruch, also keinen Anreiz. „Ein Ausstieg ist quasi unmöglich“, so Bleckert. So stünden die Häuser der Spekulation auf Dauer nicht mehr zur Verfügung.

Die U-24-Bewohner entschieden sich 2008 für die Mitgliedschaft im Mietshäusersyndikat: 1994 hatte die Stadt Potsdam den Hausbesetzern das Haus mit 900 Quadratmeter großem Grundstück als Ausweichobjekt bereitgestellt, musste es jedoch 1999 an eine Erbengemeinschaft zurückübertragen. Es folgte ein langes Hin und Her, 2007 stand die Räumung bevor. Als Alternative gab es immerhin ein Kaufangebot vom Eigentümer. „Für uns war es die schlechteste Variante“, sagt Eric Leonard, der seit 2007 im U-24 wohnt. „Wir strebten eigentlich eine politische Lösung an und sahen die Stadt in der Pflicht.“

Über das Projekthaus Babelsberg kam der Kontakt zum Syndikat zustande, dem sich das U-24 zunächst vorstellen musste: „Über die Mitgliedschaft jedes neuen Projektes entscheiden die anderen Hausprojekte bei einer Vollversammlung“, sagt Leonard. Das Syndikat beriet das U-24- Wohnprojekt anschließend über Direktkredite, Bürgschaften, sogenannte Leihen-und-Schenken-Gemeinschaften und Kredite der GLS-Gemeinschaftsbank. Mit diesen Finanzinstrumenten konnten die Bewohner den Kaufpreis von 240 000 Euro aufbringen.

Laut Jan Bleckert sind die drei Säulen des Mietshäusersyndikats „Verhinderung einer Reprivatisierung von Wohnraum, Selbstverwaltung der Projekte und Solidarität mit neuen Projekten“. Etabliertere Wohnprojekte geben einen Solidarbeitrag an einen Fonds, mit dem jüngere Projekte unterstützt werden. Das U-24 zahlt derzeit 0,17 Euro pro Quadratmeter an den Fonds – eine moderate Belastung bei einer Miete von 5,55 Euro.

Der Solidarbeitrag soll laut dem Syndikat nicht nur das finanzielle Band zwischen den unterschiedlichen Wohnprojekten – von kleinen Wohngemeinschaften mit fünf Personen bis hin zu Mietskasernen mit 285 Bewohnern – stärken: Alte und neue Projekte sollen über das Syndikat auch in Austausch kommen. „Wir haben zum Beispiel schon mal ein Berliner Wohnprojekt beraten“, sagt Leonard. Vor allem befindet sich das U-24 aber in Kontakt mit Potsdamer Projekten, unter anderem mit dem besetzten Haus „Zeppi 29“ in der Zeppelinstraße, das sich derzeit im Antragsverfahren beim Mietshäusersyndikat befindet.

„Man ist schon dankbar dafür, dass es so was wie das Mietshäusersyndikat gibt, die Inseln in einer Gesellschaft schaffen, die immer repressiver wird“, findet Eric Leonard. Das generelle Problem, dass sich die Politik um bezahlbaren Wohnraum zu kümmern hat, werde damit allerdings nicht gelöst.

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