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  • 18.02.2014
  • von Sarah Kugler

Alter Falter

von Sarah Kugler

Vom Mikro-Origami bis zur „Kawasaki-Rose“: In der Origami-Gruppe pflegen Faltkünstler ein Hobby mit Tradition

Am Anfang ist das Quadrat – in Rot, Gelb, Blau, Orange oder Braun. Mehrere Stapel mit buntem zurechtgeschnittenen Papier liegen auf dem Tisch. Bogen für Bogen verschwindet in ambitionierten Fingern und wird mit ein paar geübten Handgriffen in ein kleines Kunstwerk verwandelt. Nach etwa drei Stunden sind die Stapel abgearbeitet. Schmetterlinge und Hirschgeweihe sind daraus geworden, bunte Papierkugeln, kleine Drachen oder Ratten.

Was ein bisschen klingt wie ein Besuch bei Alice im Wunderland, ist für die Mitglieder der Origami-Gruppe Potsdam ein ganz normaler Abend. Sie treffen sich etwa einmal im Monat, um gemeinsam der Origamikunst, also der Kunst des Papierfaltens, nachzugehen.

Ein Hobby mit langer Tradition: Schon 100 Jahre vor Christi Geburt begann man in China Stoffe und andere Materialien nach bestimmten Mustern zu falten. Von buddhistischen Mönchen nach Japan getragen, entwickelte sich das Falten von Papier dort zur hohen Kunst und wurde schließlich in die ganze Welt verbreitet.

„Die Leute tun Origami oft als komisches Basteln ab“, sagt Christine Blasek, eine der Mitbegründerinnen der Gruppe: „Aber die Kunst besteht ja gerade darin, Objekte ohne Hilfsmittel wie Schere oder Kleber zu schaffen.“ Im Sommer 2009 hat die 31-jährige Wahlbrandenburgerin die Gruppe zusammen mit der Potsdamerin Anja Markiewicz ins Leben gerufen. „Sie hat damals bei studiVZ einfach nach anderen Origamibegeisterten in Potsdam gesucht“, erzählt die 26-jährige Markiewicz: „Wir haben uns dann erst mal in der Uni getroffen und Werbezettel ausgehangen, um uns zu vergrößern.“

Inzwischen hat die Gruppe, die sich oft im Café Rothenburg in der Gutenbergstraße trifft, einen harten Kern von fünf bis sechs Mitgliedern und heißt Neueinsteiger sowie Gelegenheitsfalter immer willkommen. „Uns geht es vor allem um den Austausch von Ideen und die Gemeinschaft“, sagt Blasek: „Jeder kann falten, was er möchte, sich helfen lassen oder den anderen helfen, aber nichts ist vorgeschrieben.“

Jeder der Falter – wie sich die Origamikünstler auch nennen – hat sich auf eine bestimmte Technik spezialisiert. So kreiert Franziska Schwarz hauptsächlich Papierbälle, die sie aus mehreren Papiermodulen zusammensetzt. Dabei werden die gefalteten Einzelteile so ineinandergesteckt, dass sie einen stabilen dreidimensionalen Körper bilden, der bis zu 20 Ecken haben kann. „Der Vorteil von dieser Technik ist einfach, dass die Modelle anschließend nicht bei mir rumstehen und einstauben“, sagt sie lachend: „Ich kann sie weiterverarbeiten und eine Girlande daraus machen oder auch einzeln aufhängen.“ Im Moment arbeite die 30-jährige Potsdamerin, die an der Berliner Charité in Ernährungswissenschaften promoviert, allerdings an etwas ganz anderem. „Eine Freundin von mir heiratet und wünscht sich viele, viele Schmetterlinge von mir“, sagt sie: „Damit habe ich eine Weile zu tun.“ Das Falten hat für sie etwas Meditatives und verbindet sie außerdem eng mit ihrer Mutter. Gemeinsam mit ihr präsentiert sie ihr Können auf der Website www.flaemingfalter.de.

Auch Christine Blasek hat sich auf das Falten von Papiermodulen, das sogenannte Modularis Origami, spezialisiert und hat sogar schon eigene Figuren wie den „Kalamistern“ kreiert. „Mein Traum ist es, irgendwann mal ein eigenes Origamibuch herausgeben zu können“, erzählt sie: „Aber das braucht viel Zeit und Geduld.“ Bis dahin teilt sie ihre selbst entworfenen Anleitungen in ihrem Internet-Blog kalami-kalami.blogspot.de. Am Origami fasziniert die Geografie- und Geschichtslehrerin vor allem die immer wiederkehrende Herausforderung. „Es gibt immer wieder neue Techniken und Modelle, denen man sich stellen kann“, sagt sie: „So habe ich für die ,Kawasaki-Rose’ anfangs eine Stunde gebraucht, inzwischen falte ich sie in 15 Minuten.“

Anja Markiewicz beherrscht die berühmte Rose ebenfalls perfekt, allerdings treibt sie es noch einen Schritt weiter und faltet sie in einer Größe von gerade mal 18 mal 18 Millimetern. Sie hat sich auf das sogenannte Nano-Origami spezialisiert, bei der sie mit einem Streichholz bewaffnet Minimodelle faltet. „Alles fing damit an, dass mir und meinen Mitschülern im Unterricht langweilig war“, erzählt sie lachend. „Wir starteten dann einen Wettbewerb, wer das kleinste Schiffchen falten könnte.“ Inzwischen betreibt die gelernte Ergotherapeutin mit den Minikunstwerken sogar ein kleines Geschäft: Sie fertigt daraus Schlüssel- und Schmuckanhänger und verkauft sie im Internet auf www.faltsucht.de. Außerdem bekommt sie regelmäßig Aufträge von größeren Institutionen wie Duplo oder der Deutschen Bahn, für die sie Verschiedenes faltet. „Ich hoffe, in ungefähr einem Jahr vollständig vom Origami leben zu können“, sagt sie.

Einer ganz anderen Technik hat sich hingegen Robin Scholz verschrieben. Der 35-jährige Potsdamer Mathematiker faltet sogenannte Tessellations. Hierbei wird ein meist flaches Muster in das Papier gefaltet, wobei man auch Schriftzüge oder Logos entstehen lassen kann. „Die Technik ist sehr zeitintensiv, kann aber unglaublich entspannend sein“, so Scholz: „Die Ergebnisse verwende ich dann oft als hochwertiges Geschenkpaper oder auch als Lesezeichen.“ Unterstützt durch Nadel und Faden wendet er die Technik auch auf Stoff an und verziert somit unter anderem Kissenbezüge – auch Scholz zeigt seine Kunst im Internet, auf tinyurl.com/praisepratajev.

Gemeinsam besucht die Origami-Gruppe auch Origami-Treffen in ganz Europa, auf denen sie nicht nur die neuesten Falttechniken lernen, sondern auch internationale Freundschaften aufbauen und manchmal auch selber ausstellen.

Auch bei ihren Treffen in Potsdam lassen die Falter immer etwas Gefaltetes zurück. Somit haben sich die kleinen und großen Faltkunstwerke inzwischen überall in der Stadt verteilt und geben so manchem Betrachter die Gelegenheit, in ein kleines Wunderland abzutauchen.

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