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  • 01.08.2013

Graffiti-Szene in Potsdam: „Ein Großteil der Sprüher ist eher unpolitisch“

Bunte Welt. Das im Amtsdeutsch Jugendaktionsfläche genannte Areal auf dem Bassinplatz ist einer der wenigen legalen Tummelplätze für die Graffiti-Szene in Potsdam. Am morgigen Freitag findet dort das Breakdance- und Sprayer-Fest „Asphaltkultur“ statt, das den Toleranzgedanken fördern will. Abends gibt es eine Diskussionsrunde und Live-Musik. Fotos: Manfred Thomas

Die Sprayer Mark Straeck und Patrick Kuhl über die Szene in Potsdam, das Hip-Hop-Event „Asphaltkultur“ auf dem Bassinplatz und die Haltung von Stadt und Polizei gegenüber der Sprüherkultur.

Herr Straeck, Herr Kuhl, wie unterscheidet sich die Graffiti- Szene in Potsdam Anfang der 1990er-Jahre zur heutigen?

Mark Straeck: Die verschiedenen alternativen Jugendszenen wie Hip Hop oder Punk waren noch viel stärker miteinander verbunden und nicht so getrennt wie heute.

Patrick Kuhl: Außerdem war die Qualität der Graffiti sehr hoch und wurde über die Grenzen der Stadt hinaus geschätzt. Mitte der Neunziger verschob sich das dann von Qualität zu Quantität: Die Masse der Graffiti nahm stark zu.

Mark Straeck: Bis etwa 1994, 1995 hatte sich weder die Stadt noch die Öffentlichkeit wirklich daran gestört, aber danach wurde immer mehr versucht, die Graffiti-Szene zu kontrollieren.

Wie tolerant ist Potsdam gegenüber den Sprühern?

Mark Straeck: Leider wird in dieser Stadt seit 16 Jahren eine relativ engstirnige Politik betrieben und es gab immer wieder Initiativen, um Graffiti unter Kontrolle zu kriegen.

Patrick Kuhl: Der Jugend wird einfach immer mehr Freiraum genommen. Selbst an legalen Sprüh-Plätzen wie am Bassinplatz fährt die Polizei vorbei und nimmt die Personalien der Schüler auf! Dagegen müsste man eigentlich was machen. Außerdem passiert es immer wieder, dass die Stadt freie Flächen an außerstädtische Projekte und Sprüher vergibt, zum Beispiel bei der Gestaltung des Stadtschloss-Bauzauns 2011.

Mark Straeck: Es ist sehr schwer zu vermitteln, dass es sich hier um eine eigene Art zu leben handelt und ich würde mir wünschen, mehr Politiker wären so tolerant zu sagen: Ich verstehe diese Szene zwar nicht, lasse ihr aber Raum, den sie zum Wachsen braucht. Leider geht's in Potsdam eher in die umgekehrte Richtung.

Wie ist die Potsdamer Graffiti-Landschaft heute beschaffen?

Patrick Kuhl: Die aktive Szene ist groß und es gibt viele Jugendliche, die in meinen Laden kommen. Die Styles haben sich zum Teil stark verändert: Ich stehe heute manchmal vor einem Graffito und kann die Schrift nicht lesen, weil sie zum Beispiel biomechanisch oder dreidimensional gestaltet ist.

Mark Straeck: Es gibt zwar noch einen harten Untergrund-Kern, aber insgesamt ist Graffiti heute Mainstream. Die Szene hat sich stark geöffnet und ist deshalb auch attraktiv für die unterschiedlichsten Leute.

Patrick Kuhl: Früher waren Sprüher zum Beispiel meist links orieniert, heute ist ein Großteil der Sprüher eher unpolitisch. Was mir auch auffällt, ist, dass es heute weit weniger illegale Graffiti gibt. Als ich Anfang der Nuller-Jahre am Montag durch die Stadt gefahren bin, habe ich jedes Mal acht bis zehn neue Graffiti gesehen, die über's Wochenende entstanden sind.

Sie werden am morigen Freitag an der neuen Gesprächsreihe „Das tolerante Sofa“ des Vereins Neues Potsdamer Toleranzedikt teilnehmen und über das Thema „Eine andere Wirklichkeit: Graffiti in Potsdam“ sprechen. Wie sind Sie damals in die Szene eingestiegen?

Mark Straeck: Ich gehöre zur zweiten Graffiti-Generation in Potsdam: Ende der 80er-Jahre hat man halt mitbekommen, wenn jemand im Umfeld sprüht und hat so Kontakte aufgebaut. Ich hatte natürlich auch „Beat Street“ gesehen – ein Hip Hop-Spielfilm, der gerade im Osten eine ganze Generation geprägt hat. Breakdance war aber lange Zeit viel präsenter als Graffiti, da man in der DDR schwer an Farben rankam. Graffiti war damals noch viel stärker ein Untergrundphänomen. Nach dem Fall der Mauer gab’s dann einen richtigen Boom.

Patrick Kuhl: Ich selbst war zwar kein aktiver Sprüher, bin aber in der Szene groß geworden und hab immer gerne zugeschaut.

Die Fragen stellte Erik Wenk

 

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