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  • 15.08.2012
  • von Jana Haase

Den Wind im Gesicht

von Jana Haase

Immer aktiv. Christoph Dammann hat zwei Leidenschaften: Motorradfahren und die Musik. Foto: Manfred Thomas

Musikenthusiast und Motorradfan: Christoph Dammann ist Intendant der Seefestspiele, die am Donnerstag am Wannsee „Carmen“ auf die Bühne bringen

Er hat das Lissaboner Publikum für Oper unter freiem Himmel begeistert, die von ihm gegründeten Schlossgartenfestspiele im mecklenburgischen Neustrelitz sind seit 13 Jahren ein Publikumsrenner, 2011 schließlich initiierte er die Seefestspiele am Wannsee, deren zweite Spielzeit am Donnerstag mit der Premiere von Bizets „Carmen“ startet: Christoph Dammann lässt sich gern den Wind um die Nase wehen. Auch wenn er aus Babelsberg, wo er mit seiner Frau und den beiden Töchtern seit zwei Jahren zu Hause ist, zur Arbeit an die Seebühne im Strandbad Wannsee fährt: Das Fortbewegungsmittel der Wahl ist eine schwere Suzuki, die der Musikenthusiast lächelnd „meinen Altherren-Cruiser“ nennt. Der 48-Jährige hat mitgezählt: Es ist die achte Maschine, die er gerne fährt.

Die andere Leidenschaft von Christoph Dammann ist die Musik. Und das schon seit der Kindheit, die er zwischen seiner Geburtsstadt Lübeck und dem westafrikanischen Liberia verbrachte. In Afrika lebte er vier Jahre lang, weil sein Vater dort als Leiter einer Auslandsschule arbeitete. Den Kontakt hält Dammann bis heute. Schon mit neun Jahren sang Dammann in der Lübecker Knabenkantorei, noch während der Schule begann er mit dem Klavierstudium an der Musikhochschule. Nach dem Abitur studierte er schließlich Schulmusik, Kirchenmusik, Operngesang. „Etwas anderes kam nicht infrage“, rekapituliert er.

Und das ist bis heute so geblieben, auch wenn er nicht mehr selbst auf der Bühne steht. Rund 40 Rollen sang der Bass zu Beginn seiner Karriere, bis er sich nach und nach darauf verlegte, künstlerische Produktionen auf die Beine zu stellen. 1991 gründete Dammann die Junge Oper Lübeck, 1997 ging er als künstlerischer Betriebsdirektor ans Landestheater Mecklenburg, 2000 wechselte er als Operndirektor an die Kölner Oper, wo er wenig später Intendant wurde, 2007 verabschiedete er sich nach Lissabon, wo er Intendant der Nationaloper São Carlos und des staatlichen Portugiesischen Sinfonieorchesters wurde. Eine Bilderbuchkarriere.

Und trotzdem nicht ohne Schwierigkeiten. Denn an allen Theater- und Opernhäusern, an denen Dammann arbeitete, ging es nicht allein um künstlerische Entscheidungen, sondern oft vor allem ums Sparen. „Eigentlich kenne ich das Kürzen, seit ich beim Theater bin“, sagt Dammann. Sein Rezept: Rausgehen.

Zum ersten Mal probiert er das in Neustrelitz, der Heimatstadt seiner Mutter. Als Mitintendant am Landestheater Mecklenburg gründet er dort 1999 die Schlossgartenfestspiele. Für das Landestheater ist das ein Ausweg aus der drohenden strukturellen Insolvenz: Und dann ist da natürlich der Reiz, Kultur an einem lauen Sommerabend im Freien zu erleben.

Auch an der Lissaboner Nationaloper bringt der Deutsche mit seiner gewinnenden Art bis 2010 frischen Wind ins Ensemble: Weil es im Ende des 18. Jahrhunderts erbauten Opernhaus keine Klimaanlage gab, konnte die Oper schon in der Juni-Hitze keine Vorstellungen mehr anbieten – obwohl die Theaterferien offiziell erst im Juli beginnen. Dammann organisierte dagegen ein Opernfestival auf dem Vorplatz, dank Sponsoren und staatlicher Förderung sogar bei freiem Eintritt. Das „Festival ao Largo“ sollte sich schon im zweiten Jahr seines Bestehens als größtes klassisches Sommerfestival des Landes etablieren.

Wieso es den Lübecker Motoradfan dann ausgerechnet nach Babelsberg verschlagen hat? „Weil das unmittelbar vor den Toren Berlins liegt“, sagt er. Und irgendwo im Großraum Berlin sollte sein neues Projekt, die Seefestspiele, die er 2010 gemeinsam mit dem Berliner Veranstalter Peter Schwenkow gründete, Premiere feiern. „Das Konzept lag fertig in der Schublade, die Idee hatte ich schon lange mit mir herumgetragen“, erzählt Dammann.

Über seine monatelange Ochsentour durch die Institutionen in Potsdam ist viel geschrieben worden. Aus Dammanns Plänen, die Seefestspiele auf der Halbinsel Hermannswerder zu etablieren, wurde am Ende wegen Naturschutz- und Lärmbedenken bekanntlich nichts. „Wir haben sehr viel dazugelernt“, sagt Dammann heute diplomatisch: „Da bleibt überhaupt kein Groll zurück.“ Mit einem Paukenschlag entschieden sich die Veranstalter 2011 kurzfristig für einen Umzug an den Wannsee. Aber auch dieser Standort wird wie berichtet nach zwei Spielzeiten Geschichte sein. Eine Rückkehr nach Potsdam hält Dammann für utopisch.

Die Seefestspiele leitet er als Zwei-Mann-Unternehmen mit Geschäftsführer Peter Schwenkow. Rund 150 Mitwirkende für den künstlerischen Betrieb koordiniert er, kümmert sich um Solisten, Statisten, Tänzer, Regisseur – in diesem Jahr der Wahlpotsdamer Volker Schlöndorff-, Dirigentin Judith Kubitz, ist bei der Auswahl der Musiken und deutschen Dialoge beteiligt - und er hat ein Auge darauf, dass Zeitplan und Budget eingehalten werden. „Mir macht das einen Riesenspaß“, sagt Christoph Dammann. Wer ihn bei der Arbeit erlebt, merkt, dass das keine hohle Phrase ist: Dammann ist, wo er nur kann, persönlich dabei, wirkt bestimmt und trotzdem herzlich, hat für jeden ein anerkennendes Wort, ist auch beim Ensemble-Grillen nach Probenschluss noch am Start. Am Donnerstag 19.30 Uhr beginnt der erste Akt von Bizets „Carmen“, die vorerst letzten Seefestspiele in der Region. Für 2013, sagt Dammann, „schwirren schon etliche Stücke durch die Gegend“. Die Geburtstage von Guiseppe Verdi und Richard Wagner jähren sich zum 200. Mal: „Da ist vieles vorstellbar“, sagt Christoph Dammann.

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