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  • 30.03.2012
  • von Peer Straube

Der falsche Achilles

von Peer Straube

Friedrich II. sammelte antike Skulpturen. Die Lykomedes-Gruppe allerdings ist nicht das, was der Name verspricht

Was für eine Szenerie. Achilles, der griechische Recke, eingehüllt in Frauenkleider, in der Hand eine Leier, das Haupt von Lorbeer umkränzt. Im Kreise von acht holden Maiden ist nicht auszumachen, wer der kühne Krieger ist. Genauso will es Thetis, die Mutter des späteren Helden, ist ihr doch dessen früher Tod prophezeit worden. Damit Achilles nicht in den Trojanischen Krieg ziehen muss, versteckt sie ihn bei den Töchtern des Lykomedes. Es kommt bekanntlich anders. Der listenreiche Odysseus lässt die Tarnung auffliegen: Er bringt Geschenke, Schmuck, Juwelen – und ein Schwert. Während sich die Mädchen auf den Schmuck stürzen, greift Achilles – wie soll es anders sein – zur Waffe.

Ein folgenreicher Moment voll bedeutungsschwerer Symbolik, eingefangen in Marmor. Kein Wunder, dass Friedrich II. einen Narren daran gefressen hatte. 1742 erwarb er die die Skulpturen der Lykomedes-Gruppe aus dem Nachlass des Kardinals de Polignac für seinen Antikentempel. Fortan konnte der junge König sich im Kreise der marmornen Gruppe selbst als Achilles fühlen, als missverstandener, Flöte spielender Schöngeist, dem die Rolle des Helden und Kriegsherrn von Geburt an aufgezwungen wurde.

Zum ersten Mal seit mehr als 180 Jahren ist die Lykomedes-Gruppe nun wieder in Potsdam, komplett und etwa so, wie sie Friedrich II. aufstellen ließ. Am Donnerstag wurden die Leihgaben aus dem Alten und dem Bodemuseum im Neuen Palais aufgestellt, wo sie ab dem 28. April in der Jubiläumsausstellung „Friederisiko“ zum 300. Geburtstag des Monarchen zu sehen sein werden.

Nach Berlin kamen die Figuren 1828/29, knapp 50 Jahre nach dem Tod Friedrichs II. Inzwischen waren die Kunsthistoriker sich nämlich einig, dass an der schönen Lykomedes-Geschichte wenig dran ist. Denn in Wirklichkeit handelt es sich bei der Figur des Achilles um den Gott Apoll. Doch als man die Figur auf dem Gelände der Hadriansvilla nahe Rom ausgrub und dazu noch die ganzen Frauenskulpturen, lag der Gedanke an Achilles wohl nahe: „Das ist schließlich die berühmteste Geschichte eines Mannes in Frauenkleidern aus der Antike“, sagt „Friederisiko“-Kurator Alfred Hagemann. „Das fanden damals alle toll, eine Literaturillustration aus Marmorfiguren zu finden.“ Eine, bei der allerdings Kardinal de Polignacs Bildhauer, der Franzose Lambert-Sigisbert Adam, kräftig nachhalf. Vor allem die Frauenfiguren, allesamt antike Torsi griechischen und römischen Ursprungs, wurden von ihm mit allerlei passendem Zierrat ausgestattet, etwa Toilettengegenstände und modische Accessoires. Bei der Gestaltung der Köpfe hatte Adam ebenfalls freie Hand, die vorgegebene Idee ins Bild zu pressen. So meißelte er den jungen Damen einen Ausdruck der Überraschung oder des Erschreckens ins Gesicht – schließlich sollte die Figurengruppe den Moment darstellen, in dem Odysseus die wahre Identität von Achilles entdeckt.

Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts klar wurde, dass die Figuren nicht die Lykomedes-Legende zeigen, entschied Friedrich Wilhelm III., die Skulpturen ins neu gegründete Antikenmuseum nach Berlin zu geben, damit sie einem öffentlichen Publikum zugänglich gemacht würden. Zuvor aber wurden die Figuren noch einmal überarbeitet. Christian Daniel Rauch gab ihnen neue Köpfe und gestaltete sie als das, was sie wahrscheinlich ursprünglich waren – Darstellungen der Musen.

Fünf der alten Köpfe von Lambert-Sigismund Adam sind allerdings noch erhalten, sie werden ebenfalls in der Ausstellung gezeigt. Damit man die Figuren von allen Seiten betrachten kann, hat das ovale Rondell in der Mitte eine Aussparung. „Die Besucher können wie einst Friedrich II. eintreten in den Kreis der Lykomedes-Gruppe“, sagt Jürgen Luh, wissenschaftlicher Leiter von „Friederisiko“. Eine einmalige Gelegenheit. „So einen Aufwand werden wir sicher nie wieder treiben“, prophezeite Hagemann. Allein der Abbau der Figuren, die auf einer Rotunde im Alten Museum aufgestellt waren, sei eine logistische Herausforderung gewesen.

Nur ein paar Zimmer weiter wird bereits an einer anderen Kostbarkeit gearbeitet: Ein privater Mäzen hat das wohl einzige erhaltene preußische Offizierszelt aus dem Siebenjährigen Krieg zur Verfügung gestellt. In dem knapp sechs Meter breiten und 3,60 Meter hohen Zelt wurden bis nach dem Ersten Weltkrieg noch Gartenpartys gefeiert, danach geriet es in Vergessenheit, bis es 2003 auf einer Auktion versteigert wurde. Es sei noch in einem sehr guten Zustand, selbst der Stoff sei noch original, sagte Luh. Ob der König sich auf irgendeiner Schlacht des Krieges mal in dem Zelt aufgehalten hat, ist allerdings nicht überliefert.

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