• 27.03.2012
  • von Guido Berg

Tätlicher Angriff und Todesdrohung gegen Ines Reich Leistikowstraße: Streit zwischen Ex-Häftling und Gedenkstätten-Chefin eskalierte

von Guido Berg

Foto: Andreas Klaer

Die Leiterin der Gedenkstätte, Ines Reich.

Nauener Vorstadt - Dramatische Zuspitzung im Streit zwischen Stalinismus-Opfern und der Potsdamer Gedenkstätte „Ehemaliges sowjetisches Geheimdienstgefängnis Leistikowstraße 1“: Ein Mitglied des Gedenkstätten-Vereins hat die Leiterin der Gedenkstätte, Ines Reich, körperlich angegriffen. Der Vorfall ereignete sich bereits am Freitag vergangener Woche und war von der Polizei nicht öffentlich gemacht worden.

Ein aus Berlin stammender 83-Jähriger „schüttelte die 46-Jährige an der Schulter, umfasste ihren Hals und wollte sie schlagen“, erklärte Polizeisprecherin Katrin Laurisch am Montag auf PNN-Anfrage. Dabei habe der Mann Morddrohungen geäußert. Er habe gedroht, „die Gedenkstätte in die Luft zu jagen“ und die Frau „in ihrem Büro verbrennen zu lassen“. Der Mann sei in die Gedenkstätte gekommen, um einen Termin für ein Gespräch mit Zeitzeugen am 1. April zu vereinbaren. Dies habe Ines Reich mit Verweis auf Bauarbeiten im Vorfeld der Eröffnung der neuen Dauerausstellung am 18. April abgelehnt. Daraufhin sei die Situation eskaliert. Der Vorsitzende des Gedenkstättenvereins, Richard Buchner, bedauerte den Vorfall: „Er ist irgendwie ausgerastet.“ Buchner verwies auf den schlechten Gesundheitszustand des Mannes und auf erlittene Traumata aufgrund der stalinistischen Verfolgung.

„Sie stand wie eine Wand vor mir – eiskalt und abweisend“, erklärte der 83-Jährige am Montag seine plötzliche Wut. Der Mann war eigenen Angaben zufolge 1948 vom russischen Geheimdienst in Fürstenwalde verhaftet worden, weil er es ablehnte, als Spitzel zu arbeiten. Wie er erklärte, wollte er sich persönlich beim Geheimdienstchef in Berlin-Karlshorst über die Anwerbung beschweren. Daraufhin sei er verhaftet worden und an mehreren Orten verhört worden, darunter in der Leistikowstraße und in der Villa Ingenheim in der Zeppelinstraße. Ein Geheimdiensttribunal verurteilte den Mann zu mehreren Jahren Zwangsarbeit im nordrussischen Gulag Workuta. Die Legitimation für sein Verlangen nach der Möglichkeit eines Zeitzeugen-Gesprächs im Servicebau der Gedenkstätte begründete der Zeitzeuge mit einem Schreiben aus der brandenburgischen Staatskanzlei, das den PNN vorliegt. Darin heißt es, das Kuratorium der Gedenkstätte sei der Auffassung, dass eine Nutzung der Gedenkstätte durch ehemalige Häftlinge „selbstverständlich möglich sein muss“. Wörtlich heißt es in dem Schreiben: „Frau Dr. Reich wurde daher gebeten, Anfragen positiv zu entscheiden.“ Ines Reich wollte sich am Montag nicht zu dem Vorfall äußern. In einem PNN-Interview in der Montagausgabe erklärte sie, die neue Ausstellung thematisiere allein 50 Biografien ehemaliger Häftlinge. Der Gedenkstättenverein kritisiert dagegen, das Leiden der Opfer werde nicht adäquat dargestellt. Es fehle Ines Reich an „Sensibilität“, sagte der Vereinsvorsitzende Buchner.

Brandenburgs Kulturstaatssekretär Martin Gorholt (SPD), auch Vorsitzender des Gedenkstätten-Kuratoriums, verurteilte die Tätlichkeit gegen Ines Reich „auf das Schärfste“. Die Diskussion über die Ausstellung der Leistikowstraße dürfe „nur als sachliche, fachliche und faire Auseinandersetzung geführt werden“. Auch Brandenburgs Gedenkstättenstiftung teilte ihr „Entsetzen“ über „die körperliche Gewalt und die Todesdrohung gegen die Leiterin der Gedenkstätte“ mit. Reich genieße die „rückhaltlose Solidarität“ der Stiftung. Stiftungsdirektor Günter Morsch sagte, Geschichtsdebatten müssten auch in Gedenkstätten mit Argumenten geführt werden.

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