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  • 15.07.2011
  • von Guido Berg

Die Zeichen der Lebendigkeit

von Guido Berg

Debatte bei der Stiftung Baukultur über die Potsdamer Mitte und die angezweifelte Rolle des städtischen Bürgertums

Innenstadt - Die Potsdamer Mitte bleibt ein Gegenstand heißer Debatten. Im Anschluss an die Vorstellung des Buches „Städtebau und Herrschaft – Potsdam: Von der Residenz zur Landeshauptstadt“, geschrieben von Erich Konter und Harald Bodenschatz, am Mittwochabend in der Villa der Stiftung Baukultur war nur eines klar: Nichts ist klar. Schon die Abschlussthese der Buchautoren, wonach der künftige Charakter des Potsdamer Zentrums noch völlig ungeklärt sei, brachte Potsdams Beigeordneten Matthias Klipp (Bündnisgrüne) in Rage – schließlich gebe es das Leitbautenkonzept. Für eine offene Debatte zur Mitte stehe er nicht mehr zur Verfügung: „Wir schreiben nicht mehr das Jahr 1996.“ Autor Bodenschatz präzisierte daraufhin, er frage – „Hat Potsdam eine Vision seiner Zukunft?“ – und gab gleich darauf die verneinende Antwort.

Der Höhepunkt des gegenseitigen Missverstehens folgte, als Bernd Albers, Architektur-Dekan der Fachhochschule Potsdam, heftig der Chefin des Potsdamer Gestaltungsrates Ulla Luther widersprach. Diese erklärte, trotz des langen Suchens nach der Mitte gebe es in Potsdam „eine große Polyzentralität“ – viele kleine Zentren. Die Polyzentralität sei ein „Ammenmärchen“, so Albers, jeder wisse doch, wo in Potsdam die Mitte ist. Im Verlauf der Debatte ließen verschiedene Diskutanten durchblicken, eher Ulla Luthers These folgen zu können. Zum Beispiel Klipp: „Wenn man auf dem Alten Markt steht, fragen einen die Touristen, wo das Zentrum ist.“ Auch Hausherr Michael Braum weiß: „Da ist viel da, was Mitte sein soll“.

Publikumsliebling war Sanierungsträgerchef Erich Jesse, dessen unkonventionelle Art ankam, der aber auch verdeutlichte, dass es kaum sichere Gewissheiten gibt im Städtebau. Nach derzeitigen Plänen soll es „eine reine Wohnmitte“ werden. Ein hoher Wohnungsanteil ist für Klipp ein Garant für die Lebendigkeit des Quartiers. Jesse schien dies anzuzweifeln, in dem er eine Definition der Lebendigkeit zitierte. Diese sei gegeben, „wenn die Leute die Ärsche aneinander reiben“. Wie das gelingen kann, sei noch „völlig ungeklärt“. Gleichsam erheiternd war Jesses Überlegung, wie leicht Potsdam dem Umbau zur sozialistischen Stadt hätte entgehen können. Weil die Potsdamer 1920 die Eingemeindung zu Berlin ablehnten, wurde Potsdam nach 1945 „40 Jahre lang Strafkolonnie“. Jesse: Mit Eingemeindung wäre Potsdam ein Stadtteil von West-Berlin und „amerikanisches Hauptquartier geworden“.

Auf nicht sehr viel Gegenliebe stießen die Buchautoren mit ihrer These von der Stadt Potsdam als einem „Produkt der absolutistischen Regulation“. Die historischen Einordnungen der Buchautoren hören sich bisweilen an wie den Mündern linker Westberliner Soziologiestudenten um 1968 entsprungen. Barbara Kuster, Bürgerinitiative Mitteschön, fühlte sich dadurch „streckenweise wie in den DDR-Staatsbürgerkunde-Unterricht zurückversetzt“. Potsdam, eine Stadt, in der Könige und Großkopferte, aber nicht die Bürger zu bestimmen hatten? Das hielt Barbara Kuster nicht auf dem Publikumsstuhl: „Für mich war Potsdam immer eine Stadt des Bildungsbürgertums!“

Wobei was war zu trennen ist von dem was ist und was sein könnte: Für Prof. Albers ist Potsdam „sehr geeignet für eine bürgerliche Phantasie“, die in den Augen des Baubeigeordneten Realität wird mit dem Leitbautenkonzept. Die entscheidende Frage sei in Potsdam, im Gegensatz zum Dresdner Neumarkt, anders beantwortet worden: „Wer soll Bauherr sein?“ Durch die Parzellierung der Flächen an der Alten Fahrt würden Bürger bauen können. „Bürger als Bauherr“, so das Motto.

Einig waren sich alle Anwesenden nur in einem Punkt: Wenn nun also das Bürgertum in Potsdam das Zepter übernimmt, dann sind deren Architekturdebatten nach 1993 eine Fortsetzung des Buches wert. Das fanden auch die Buchautoren.

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