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  • 29.03.2007

Für und wider Babyklappe

Potsdamer Experten diskutierten, wie schwangeren Frauen in Not am besten geholfen werden kann

Brandenburger Vorstadt - Jedes Jahr bleiben zwei Neugeborene in den Babybetten des „Ernst von Bergmann“-Klinikums liegen. Ihre Mütter gehen nach der Entbindung ohne sie nach Hause – so die Angaben aus der Geburtshilfe-Station des Krankenhauses. In ganz Brandenburg sollen es sogar 25 Frauen sein, die ihre Kinder gleich nach der Geburt zur Adoption frei geben. Sind sie Rabenmütter?

Nein, sie sind Frauen in Not – darin waren sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion „Rabenmütter oder wenn Frauen nicht mehr weiter wissen?“ am Mittwochabend einig. Auseinander gingen die Meinungen dagegen bei der Frage, wie ihnen und vor allem ihren Kindern geholfen werden kann. Dass Mediziner vor nicht einmal zwei Wochen in Brandenburgs einziger Babyklappe den zweiten Säugling gefunden haben, machte die lang geplante Veranstaltung im St. Josefs-Krankenhaus brandaktuell. Und so saßen die Experten nicht nur im Podium um St. Josefs-Chefin Adelheid Lanz, sondern auch im Publikum: Ärzte verschiedener Potsdamer Krankenhäuser, Sozialarbeiter und Spezialisten vom Jugendamt.

Diese äußerten Bedenken gegen die Babyklappe, in die Mütter ihre ungewollten Kinder anonym legen können: Das Jugendamt vermittelt im Schnitt zehn bis zwölf Kinder jährlich neue Familien in Potsdam und den nahen Landkreisen. Viele von den Adoptierten würden später wissen wollen, woher sie stammen. 2005 haben in Potsdam 80 Personen einen „Antrag auf Identitätssuche“ gestellt. In 90 Prozent der Fälle war die Suche erfolgreich. Hat die Mutter sie anonym in eine Babyklappe gelegt, ist dies aber unmöglich, so Anke Dahle vom Jugendamt. Ein Problem nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Mütter, die ebenfalls nach ihren Kinder fahnden: „Eine Mutter muss das lebenslang mit sich herum tragen. Sie braucht die Bestätigung: Ich habe die richtige Entscheidung getroffen – bei seiner neuen Familie hat mein Kind die Chancen, die es bei mir nicht hätte.“

Bei Babyklappen-Kindern bestehe laut Jugendamt allerdings die Gefahr, dass sie auch von ihren neuen Eltern nicht richtig angenommen werden. Denn die leiblichen Eltern können das Baby ein ganzes Jahr lang zurück verlangen – bei offiziellen Adoptionen nach der Geburt sind es nur acht Wochen.

Außerdem werde eine Mutter, die die Babyklappe nutzt, nach der Geburt nicht einmal medizinisch versorgt. Ein Argument, dem auch die Ärzte des Bergmann-Klinikums folgten.

Ein Gynäkologe wies zudem daraufhin, dass für Schwangere in Not auch Abtreibung eine Lösung sein kann. Dafür würden sich in Potsdam „nicht nur 100 Frauen im Jahr “ entscheiden. Aber gerade für junge Schwangere sei der Weg zum Arzt sehr schwer, sagte eine Pro Famila-Beraterin im Publikum. Laut einer Pro-Familia-Umfrage würde kein Potsdamer Frauenarzt kurzfristig Termine an Jugendliche vergeben. Zudem müsse in den Schulen besser über Sexualität aufgeklärt werden. CDU-Landtagsabgeordnete Roswitha Schier schlug vor, Jugendliche auch über das Angebot der Babyklappe direkt in den Schulen zu informieren.

Auch St. Josefs-Chefin Lanz verteidigte die Babyklappe in ihrem Haus in der Allee nach Sanssouci: „Wir wissen nicht, was mit den beiden Kindern passiert wäre, wenn es sie nicht gegeben hätte.“ Dass die Babyklappe Kinder vor dem Tod rettet, glauben die Jugendamtsmitarbeiter dagegen nicht: „Mütter, die töten, handeln im Affekt. Mütter, die sich über die Babyklappe informieren, haben bereits einen Denkprozess gestartet.“ Dafür sprechen Zahlen aus Berlin: Seit 2001 wurden dort 26 Säuglinge in Babyklappen abgelegt – die Zahl der Kindstötungen ist aber nicht zurückgegangen.

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