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  • 16.03.2011

Wer guttenbergt, wird bestraft

Echt kopiert. Warum Schüler so viel abschreiben und ganze Absätze aus Wikipedia kopieren, haben Wissenschaftler versucht herauszufinden. In den Schulen nehmen die Zahlen von Plagiaten zu, nicht erst seit der Guttenberg-Affäre. Lehrer und selbst Anwälte wundern sich über das anscheinend fehlende Rechtsempfinden. Foto: Thilo Rückeis.

Die Möglichkeiten zum Abschreiben und Kopieren gehören zum Schulalltag. Das Medieninstitut gibt Tipps für Lehrer und Eltern

Hausaufgaben ohne Internet – undenkbar. Von der Erzählperspektive bei Kleists „Marquise von O.“ bis hin zu Mendels Vererbungslehre gibt es kein Thema und kein Fach, bei dem Schüler nicht dankbar auf die Wissensschätze von Wikipedia bis www.hausarbeiten.de zurückgreifen würden. Aber wo beginnt der Missbrauch, und wie hilft man den Schülern, Gebrauch von Missbrauch zu unterscheiden? Der Fall Guttenberg hat diese Frage jetzt in vielen Schulen in den Fokus gerückt. Selbst das Landesinstitut für Schule und Medien hat nach der Guttenberg-Affäre seine Online-Handreichung zum Thema Plagiate überarbeitet, um Lehrern und Eltern Hilfestellung beim allzu dreisten Umgang mit „Copy and Paste“ zu geben.

Abschreiben, seinem Nachbarn über den Stift geschaut – wer hat das in seiner Schulzeit nicht getan. Doch die Sorge der Lehrer geht bedingt durch den Einsatz neuer Medien inzwischen deutlich weiter. Es gebe Schüler, die ihre Vorträge aus dem Internet kopieren und dann einfach ablesen, sagt Ute Gehrmann von der Potsdamer Waldstadt-Grundschule. Plagiate sind somit schon in der Grundschule ein Thema. Zwar mussten die Schüler bislang nicht wie Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) zurücktreten, doch wird die Leistung meist mit schlechten Noten oder Beurteilungen bewertet. Das ist nun anders, zumindest in Berlin.

Als er die Nachricht bekam, konnte Nico L. (Name geändert) es nicht glauben. „Keiner hat uns gesagt, dass man wegen so was gleich fliegt.“ Nico L. ist einer von mehreren Schülern eines Oberstufenzentrums in Berlin-Reinickendorf, denen vor einigen Tagen mitgeteilt wurde, dass sie vom Abitur ausgeschlossen sind. Auch am Unterricht dürfen sie nicht mehr teilnehmen. Der Grund: Sie sollen in ihrer Facharbeit ohne Quellenangabe abgeschrieben haben. „Da wurde seitenweise Wikipedia kopiert“, sagt der Schulleiter. „Die haben sich zum Teil nicht einmal die Mühe gemacht, das durch Umformulierungen zu vertuschen.“ Der Schwindel flog auf, die Arbeiten wurden mit Sechs bewertet. Damit kann die Zulassung zur Abiturprüfung verwehrt werden, heißt es im Schulgesetz. Eventuell dürfen die Ausgeschlossenen nun im nächsten Jahr einen neuen Anlauf nehmen.

Solche Fälle sind im Bildungsministerium Brandenburgs bislang nicht bekannt. Das würde individuell in den Schulen geregelt. Es habe aber bislang keine Anzeigen bei der Schulaufsicht gegeben, dass Plagiate oder Abschreiben ein zunehmendes Problem an Schulen seien, sagte Ministeriumssprecher Stephan Breiding.

Die Möglichkeiten zu betrügen werden immer vielfältiger – und damit auch die Schwierigkeiten für die Lehrer, den Tricks auf die Schliche zu kommen. So hilft es nicht mehr, den Schülern vor Klausuren die Handys abzunehmen: „Sie nehmen einfach ein zweites Handy mit“, haben Sardisong und ihre Kollegen festgestellt. Von diesen Zweithandys holten sie sich auf der Toilette alle Informationen – entweder aus dem Internet oder von vorher abfotografierten Heftseiten. Viele Schüler sind den Lehrern längst voraus, sagen verschiedene Lehrer. Stephan Breiding aus dem Bildungsministerium meint dagegen: Ob ein Schüler großflächig kopiert oder nicht, müsste fast jeder Lehrer herausfinden können. Dies sei heutzutage einfach. Und wer es nicht kann, dem bietet das Landesinstitut für Medien Hilfestellung. Sogar Software zur Plagiatserkennung wird dort angeboten.

Dass Wikipedia Hauptquelle für Plagiate an Schulen ist, haben auch die 700 Mitglieder des deutschen Fördervereins „Wikimedia“ als Problem erkannt. Deshalb bieten sie seit vergangenem Jahr verstärkt Workshops an Schulen an. Zunächst stießen sie bei den Schulleitern auf Ablehnung – die hatten Angst, durch Werbung für Wikipedia noch mehr Schüler zum massenhaften Kopieren aus dem Online-Lexikon zu animieren. Inzwischen hat sich die Stimmung gedreht, das Wikimedia-Team bekommt haufenweise Einladungen. Denn wenn ihre Referenten vor die Klasse treten, sagen sie als erstes: „Traut Wikipedia nicht!“ Dann erklären sie, was einen guten von einem schlechten Artikel unterscheidet, warum sachliche Formulierungen genauso nötig wie Quellenangaben sind und warum man auch zur Erstellung einer Hausarbeit immer verschiedene Informationsquellen braucht.

Referent Denis Barthel sieht bei den Jugendlichen keine kriminelle Energie, sondern schlicht „mangelnde Medienkompetenz“: Lehrer berichten ihm von abgegebenen Hausarbeiten, in denen Schüler Textpassagen aus Wikipedia inklusive aller Formatierungen – von den Zwischenüberschriften bis zu kursiv gestellten Wörtern – übernommen haben. „Da ist doch klar, dass sie ihre Quelle nicht verheimlichen wollten“, sagt Barthel. Eine Kollegin hat beobachtet, wie Jugendliche die Schuld ihren Lehrern zuschieben. Würden die nicht so langweilige Fragen stellen, deren Antworten längst auf Wikipedia stehen, hätten Schüler eher einen Anreiz, eigene Worte zu wählen.

Auch Rechtsanwälte wundern sich über das fehlende Unrechtsbewusstsein mancher Schüler. „Viele begreifen gar nicht, was ihnen eigentlich vorgeworfen wird“, sagt der auf Schulrecht spezialisierte Rechtsanwalt Erasmus Hardtmann. Wobei der Jurist auch betont, dass der entsprechende Paragraf der Verordnung über die gymnasiale Oberstufe genug Spielraum lässt, bei aufgeflogenen Plagiaten je nach Einzelfall zu entscheiden. Soll heißen: Ein Schulleiter müsse den überführten Täter nicht zwingend vom gesamten Abitur ausschließen. Außerdem hätten Betroffene immer die Möglichkeit, die Entscheidung durch das Verwaltungsgericht überprüfen zu lassen.

Warum Schüler überhaupt abschreiben? Eine im Jahr 2002 in England erschienene Studie von Alan Dordoy gibt Gründe und Häufigkeiten für Plagiate an. „Sie wollen bessere Noten bekommen“ (59 Prozent), „sie sind faul, oder sie haben Zeitmanagementprobleme“ (54 Prozent), „das Material ist im Netz einfach zu bekommen“ (40), „die Zitierregeln haben sie nicht verstanden“ (29) und „es ist unbewusst passiert“ (29) – die Antworten sind auf der Plagiats-Internetthemenseite der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin aufgelistet.

Um dem Problem zu begegnen, setzt das Bildungsministerium zeitig an: Märkische Schulen können theoretisch sehr zeitig beginnen, die Schüler mit den Chancen und Risiken des Internets vertraut zu machen. Beim Projekt „m.a.u.s.“ (Medien an unserer Schule) erwerben Grundschüler seit Jahren die Basiskompetenzen im Umgang mit Computern und Internet. Auch technisch sind in den letzten zehn Jahren alle Schulen mit Computer- und Medienkabinetten ausgestattet worden, in einigen Schulen sollen in den kommenden Jahren Laptops für mehr Flexibilität im Unterricht sorgen. Der Fall Guttenberg allerdings sei lediglich eine Art „Auslöser“, denn Lehrer seien sich des Problems schon länger bewusst, meint Annemarie Sardisong, Leiterin des Manfred- von-Ardenne-Gymnasium in Alt-Hohenschönhausen. Bislang habe sich die Schule nur bei der schriftlichen Hausarbeit für das Abitur schriftlich bestätigen lassen, dass alles selbstständig erarbeitet wurde. Offenbar müsse man das Verfahren auf normale Facharbeiten ausweiten, vermutet Sardisong.das/sel/sve/csp/jab

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