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  • 09.11.2017
  • von Steffi Pyanoe

Potsdam: Torte unter der Diskokugel

von Steffi Pyanoe

Lebenselixiere. Früher gab es hier Medizin, jetzt gibt’s Kaffee.

Erst Regioladen, dann Kaffeestube. Jetzt machte Uwe Kellermann aus der alten Rathausapotheke ein gemütliches Café – auch für Frühaufsteher.

Potsdam - Um in die Korbschaukeln reinzukommen, braucht es Übung. Halb sitzt man, halb liegt man. „Ist keine Hollywoodschaukel“, sagt Uwe Kellermann und lacht. „Aber wer einmal drin ist, findet es gemütlich“. Die beiden extravaganten Loungemöbel sind auch optisch eine Abwechslung, sie geben dem Café eine gewisse Leichtigkeit. Und legen nahe, dass der Gast hier gerne für länger gesehen ist. Nicht nur schnell, schnell für den Kaffee to go.

Das hatte Uwe Kellermann schon. Bis vor kurzem bespielte Kellermann, der auch Inhaber des Babelsberger Regioladens ist, ein klitzekleines Kaffeestübchen direkt am Bahnhof – den Regioexpress. „Praktisch für alle Pendler, aber wir merkten bald, dass die Leute ab 10 Uhr ihren Kaffee auch gerne mal im Sitzen trinken. In Ruhe. Und dafür war der Ort zu klein.“

Das neue Café, das Café Kellermann, das im Mai eröffnete, war ihm allerdings zunächst zu groß. In dem Eckhaus gegenüber vom Rathaus Babelsberg befand sich früher eine Apotheke. Dann stand es lange Zeit leer. Und dann sagte sich Kellermann: „Ich mach’s.“ Heute sagt er: „ Manchmal muss man sich einfach entscheiden.“ Die Lage und die Räume an sich seien gut, der Bedarf sei da. Ein gemütliches Café gab es bisher nicht im Zentrum von Babelsberg – nur das Lindencafé und diverse Bäckereien. Auch die Kunden im Regioladen hätten ihm das vermittelt. Der Tresen für den Kaffee zwischendurch war oft voll, im Sommer stellte Kellermann zusätzliche Stühle auf den Bürgersteig. In der alten Apotheke gegenüber ist viel Platz. „Man muss das natürlich auch erstmal ökonomisch schaffen“, sagt Kellermann.

Mit Risiken kennt er sich aus, er hat immerhin schon einiges probiert. Nicht alles hat geklappt, aber er wurde immer besser. Kellermann ist 44 Jahre alt, er stammt aus Potsdam. Nach der Schule lernte er Schienenfahrzeugschlosser, holte sein Abitur nach, studierte Maschinenbau und arbeitete ein paar Jahre als Ingenieur bei Bombardier in Henningsdorf.

„Aber ich wollte gerne selbständig sein, gucken, wie gut ich bin, ob ich das kann“, sagt er. Und er wollte etwas für die regionale Wirtschaft tun. Er studierte noch Betriebswirtschaft und eröffnete den Laden, damals noch unter der Marke Q-Regio. 2007 gründete er die Initiative Havelblüten, eine Regionalwährung, die als Zahlungsmittel bei teilnehmenden Unternehmern galt. Aber weil zu wenige mitmachten, sei das Projekt nach ein paar Jahren leider eingeschlafen.

Fortan konzentrierte sich Kellermann auf den Laden, klinkte sich aus der Kette aus und fand sein eigenes, flexibles, Konzept. Regional soll kein Dogma sein. „Ich entscheide, was regional ist und was nicht“, sagt er. Es gibt bei ihm – neben der umfangreichen Produktpalette von Brandenburger Höfen und Produzenten – eben auch Zitronen und Olivenöl aus Italien. Aber Bananen müssen nicht sein, findet er.

Irgendwann begann er, auch frisch Gekochtes anzubieten. Die Zutaten waren ja da, frischer ging es nicht. Dazu kam, dass er als Chef offenbar ein gutes Händchen für Mitarbeiter entwickelt hatte. „Ein gutes Team ist deine wichtigste Ressource“, sagt er. Knapp 20 Mitarbeiter arbeiten in Café und Laden. Motivierte und kreative Menschen, das findet er als Chef wichtig. Bei ihm werde keiner ausgebremst, sondern ermutigt. „Du willst Suppe kochen? Dann lass es uns versuchen“, ist seine Einstellung.

Suppen mit orientalischem Einschlag, Quiches und andere Kleinigkeiten gibt es nun auch im Café. Gekocht werden sie bisher im Laden, denn die neue Küche ist noch nicht ganz fertig. Kellermann macht vieles selbst, auch wenn es dann länger dauert. Aber der Backofen steht, und sämtliche Kuchen und Torten werden hier gebacken. Dazu gibt es Kaffee aus einer Siebträgermaschine. Kellermann hat sich bei den Potsdamer Espressonisten schulen lassen, wie man diese Maschinen bedient. Der Kaffee muss stimmen, sagt er, dazu gibt es ausschließlich frische, keine Kondensmilch – die Kunden erkennen das an.

Zum Konzept gehören auch Öffnungszeiten ab 6.30 Uhr. Viele Frühaufsteher freut das. Abends finden Veranstaltungen statt, Lesungen, Konzerte, Tanz am Freitagabend. Kellermann lacht. Ja, Disko für die Zielgruppe Ü40 mit DJ Antje oder Woodys Radio Show, dann sei hier richtig viel los. An der Decke hängt eine Diskokugel. Ansonsten sind die Räume mit viel Holz gestaltet, die alten Dielen blieben erhalten, Schaffelle liegen auf der Sitzbank am Fenster.

Hinterm Tresen und an der Kaffeemaschine steht Kellermann nur noch als Aushilfe im Notfall. Sein Arbeitsplatz ist der Schreibtisch, und der sei immer voll. Mittlerweile kann der Familienvater davon leben. Zum Sparen komme er selten. „Ich investiere gerne, Geld muss sich bewegen. Und ich brauche ab und zu was Neues.“

Jetzt sei aber Schluss. Erstmal. „Jetzt machen wir es uns hier gemütlich.“

Café Kellermann, Rudolf-Breitscheid-Straße 32, geöffnet Montag bis Samstag. Am morgigen Freitag ab 20 Uhr Disco mit DJ Antje

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