20.11.2017, 5°C
  • 01.07.2017
  • von Anne-Kathrin Fischer, Henri Kramer und Jan Kixmüller

Das Unwetter und seine Folgen

von Anne-Kathrin Fischer, Henri Kramer und Jan Kixmüller

Baugrube unter Wasser. An vielen Orten in Potsdam sammelte sich das Wasser - wie hier auf einer Baustelle in Babelsberg. Fotos: Christoph Freytag(2)/akf

Was der sintflutartige Regen in Potsdam anrichtete – und wie die Klimaforscher die Lage einschätzen

84,6 Liter Regen pro Quadratmeter an einem Tag: Dieser Rekord wurde am Donnerstag von der Säkularstation auf dem Potsdamer Telegrafenberg gemessen. Mehr fiel seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1893 nur einmal vom Himmel über Potsdam. Normalerweise fallen im gesamten Monat Juni nur 63 Liter Regen pro Quadratmeter.

Entsprechend richtete der Starkregen, der am Donnerstag bis in die Nacht fiel, auch in der Landeshauptstadt Chaos an und führte zu Schäden. Straßen waren überflutet, insbesondere die dafür anfällige Zeppelinstraße auf Höhe der Geschwister-Scholl-Straße.

Dass das Wasser nicht besser ablief, habe aber nicht mit der Potsdamer Kanalisation zu tun, teilten Potsdams Stadtwerke mit. Die Regennetze und Straßeneinläufe seien auf einen so genannten „Bemessungsregen“ dimensioniert. „Bei Starkregenereignissen, die darüber liegen, können die Entwässerungsanlagen und die Regen- und Mischwasserkanalisation hydraulisch überlastet werden“, erklärte Stadtwerkesprecher Stefan Klotz. Es handele sich um höhere Gewalt, daher könnten die Stadtwerke auch keine Haftung für Schäden übernehmen, hieß es weiter.

Am erneuten Ablauf-Engpass in der Zeppelinstraße habe man bereits 2014 das Kanalnetz gezielt umgebaut, unter anderem einen Stauraumkanal im Bereich der Straße Auf dem Kiewitt reaktiviert. Dort könne Wasser zwischengespeichert und bei Überlastung in die Neustädter Havelbucht abgeleitet werden. Doch auch dieses System stellte sich nun als begrenzt heraus. Zu möglichen Schritten, die für die Zukunft ergriffen werden, machten die Stadtwerke keine Angaben.

Aufgrund des  Regens war am Freitagmorgen zunächst nicht einmal klar, ob das große Stadtwerkefest an diesem Wochenende stattfindet. Der Niederschlag hatte vielerorts in Potsdam den Boden aufgeweicht – so auch im Lustgarten. Für das Fest, dessen Vorbereitungen schon im vollen Gange waren, musste eine Notlösung her. Man entschied sich für das Auslegen von gut 30 Kilogramm schweren Kunststoffplatten vor sowie links und rechts von der Bühne, erklärte Martin Osterwald von Stadtgrün Potsdam. Die Garten- und Landschaftsbaufirma wurde von den Stadtwerken um Unterstützung gebeten. „Die Platten kommen eigentlich bei Lkws mit schwerer Ladung zum Einsatz“, erklärte Osterwald. Insgesamt wurden 480 Quadratmeter Lustgarten mit den robusten Platten bedeckt. Das Klassik-Open Air am Freitagabend konnte, wenn auch verkürzt und ohne Bestuhlung, stattfinden.

FESTE ABGESAGT

Der Dauerregen hatte nicht nur für das Stadtwerke-Fest Folgen. Abgesagt wurde das für den Samstag geplante Sommerfest des Europe Direct Informationszentrums in der Schulstraße. Grund sei der „Durchnässungsgrad“ des Gartens, teilten die Veranstalter mit. Wahrscheinlich werde das Fest in den September verschoben. Auch die Initiatoren der „Pulse of Europe“-Demonstrationen verlegten ihre für Sonntag geplante Versammlung auf dem Luisenplatz – und zwar nach drinnen. Die Pro-Europäer laden nun am Sonntag, 14 Uhr, in die Theaterklause in der Zimmerstraße 10.

Die Organisatoren des Ultrash-Festivals im Freiland in der Friedrich-Engels-Straße zeigten sich vom Wetter hingegen nicht beeindruckt. „Wir hoffen natürlich, dass die Besucher sich Regenschirme einpacken“, sagte Claudia Fortunato vom Freiland.

FEUERWEHR IM DAUEREINSATZ

Die Feuerwehr musste zu zahlreichen Einsätzen ausrücken. Am Freitagnachmittag zählte die Leitstelle der Feuerwehr Potsdam insgesamt 50 Einsätze seit Beginn des heftigen Niederschlags am Mittag zuvor. Am Freitagvormittag hatte sich die Situation schon weitgehend beruhigt. Hauptsächlich ging es bei den Einsätzen um überflutete Keller, Tiefgaragen und Häuser. In der Kleinen Weinmeisterstraße und dem Heidereiterweg kam es zu Unterspülungen der Fahrbahn – sie wurden gesperrt. Bäume stürzten in Folge des Unwetters um und mussten geräumt werden, darunter ein Baum auf dem Radweg in der Leipziger Straße. Personen kamen in Folge des Unwetters nicht zu Schaden. Wie Marcel Haas von der Feuerwehrleitstelle sagte, waren zirka 40 Personen von der Freiwilligen Feuerwehr sowie 20 Berufsfeuerwehrleute im Einsatz. Vielerorts staute sich am Donnerstag zudem der Verkehr, ganze Straßen und Bürgersteige standen unter Wasser, beim Tramverkehr kam es zu Ausfällen. Zur Hilfe gerufen wurde das Technische Hilfswerk am Otto-Braun-Platz: Das Wasser lief in die Schwerlastaufzüge zweier Gaststätten und in den Keller. Sandsäcke mussten angehäuft werden, um den Regenfluss zu stoppen. Auch die Flusspegel stiegen. Laut dem Landesumweltamt stieg etwa der Pegel der Nuthe in Babelsberg von sonst 1,40 Meter um 62 Zentimeter.

EIN REKORDREGEN

Die Potsdamer Säkularstation registrierte zwischen Donnerstagmittag und Mitternacht genau besagte 84,6 Liter pro Quadratmeter. In der Nacht bis Freitagmittag kamen noch mehr als zehn Liter hinzu. Damit wurde mehr Regen als am 12. August 2002 und am 9. Juli 1927 gemessen, damals waren jeweils 83,9 beziehungsweise 83,1 Liter Regen pro Quadratmeter an einem Tag erreicht worden. Die höchste Tagessumme bei Niederschlägen wurde am 8. August 1978 mit 105,7 Litern aufgezeichnet. Die Wucht des Unwetters am Donnerstag verdeutlicht auch der Vergleich mit den sonst pro Jahr erreichten Niederschlagssummen in Potsdam, die allgemein zwischen 550 und 650 Litern pro Jahr liegen. Klimaforscher halten die heftigen Regenfälle für ungewöhnlich. Langsam ziehende Tiefdruckgebiete, die in den Sommermonaten Starkniederschläge mit lokalen Überschwemmungen verursachen, seien bislang in Mitteleuropa selten gewesen. „In den letzten Jahrzehnten häufen sich diese allerdings“, erklärte Peter Hoffmann, Meteorologe am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Die Forschung zeige, dass der vom Menschen verursachte Klimawandel dazu beitrage, dass sich die Luftströmungen über Europa verändern. Dies wiederum begünstige häufigere Extremwetterlagen. „Es ist leider so: Mit dem Ausstoß von Treibhausgasen gefährden wir die Stabilität unseres Klimas“, sagte Hoffmann. Rekord-Regenfälle nehmen laut einer PIK-Studie zudem auch weltweit zu.

NOCH MEHR REGEN

Zu allem Überfluss strömte am Freitag auch Wasser von unten – zumindest in Babelsberg. Am Morgen musste die Feuerwehr wegen eines Rohrbruchs an der Ecke Daimler-/ Voltastraße ausrücken. Und auch in den kommenden Tagen rechnet der Deutsche Wetterdienst mit Regen bei rund 21 Grad Celsius, speziell am Samstag sind Schauer möglich – wenn beim Stadtwerke-Fest Stars wie Silly oder Andreas Bourani auftreten. Besuchern wird festes Schuhwerk empfohlen.

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