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  • 26.04.2017
  • von Steffi Pyanoe

Schüler komponieren mit der Kammerakademie: Der Sound von Potsdam

von Steffi Pyanoe

An der Soundmaschine. Amy, Laura und Livia von der Rosa-Luxemburg- Grundschule beim Komponieren. An der Tafel hängen bereits fertige Partituren. Foto: Sebastian Gabsch

Aus Geräuschen Musik machen ist kinderleicht. Potsdamer Grundschüler haben es mit Hilfe der Kammerakademie ausprobiert.

Wer weiß, vielleicht hat der junge Mozart auch so gearbeitet. Auf dem Boden lümmelnd, gebeugt über sein Arbeitsmaterial, weltentrückt. Und hat komponiert. Auch die vier Jungs, die sich zum Arbeiten in den Schulflur zurückzogen, haben die Zeit vergessen, ihre Lehrerin Kerstin Niemeyer gibt ihnen noch ein paar Minuten. Im Klassenraum der Flexklasse 3 der Rosa-Luxemburg-Grundschule beginnt derweil eine ganz besondere Präsentation. Am gestrigen Dienstag stellten die Sieben- und Achtjährigen ihre persönlichen Werke zum Potsdamer Soundtrack vor, die sie gerade komponiert hatten. „Alles Uraufführungen“, sagte Geigerin Isabel Stegner von der Kammerakademie bedeutungsvoll.

Stegner, Geigerin und Musikpädagogin, ist Patenmusikerin der Schulklasse, seit Februar ist sie dort regelmäßig zu Gast. Die Zusammenarbeit ist Teil des Bildungsprogramms der Kammerakademie. Das aktuelle Projekt heißt „KAPstadt: So klingt Potsdam“. In einer Kita und zwei Schulen lernen die teilnehmenden Kinder, auf die Umwelt zu hören und die Geräusche ihrer Stadt und Häuser wahrzunehmen. Diese werden dann aufgenommen und weiterverarbeitet.

In der Grundschule passierte das mit Tablet-Computern, die die Kammerakademie zur Verfügung stellt. Die Kinder gingen damit im Schulgebäude und draußen auf Geräuschejagd, nahmen auf, was sie hörten, ein Rauschen oder Brummen, Klirren oder Klopfen, und drehten dazu kleine Filmchen. Aus diesen Bausteinen wird nun komponiert. In kleinen Gruppen sitzen die Kinder, große Kopfhörer auf den Ohren, über je einem Pad. Sie schieben die Geräuschdateien hin und her, dazu die Filmchen und jeweils ein Schnipsel Klassik, Bach, Mozart oder Mendelssohn. Am Ende besteht das Werk aus drei oder vier Tonspuren und einem Video. Jedes einzigartig. Die Musik-App ist einfach zu begreifen, alles klappt überraschend gut. Auch Kerstin Niemeyer und Isabel Stegner sind begeistert.

„Am Anfang war ich allerdings etwas skeptisch“, sagt die Musikerin. „Ich dachte, warum drücken wir den Kindern nicht richtige Instrumente in die Hand?“ Aber bis man mit einem Musikinstrument so weit ist, dass man komponieren kann, das brauche etwas Zeit. So aber konnten alle Schüler sofort loslegen und ausprobieren wie man das macht, komponieren. „Es ist eben eine andere Art – aber es geht wunderbar.“

Die Kinder arbeiten konzentriert in kleinen Grüppchen, an Tischen oder auf Sitzkissen dem Fußboden. Rahel und Noah sortieren zunächst die verschiedenen Töne, flache wie Motorbrummen oder Wasserrauschen, und Punkttöne. „Wie ein Schlagzeug“, sagt Noah, und haut zur Demonstration mit der Faust ein paarmal auf den Tisch. Amy, Laura und Livia finden das Klackern von Fingern auf einer Computertastatur sehr schick. „Das nehmen wir“, sagt Laura begeistert. Das Klogeräusch finden sie weniger gut, nur lustig, aber es kommt trotzdem nicht mit. Luise und Antonia haben sich gerade für die Klassiksequenz entschieden: Mozart, sagt Luise, einfach, weil er so schön klingt. Dazu kommt das Schnappen einer Türklinke, zwei, drei Mal, immer schön im mozart’schen Rhythmus.

Stückweise schieben die Kinder dann auf dem Touchscreen die Ton-Bausteine zu einer Audiodatei zusammen, es geht kinderleicht. Anschließend soll alles auf einer Partitur festgehalten werden – klassisch mit Stift und Papier. Die Notenzeile besteht aus vier dicken, farbigen, waagerechten Spalten, eine für jede Tonspur. Hier trägt Antonia ihre „Türklinke“ und die „Fahrradklingel“ ein – drei Punkte für dreimal Klingeln. Oder waren es mehr? „Ich muss das noch mal hören“, sagt sie, setzt die Kopfhörer auf und bedient das Tablet.

Dabei zeigt sich ein interessanter Nebeneffekt des Musikprojekts. Die Kinder lernen den Umgang mit dem Rechner und entdecken dessen Vielseitigkeit. „Man kann damit eben nicht nur YouTube-Videos anschauen, sondern auch selber etwas erschaffen“, sagt Stegner. Im Klassenraum gibt es zudem interaktive Tafeln, an denen alle sehen, was auf dem Bildschirm stattfindet. Und so lernen die Kinder bei dem Projekt auch Informatik und sogar Englisch, wenn Stegner vom „Overwrite Audio Button“ spricht.

Für solche Projekttage räumt man sich an der Luxemburg-Schule gerne Spielräume frei, sagt Niemeyer, auch wenn sich dieses hier schlecht in ein Schulfach einordnen lasse. Sie habe aber gemerkt, dass nach solchen freien Projekttagen die Kinder wieder besonders offen sind für normalen Unterricht, Mathe oder Deutsch. Natürlich nehmen sie hier vor allem großes Interesse für Musik mit. Musik ist an der Schule ein Schwerpunktfach, seit etwa sechs Jahren nehmen die Schüler zudem am Brandenburger Projekt „Klasse Musik“ teil und bekommen zusätzlichen Instrumentalunterricht. Nicht wenige lernen seitdem in ihrer Freizeit ein Musikinstrument.

Was daraus werden kann, erleben die Schüler auch bei den Terminen mit der Kammerakademie. Musiker kommen für ein Kammerkonzert in die Schule und im Nikolaisaal finden Konzerte für Schulklassen statt. Was die Kinder komponierten, der Soundtrack der Stadt, wird nach dem Sinfoniekonzert am 13. Mai im Nikolaisaal-Foyer ausgestellt. „Die normalen Konzertbesucher sollen mal hören, was wir gemacht haben“, sagt Stegner. Im Video von Noahs Gruppe sieht und hört man ein Motorboot auf der Havel, das Brummen legt sich frech über den Clip von Carl Philipp Emanuel Bach. „Der hat sogar mal in Potsdam gelebt“, sagt Stegner. Vielleicht hätte es ihn gar nicht gestört, so vereinnahmt zu werden.

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