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  • 28.02.2017
  • von Holger Catenhusen

Gartensparte „Selbsthilfe 1917“ in Babelsberg: Die bunten Zeiten sind vorbei

von Holger Catenhusen

Vor allem vor der politischen Wende wurde viel gefeiert in der Gartensparte in Babelsberg. Dieses Bild zeigt das Fest zu Pfingsten 1970. Repro: A. Klaer

Vor 100 Jahren wurde die Gartensparte „Selbsthilfe 1917“ gegründet. Das Vereinsgelände in Babelsberg ist zuletzt stark geschrumpft – ein Opfer des Baubooms.

Sie hatten jahrelang gekämpft. Und verloren am Ende doch das Meiste. Die Laubenpieper vom Kleingartenverein „Selbsthilfe 1917“ in Babelsberg bewiesen Ausdauer mit ihrem Protest. Sie veranstalteten Demonstrationen, schrieben Briefe an die Verantwortlichen. Und sie bemalten Transparente mit Losungen, die jeder sehen konnte, der auf dem Horstweg zwischen Großbeeren- und Nuthestraße unterwegs war. Die Kleingärtner protestierten seit den 1990er-Jahren gegen den drohenden Verlust ihrer Gärten. „Es war ja praktisch nach der Wende nur Kampf um den Erhalt“, erinnert sich Siegfried Neumann, ehemaliges Vorstandsmitglied des Vereins. Fast 50 Jahre hatte er in der Sparte einen Garten. 2015 war Schluss. Neumann musste den Garten aufgeben.

Schon bald nach der deutschen Wiedervereinigung hatte die Stadtpolitik ein Auge auf einen Teil der Gärten in der Sparte „Selbsthilfe 1917“ geworfen. Es drohte der Verlust von Flächen. Am Ende, nach über 20 Jahren Kampf, halfen alle Transparente, Demos und Protestschreiben nichts – oder jedenfalls nicht allzu viel: Von den einstmals 88 Parzellen östlich des Babelsberger Horstwegs sind seit dem Jahr 2015 lediglich 20 erhalten. Die anderen 68 Gärten wurden geschleift – darunter der von Siegfried Neumann. Das Areal soll bebaut werden, auf einer Teilfläche stehen bereits Häuser. Kleingärtner wie die aus dieser Babelsberger Sparte am Horstweg sind – neben Garagenbesitzern – die großen Verlierer des Baubooms in Potsdam.

Soll, ja kann man in einer solchen Situation ein Jubiläum feiern: 100 Jahre Sparte „Selbsthilfe 1917“? Ja, man kann, sagt Roland Schreiber, Vorsitzender des stark dezimierten Vereins. „Wir wollen diese 100 Jahre ein bisschen feiern“, wahrscheinlich im Sommer mit einem Gartenfest. Gegründet wurde der Verein mitten im Ersten Weltkrieg als „Gartenbau- und Kleintierzuchtverein Selbsthilfe Nowawes“. 38 Mitglieder zählte er damals, wie in der Chronik nachzulesen ist.

Heute, 100 Jahre später, herrscht zwar kein Krieg in Mitteleuropa, die Selbstversorgung durch den Schrebergarten ist längst nicht mehr bitter nötig wie noch im Gründungsjahr. Aber die Stimmung unter den Hobbygärtnern der „Selbsthilfe“ sei dennoch ganz schön getrübt, sagt Schreiber. Nicht nur wegen des Verlustes von Parzellen. Es gibt auch sonst Probleme. Zum Beispiel mit der Wasserleitung. Denn die ist, so Schreiber, schon ein Jahr lang nicht nutzbar. Er befürchte, die schweren Baufahrzeuge in der Nachbarschaft könnten den Wasserrohren zugesetzt haben. Auch Buntmetalldiebe hätten sich an der Wasseranlage zu schaffen gemacht, sagt Schreiber. Jetzt gebe es in der Gartenanlage kein Trinkwasser. Der Vereinsvorsitzende hofft, dass dieser Zustand bald ein Ende hat und die Wasserleitung wieder instand gesetzt wird. Zum Gießen der Pflanzen habe man in der vergangenen Saison auf Wasser aus Brunnen zurückgegriffen.

Auch bei der Stromversorgung haperte es lange Zeit, berichtet der 50-Jährige. Ein Teil der Gärten habe mehr als ein Jahr keinen eigenen Strom gehabt. Man half sich untereinander: Die Gartenfreunde, bei denen der Strom funktionierte, versorgten die anderen mit. Und der neue Zaun, von dem Schreiber sagt, er habe längst stehen sollen, ist immer noch nicht da. Woran das liegt, wisse er selbst nicht so ganz genau. Der Kreisverband der Kleingärtner und ein Bauinvestor hätten sich wegen der erforderlichen Einfriedung des geschrumpften Spartengeländes eigentlich auf eine Lösung verständigt. Doch es gibt auch Positives: Ein neues Vereinsheim soll gebaut werden, trotz all der Schwierigkeiten. Das alte Gemeinschaftshaus stand auf dem Areal, das für die Sparte verloren ging. „Es wird noch ganz schön Arbeitsaufwand werden“, sagt Schreiber. „Wir wollen uns da eine Holzlaube hinstellen.“

Das verbliebene Gelände des Babelsberger Kleingärtnervereins ist heutzutage vom Horstweg aus kaum noch sichtbar. Die Gärten in der Nähe der Straße sind alle weggerissen worden. Die erhalten gebliebenen Parzellen liegen dahinter in Richtung Heinrich-von-Kleist-Straße. Wer von der Nuthestraße aus Richtung Stahnsdorf kommend nach rechts in den Horstweg einbiegt, sieht zwar hinter einem einsamen Haus, das direkt an der Abfahrt steht, ein paar Gärten an der Straße. Doch die gehören nicht zur „Selbsthilfe 1917“, sondern zum Verein Moosgarten. Direkt daneben begann das frühere Gelände der „Selbsthilfe“. Es erstreckte sich entlang des Horstwegs bis vor zur Dieselstraße. Ein erster Teil der Gärten wurde 2009/10 weggerissen, erinnert sich die ehemalige Vereinsvorsitzende Marion Vogel. Der zweite große Geländeverlust folgte 2015. Die Stadt Potsdam habe den Kleingärtnern Ersatzland in Marquardt angeboten, berichtet Vogel. Wer in Babelsberg wohnt, hätte dann zu seinem Garten einmal quer durch Potsdam bis an die Peripherie der Stadt fahren müssen. „Das war doch ein Witz“, sagt Siegfried Neumann heute über das damalige Angebot der Stadt. Immerhin, die gezahlte Entschädigung für den Verlust der Gärten findet Marion Vogel angemessen. Wie viel Geld gezahlt wurde, will sie aber nicht sagen: „Das hat keinen nach außen zu interessieren.“

An die früheren Zeiten hat die einstige Vereinsvorsitzende Vogel gute Erinnerungen – zum Beispiel an die gemeinsamen Gartenfeste in der Sparte, die zu DDR- Zeiten und auch später noch gefeiert wurden. Gudrun Kurtze, früher Schatzmeisterin des Vereins, erinnert sich an Skattage in der Sparte. „Dieser Zusammenhalt, der war eben da“, sagt ihr einstiger Vorstandskollege Neumann und erinnert dabei an die gemeinschaftlichen Arbeitseinsätze. Vogel sieht das Schicksal der Sparte wohl gewissermaßen als ein Symptom der heutigen Zeit, wenn sie sagt: „Die Menschheit hat sich wirklich negativ entwickelt.“ Und Kurtze sekundiert ihr: Heute sei „jeder dem anderen sein Deibel“.

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