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  • 09.11.2016
  • von Steffi Pyanoe

Projekt "Wüstungen" von Potsdamer Fotografen: Hinterm Feld links

von Steffi Pyanoe

Im Grenzgebiet. Die Fotografen Anne Heinlein und Göran Gnaudschun recherchierten unter anderem im Stasiunterlagenarchiv nach verschwundenen Orten im ehemaligen Grenzgebiet. Dort stießen sie auf dieses Foto vom Grenzverlauf in der Nähe von Meiningen in der Röhn, in dem zwei frühere Ortschaften verzeichnet sind. Foto: BStU, Signatur BV Suhl, Abt. VII/1086, Seite 6

Die Potsdamer Fotografen Anne Heinlein und Göran Gnaudschun schreiben ein Buch über verschwundene Orte im früheren Grenzgebiet – und suchen noch Sponsoren.

Die Geschichte der innerdeutschen Grenze – sie ist noch lange nicht auserzählt. Geschätzt mehr als 100 Orte, einzelne Gehöfte oder ganze Dörfer, verschwanden in den Jahren zwischen 1952 und 1988. Wurden dem Erdboden im Wortsinne gleich gemacht, weil sie das freie Schussfeld gestört haben, schlecht zu bewachen waren oder einfach zu nah an der Grenze standen. Jetzt ist die Grenze verschwunden, der Streifen ein Naturschutzgebiet. Die Potsdamer Fotografen Anne Heinlein und Göran Gnaudschun wollten wissen, wie es an solchen Orten jetzt aussieht. Wie es dort früher aussah und was man spürt, wenn man dort einmal innehält, sich mit der Geschichte auseinandersetzt.

Darüber soll jetzt ein Buch entstehen, Arbeitstitel „Wüstungen“. Es ist ein sogenanntes Crowdfundingprojekt, realisiert werden kann es nur mit Hilfe privater Spenden zusätzlich zur Grundförderung durch die Stiftung Kunstfonds, wie Göran Gnaudschun berichtet. Vor zwei Tagen ging der Spendenaufruf online. Bis zum 12. Dezember müssen noch knapp 13 000 Euro zusammenkommen, damit das Buch gedruckt werden kann. Gnaudschun ist zuversichtlich, er plant am 8. Januar eine Buchvorstellung mit Vernissage im Haus am Kleistpark in Berlin.

Der Potsdamer Fotograf beschäftigt sich oft mit dem Unsichtbaren. Mit den Zwischentönen. Die Vergangenheit, die Geschichte, sagt er, ist eben geschichtet. Darin blättert er und durchbricht manchmal auch Abgrenzungen. Für das Buchprojekt recherchierten er und seine Frau, Anne Heinlein, in Archiven, altem Kartenmaterial, verglichen Google Earth mit den Messtischblättern, in denen 1905 bis 1915 Deutschland vermessen wurde – erstaunlich genau, sagt Gnaudschun. Vor Ort suchten sie Spuren der früheren Bebauung. Aber wo und wen kann man fragen, wenn die ehemaligen Bewohner alle zwangsweise umgesiedelt wurden? „Da geht man zum Bäcker im Nachbardorf. Und wenn man Glück hat, heißt es, ja, da war was, sucht mal hinterm Feld links. Manchmal steht dann da sogar ein kleiner Gedenkstein.“

Nicht alle Zeitzeugen oder Nachfahren dieser Menschen, die Grund und Boden verloren, wollten reden. Sie hatten Bilder und Erinnerungen verloren oder vernichtet und längst damit abgeschlossen, wollten sich nicht wieder mit den schmerzhaften Erinnerungen auseinandersetzen. Andere holten gern alte Fotos raus.

Aber das Buch sollte kein reines Fotobuch werden, keine Vorher-nachher-Gegenüberstellung, kein nüchternes Nachschlagwerk. „Wir wollten der Aura nachspüren, die an solchen Orten vielleicht zu finden ist. Das Gefühl finden, das damit zusammenhängt, mit dem Wissen, da war mal Leben“, erzählt Gnaudschun: „Aber das entsteht erst im Kopf, wenn man sich damit beschäftigt.“

Deshalb enthält das Buch nicht nur Bilder, sondern auch Texte. Montagen aus Interviews mit ehemaligen Bewohnern dieser Orte oder deren Nachfahren, mit Textpassagen aus Dokumenten über die geheimen Umsiedlungsaktionen. Hinzu kommen Gnaudschuns eigene Empfindungen. Dafür ist er manchmal allein zu den Orten gefahren und hat sich dieser Stimmung ausgesetzt. Manchmal, sagt er, ist er sogar über Nacht geblieben, allein in dieser Natur.

Heinlein hat die Aufnahmen der Orte, so wie sie heute aussehen, gemacht. Dabei haben sie ausgewählt. Nur ein leeres Feld zu fotografieren – das geht nicht, sagt Gnaudschun. Um das Nichts sichtbar werden zu lassen, braucht es Kontrast. Bäume in einer seltsamen, scheinbar unmotivierten Gruppierung, dazwischen eine Wiese, lassen vermuten, dass da mal ein Haus gestanden haben könnte.

Natürlich kann man so ein Thema nicht politisch losgelöst bearbeiten. „Da begegnet einem viel Bitterkeit“, sagt Gnaudschun. Es habe ihn als Städter überrascht, wie sehr man an einem Hof hängt, wenn der seit 300 Jahren im Familienbesitz war. Nur wenige, die damals enteignet wurden, wurden entschädigt. Dazu kommt, dass der Grenzstreifen ein grüner Streifen wurde, Naturschutzgebiet. Hier wird nichts mehr aufgebaut. „Dann kehrt so ein Bauer manchmal dorthin zurück und läuft allein durch das Gras.“

Etwa 100 verschwundene Orte haben die beiden aufgespürt, einen auch in der Nähe: Osdorf im Landkreis Teltow/Fläming, verwüstet seit 1970. Die Osdorfer Straße in Berlin gibt es noch heute.

www.visionbakery.com/wuestungen

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