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  • 08.11.2016
  • von Katharina Wiechers

Kostenfreies Frühstück an Potsdams Grundschulen: Lieber früher in die Schule

von Katharina Wiechers

Energie für den Tag. Die Spirellibande der Awo bietet kostenloses Frühstück an sieben Potsdamer Schulen – wie hier in der Grundschule „Am Priesterweg“. Nun soll die Stadt prüfen, ob dies mit finanzieller Hilfe des Landes an allen Potsdamer Grundschulen möglich ist. Im März 2017 soll ein Zwischenbericht vorliegen. Foto: Sebastian Frenkel

In Potsdam wird über ein kostenloses Frühstück an allen Grundschulen nachgedacht. Das Modell wäre neu, der Bedarf ist offenbar da.

Potsdam - Mit knurrendem Magen Rechenaufgaben lösen, Lesen üben oder gar am Sportunterricht teilnehmen – das kann nicht gut gehen. Und doch kommen viele Potsdamer Grundschüler ohne Frühstück in die Schule. Deshalb wird nun über die Einführung eines kostenlosen Frühstücks an Potsdamer Grundschulen nachgedacht, vergangene Woche fassten die Stadtverordneten einen entsprechenden Beschluss (PNN berichteten). Die Stadt würde damit Neuland betreten, denn bislang übernehmen fast ausschließlich Vereine diese Aufgabe.

Über die Hälfte der Sechs- bis Elfjährigen frühstücken nur ein bis zwei Mal pro Woche oder noch seltener zu Hause, das hat eine bundesweite Studie des Robert-Koch-Instituts und der Universität Paderborn ergeben. Weil nachgewiesen ist, dass die Konzentrationsfähigkeit von Kindern deutlich leidet, wenn sie mit leerem Magen im Unterricht sitzen, engagieren sich mehrere Vereine und Verbände in diesem Bereich – in Potsdam etwa die Arbeiterwohlfahrt (Awo) mit ihrer Spirellibande.

360 Kinder nehmen das Awo-Angebot wahr

An sieben Potsdamer Schulen bietet die Spirellibande ein kostenloses Frühstück an – in den Stadtteilen Schlaatz, Drewitz, Am Stern, Waldstadt und Brandenburger Vorstadt. Ehrenamtliche und sogenannte 450-Euro-Kräfte stehen frühmorgens auf, schnippeln Gemüse, richten Käse an und bereiten Kakao zu, sodass alles vor Schulbeginn bereitsteht. Teils helfen auch Eltern mit, allerdings weniger als die Awo es sich wünschen würde.

Derzeit nehmen etwa 360 Kinder das Angebot wahr, pro Schule kommen etwa 20 Prozent der Schüler zum Frühstück, sagt Awo-Chefin Angela Basekow. Für sie geht es nicht nur darum, den Hunger zu stillen, sondern auch um Teilhabe. Die UN-Kinderrechtskonvention schreibt ein Recht auf „das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit“ fest, zitiert sie. Ein gesundes Frühstück ist für sie also ein Menschenrecht – und ein Beitrag zur Armutsbekämpfung. Weitere Potsdamer Schulen stehen bei der Spirellibande auf der Warteliste, doch das Budget ist begrenzt. Es setzt sich aus Awo-Eigenmitteln, Spenden und Stiftungsgeldern zusammen.

Kinder gehen freiwillig früher in die Schule

Andere Vereine sind an mehreren Orten in ganz Deutschland aktiv, wie etwa der von Schauspielerin Uschi Glas gegründete Brotzeit e.V. Neben München, Heilbronn oder Berlin organisiert der Verein auch in Leipzig kostenloses Frühstück. 1400 Kinder an 22 Schulen nehmen jeden Tag durchschnittlich das Angebot wahr, sagt Projektkoordinatorin Claudia Spitzner. Eine Evaluation habe gezeigt, dass die Leistungen der Schüler durch das Frühstück tatsächlich nach oben gingen. Meist seien es die Schüler selbst und nicht die Eltern, die sich für eine Teilnahme an dem Frühstück entschieden – obwohl sie dafür eine halbe Stunde eher in der Schule sein müssen, sagt Spitzner. Manchmal müssten die Eltern schon frühmorgens zur Arbeit, andere Kinder berichteten aber auch, dass sie morgens die Einzigen seien, die überhaupt aufstünden. „Da kommt es vor, dass ein Junge vor einem steht, der noch den Schlafanzug unterm Jogginganzug anhat und sagt, er konnte die Kleider nicht finden, weil Mama verbietet, morgens Licht zu machen.“

Brotzeit e.V. hat nicht nur Unternehmen als Sponsoren geworben, sondern auch zum Beispiel den Freistaat Bayern dazu gebracht, die Frühstücksversorgung an 25 „Brennpunktschulen“ zu übernehmen. Ein Modell, wie es jetzt in Potsdam angedacht ist, nämlich dass Kommune und Land das Frühstück auf ihre Kosten für alle Grundschulen übernehmen, kennt Spitzner nicht – genauso wenig wie die Potsdamer Linke-Abgeordnete Sigrid Müller, die den Antrag eingebracht hat. Auch beim Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband ist ein solches Konstrukt bislang nicht bekannt – Potsdam nimmt also womöglich eine Vorreiterrolle ein.

 

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Dass es ein Modell für ein kostenloses Frühstück an Potsdamer Grundschulen für bedürftige Kinder geben soll, ist eine richtige Entscheidung. Ein Kommentar >>

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