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  • 10.06.2016
  • von Erik Wenk

Lennés Spuren im Park Sanssouci: Blick in Lennés Trickkiste

von Erik Wenk

Foto: promo

Gräben, Brücken, ein Wasserfall: Unter Gartenarchitekt Peter Joseph Lenné entstand ein Park Sanssouci, von dem sich der heutige deutlich unterscheidet. Eine Spurensuche.

Potsdam - „Landschaftliche „Attraktionen“, Wege als „Regie-Linien“, Baumgruppen, die sich wie „Kulissen“ beim Spazieren verschieben – wenn Gerd Schurig über Sanssouci spricht, wirkt es, als gehe es nicht um einen Park, sondern um ein Schauspiel. Der Kustos für Gartendenkmalpflege im Park Sanssouci nahm am Mittwoch rund 25 Besucher mit auf die Suche nach Spuren des Gartenkünstlers Peter Joseph Lenné, dessen Todestag sich 2016 zum 150. Mal jährt.

Start ist der Theaterweg am Schloss Charlottenhof. Der Name ist kein Zufall, so Schurig: „Es ist alles ein großes Garten-Theater.“ Regisseur und Drehbuchautor in einem ist natürlich Lenné, der ein halbes Jahrhundert lang die Potsdamer Kulturlandschaft mitgestaltete. Angefangen hat alles mit dem Park Charlottenhof sowie mit dem Hopfengarten, der 1827 fertiggestellt wurde. „Damit hatte Lenné den Fuß in der Tür für die weitere Gestaltung der Landschaft über den Park hinaus“, so Schurig. Rund um das Schloss Charlottenhof sah es damals eher trostlos aus: Sumpfige, karge Freiflächen, an deren Rändern Industrieanlagen wie Ziegeleien errichtet werden sollten. Dies wusste Lenné zu verhindern, indem er Kronprinz Friedrich Wilhelm gleich Pläne für einen englischen Landschaftsgarten in die Hand drückte, als dieser 1825 das Schloss Charlottenhof geschenkt bekam. Das Grundkonzept: Viele Gehölze am Rand, ein großer Weg, in der Mitte große Rasenflächen mit wenigen Baumgruppen und kleinen gewundenen Wegen. Während die Gestaltung direkt um das Schloss Charlottenhof noch von antiker Regelmäßigkeit bestimmt ist, gehen die rechteckigen Formen langsam in landschaftliche Unregelmäßigkeit über.

Immer etwas zu sehen

Schurig macht auf die Bäume auf der Wiese nördlich des Schlosses aufmerksam: „Zwischen den Lücken ist immer etwas zu sehen, zum Beispiel das Neue Palais oder der Ruinenberg.“ Solchen „Rahmungen“ und Sichtachsen begegnet man auch auf dem Theaterweg immer wieder: Plötzlich ist die Sicht frei auf die Sonnenlaube, direkt dahinter ragt ein Turm des Belvederes auf, in einer anderen Richtung steht prominent eine Blutbuche als Blickfang. Das ist natürlich kein Zufall: Solche „Attraktionen“ sind immer dort platziert, wo der Spaziergänger automatisch langsamer wird. Zum Beispiel an einer Weggabelung, auf einer Anhöhe, auf einer Brücke oder nach dem Gang durch eine schattige Gehölzgruppe: „Wenn man wieder in die Sonne tritt, wird man ebenfalls langsamer, um die Augen wieder an das Licht zu gewöhnen“, verrät Schurig. Selbst die weiten Wiesenflächen sind alles andere als schnöder Rasen: Die Gärtner seien damals gezielt in andere Regionen, etwa nach Süddeutschland gefahren, um bestimmte Gräser, Blumen und Kräuter zu besorgen. „Man wollte auch ein bestimmtes Bild haben, wenn der Wind über das Gras pustete“, sagt Schurig und zeigt auf die weite Rasenfläche. „Man ist auf die Almen gegangen und hat dort Kräuter gesammelt – hier stehen tatsächlich alpine Pflanzen.“

Die großen Wege konzipierte Lenné so, dass Pferd oder Kutsche schnell von A nach B kamen, der Reisende aber dennoch alle großen Attraktionen bewundern konnte. Lenné brach dabei bewusst mit der barocken Vergangenheit: „In einem geraden Barock-Garten können Auge und Fuß noch denselben Weg gehen“, sagt Schurig. Bei dem romantisch geprägten Landschaftsgarten ist das anders: „Man geht nie direkt ans Ziel, man bekommt nie alles zu sehen, nur kleine Bonbons am Rande.“ Ständig wird die Neugier des Besuchers neu geweckt, so Schurig, zum Beispiel von den Büsten des Dichterhains, die weiß zwischen den Bäumen hindurchscheinen. Am Neuen Palais angelangt geht es auf einen kleinen versteckten Weg, der zum Freundschaftstempel führt. Hier tun sich keine majestätischen Sichtachsen auf, dafür gibt es kleinere Attraktionen wie Stauden und Blumen, die an „Augen und Nasen der Besucher heranrücken können“, so Schurig.

Imaginäre Brücken und leere Sockel

Während des Rundgangs ist oft die Fantasie der Gäste gefragt, denn zu Lennés Zeiten sah der Park noch anders aus: Zum Beispiel gab es ein ausgedehntes Wassergrabensystem – Schurig weist jedes Mal darauf hin, wenn die Gruppe eine imaginäre Brücke überqueren muss. Doch da das Wasser meist stand, stank und die Angst vor der Cholera umging, verfüllte man die Gräben ab 1880. Ebenfalls ganz anders sah der Hopfengarten nordöstlich vom Neuen Palais aus: Heute wird dieser Teil des Parks eher selten besucht, doch früher standen hier viele Statuen und Büsten, es gab Teiche und sogar einen 1,20 Meter hohen, natürlichen Wasserfall. Ein leerer Sockel am Wegesrand zeugt noch von einer Athene-Statue, die damals hier stand. Eine wichtige Statue ist allerdings bis heute stehen geblieben: Umringt von einigen kleinen Bäumen steht die Büste Lennés.

Auch wenn der Gartenarchitekt Großes in Sanssouci geleistet hat: Der Park Charlottenhof ist nicht sein alleiniges Werk. Sein Schüler Emil Sello hatte ebenso einen Anteil daran, vor allem direkt um das Schloss Charlottenhof, auch der Kronprinz steuerte Ideen bei. „Wie viel genau von wem stammt, lässt sich nicht eindeutig sagen“, so Schurig. „Auch wenn unter vielen Plänen Lennés Unterschrift steht, heißt das nicht unbedingt, dass der Plan von Lenné stammt.“ Denn auch dessen Schüler und die Hofgärtner fertigten Pläne an, die Lenné mit seiner Unterschrift absegnete. Für heutige Besucher ist das freilich nicht so wichtig: Sie können auch im Garten-Theater schwelgen, ohne den Regisseur zu kennen.

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