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Verkehr

  • 30.03.2016
  • von Sarah Kugler

Fahrradwerkstatt in Potsdam: Selbst schrauben, für mehr Charakter

von Sarah Kugler

In der Fahrradwerkstatt des ADFC wird Radlern Hilfe zur Selbsthilfe geboten, ehrenamtlich. Foto: A. Klaer

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e.V. in Potsdam hilft jedem, sein Fahrrad selbst zu reparieren und fit für den Frühling zu machen.

Potsdam - Der erste Griff ist noch einfach: Einmal zum Kleiderschrank gehen und die Freizeitjacke gegen den Arbeitskittel tauschen. Danach geht es für Marcus Reinhold ans Eingemachte. Die Lenkstange seines Fahrrads ist nicht in Ordnung und bewegt sich eher ruckartig. Weil er selbst nicht so richtig weiß, welche Reparaturschritte da nötig sind, besuchte er am gestrigen Dienstag die Selbsthilfewerkstatt des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club e.V. (ADFC) in der Gutenbergstraße. Hier können Fahrradfahrer jeden Dienstag von 16 bis 18 Uhr ihr Rad nicht nur einem Rundumcheck unterziehen, sondern lernen auch, wie man kleine Reparaturen selbst durchführt.

Marcus Reinhold nutzt den Service des ADFC schon seit ungefähr fünf Jahren, wie er erzählt. „Klar kommt man auch aus Kostengründen her“, so der 44-Jährige. „Aber ich möchte auch verstehen, wie was gemacht wird und das bekomme ich hier vermittelt.“ Inzwischen ist er schon seit zwei Jahren selbst Mitglied im ADFC und hilft, wo er kann. Am Dienstag ist er jedoch auf die Hilfe von Kollegen wie Ulf Hildebrand angewiesen. Der ehemalige Ingenieur für Hochfrequenztechnik ist einer der Ehrenämtler, die ihre jahrelange Erfahrung mit hilfebedürftigen Radfahrern teilen. „Wir sind allesamt Bastler und eben Radfreaks“, sagt er. „In der Regel sind wir zu dritt hier, das variiert aber.“ Meist kämen Alleinerziehende oder Studenten in die Werkstatt, die den kostenlosen und vor allem praxisorientierten Service der Werkstatt zu schätzen wüssten. Viele kämen mit konkreten Problemen, häufig weil das Licht oder die Bremse nicht richtig funktionieren, so Hildebrand. Auch die Gangschaltung sei ein häufiges Problem – so etwa bei einem jungen Potsdamer, der die Werkstatt am Dienstag das erste Mal nutzt. Unter Anleitung legt er selbst Hand an und muss das Rad dann erst mal gründlich reinigen. „Ölen und Putzen sind das A und O“, betont Hildebrand. „Dabei entdeckt man oft kleine Fehler, etwa an den Speichen.“

"Einfach weiterfahren, bis es nicht mehr geht"

Dabei sei dort die Spannung mit einfachen Handgriffen zu überprüfen und auch wieder einzustellen, wie er einer 30-jährigen Potsdamerin erklärt, die ihr Rad fit für den Frühling haben möchte. Speiche für Speiche muss sie dann mit dem Speichenspannschlüssel festziehen. Als dabei eine bricht, wird gleich eine neue eingefädelt. „Wir können natürlich nicht alles machen, aber ein kleines Ersatzlager haben wir schon hier“, erklärt Hildebrand und misst gleich noch die Kettenspannung. Das Urteil fällt hart aus: Kette sowie Zahnrad sind so abgenutzt, dass eigentlich beides ausgetauscht werden müsste. „Das müsste sich die Kundin jetzt selbst beim Händler besorgen und dann zeigen wir, wie es eingesetzt wird“, erklärt Hildebrand und ergänzt: „Ich empfehle aber in solchen Fällen, einfach weiterzufahren, bis es nicht mehr geht und dann die Investition zu tätigen.“ Überhaupt rate er sehr selten zum Fahrradneukauf, dazu sei er zu sehr Bastler. Dabei scheut er sich auch nicht, eine defekte Halterung für das Schutzblech kurzerhand durch Kabelbinder zu ersetzen. „Natürlich immer nur im Einverständnis mit dem jeweiligen Besitzer“, sagt er und lacht.

In manchen Fällen ist er dann aber doch auf die Hilfe der Kollegen angewiesen, etwa wenn ein Hinterrad sich nach dem Ausbau partout nicht mehr einbauen lassen will. Dann wird auch zu dritt angepackt. Der Kundenservice wird dabei trotzdem nicht vernachlässigt: Die 39-jährige Potsdamerin, deren Freilauf nicht mehr funktionierte, muss viele Schritte selbst durchführen. Und auch Marcus Reinhold hat inzwischen eine Lösung für sein Lenkradproblem gefunden: Mit Inbusschlüssel und Hammer „bewaffnet“ will er die Lenkstange abmontieren, komplett überarbeiten und fetten. Laut Hildebrand wäre in diesem Fall allerdings tatsächlich mal ein neues Rad fällig. Doch letztendlich müsse nichts perfekt sein, wie er sagt. „Ein Rad, das nicht klappert, hat schließlich keinen Charakter.“ 

 

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