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  • 25.04.2017
  • von Andrea Dernbach

Migrationsforscher und Berater Bade zieht Bilanz: Achtung, Ausländer!

von Andrea Dernbach

Willkommen war selten. Die Kanzlerin und eine junge Spielerin der Stiftung des 1. FC Köln "Wir zusammen" Foto: Federico Gambarini/dpa

Der Historiker Klaus J. Bade hat über Migration geforscht und sich immer wieder eingemischt. Ein Rückblick auf die schwere Geburt eines Einwanderungslands.

Besser hätte man’s kaum takten können: Klaus J. Bade, einer der dienstältesten Köpfe der deutschen Migrationsforschung und ihr vielleicht immer noch politisch aktivster und und wortmächtigster, hat am Freitag seine Bilanz von etwa 40 Jahren Wissenschaft und, wie er es gern nennt, „kritischer Politikbegleitung“ vorgestellt. Es war der Tag, an dem sich in Köln gerade diejenigen versammelten, die im inzwischen verabschiedeten Wahlprogramm die Deutschen aufrufen, mehr Kinder zu bekommen – zum „Erhalt des eigenen Staatsvolks“. Man weiß, wie das Staatsvolk aussieht, das die selbst ernannte Alternative für Deutschland sich herbeifantasiert, auch wenn sie keine Bäh-Wörter mehr wie „Rasse“ bemüht.

Reaktion auf Migration war immer Panik

Wer Bade liest, der am Beginn seiner Historikerlaufbahn schon den Überfremdungsängsten des Bismarck-Reichs nachspürte, erfährt, wie das Volk wirklich aussieht. Ziemlich bunt, das wissen wir bereits vom Statistischen Bundesamt, das Jahr für Jahr einen steigenden Anteil von Bürgerinnen und Bürgern mit Migrationshintergrund ausweist. Bade erinnert daran, dass es seit je und eben auch in den letzten Jahrzehnten durch Einwanderung entstanden ist, durch „Migration, Flucht, Integration“, so der Titel von Bades Bilanz. Das lief, auch das macht er noch einmal dankenswert deutlich, fast nie stetig ab, sondern stürmisch: Erst die vielen tausend der Gastarbeitergeneration, später Um- und Aussiedler aus der zerfallenden Sowjetunion, die Kriegsflüchtlinge aus Jugoslawien, heute ihre Leidensgenossen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak.

Was Historiker Bade, seit den 80ern in Zuwanderungskommissionen beratend oder als Mitglied, aber auch als Institutionengründer tätig, zum Glück wieder ins Gedächtnis ruft: Stets trafen die Neuen auf Panik, wurden sie mit kaum variierten Gebetsmühlenformeln empfangen. Die „Grenzen der Belastbarkeit durch Zuwanderung“ waren in den Reden politisch Verantwortlicher praktisch immer erreicht, gern auch, wie der damalige sozialdemokratische Innenminister Otto Schily 1999 unermüdlich verbreitete, schon „überschritten“.

Nur mal eben das rechte Profil geschärft

Doch Deutschland hat sich immer noch nicht abgeschafft, es steht wirtschaftlich besser da denn je. Wer einen Blick in die Beiträge und Denkschriften aus all der Zeit wirft – Bades viele hier nachgedruckte Interventionen haben den Band zu einem ordentlichen Backstein gemacht –, dem wird vieles erschreckend heutig erscheinen, und er oder sie wird zwangsläufig zum Schluss kommen, dass etwas weniger Realitätsverleugnung und etwas mehr zupackender Pragmatismus das Land weitergebracht hätten. Und noch immer weiterbringen könnten.

Wenn da nicht die Angst vor der Bürgerwut wäre! Bade macht deutlich, dass die von der Politik oft erst geschaffen wurde, er spricht von Flucht der Politik, aus der eigenen Planlosigkeit „in Angst vor dem Bürger als Wähler“. Angst, die oft recht zynisch grundiert war, vermutlich nicht nur beim Sozialdemokraten Schily, der sich Jahre später für seine Falschmeldung zu den angeblichen Grenzen der Belastbarkeit so rechtfertigte: „Ich wollte damals ein wenig mein rechtes Profil schärfen.“

Klingt wie: Nee, war wirklich nicht nicht böse gemeint. Hat aber eine lange, lange Zerfallszeit. „Die gezielt eingesetzten Beschwörungsformeln und Bedrohungsvisionen“, weiß Bade aus Erfahrung, blieben „im kollektiven Gedächtnis weiter Kreise als argumentative Sedimente zurück“, ein Bodensatz, der jederzeit „wieder aufgewirbelt werden“ könne. Deutschland als Einwanderungsland seit dennoch eine Erfolgsgeschichte, schreibt Bade. Weil Integration in den Kommunen stattfand und durch die Migranten selbst. Die gingen putzen, um ihre Kinder durch Schule und Uni zu bringen, als Diversität dort noch ein Fremdwort war. Dort, an den Unis, sind sie heute auch an der Produktion von Wissen über Migration beteiligt, während auch die Politik gelernt hat und das Thema Migration heute so systematisch beackert, dass es den alten Konjunkturschwankungen – mal Panik, dann wieder Vergessen – doch etwas entzogen ist.

Deutschsein wird Sache der Neuen Deutschen

Staatsvolk? Das sind heute in vorderster Linie die, die sich in Vereinen wie „Deutscher Soldat“, den „Neuen Deutschen Medienmachern“ oder „Deutsch plus“ organisieren, die Neuen Deutschen, deren Verdienste um ein modernes Deutschland auch Bade würdigt, wo er Kolleginnen und Kollegen in der Wissenschaft erwähnt und migrantisch geprägten Journalismus. Leute mit nichtdeutscher Familiengeschichte, die so intensiv wie niemand sonst im Land darüber nachdenken, was es heute heißt, deutsch zu sein.

Der AfD ist dazu in Köln Kindermachen eingefallen.

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