Zentrum für jüdische Gelehrsamkeit in Potsdam : „Wir lassen uns nicht entwurzeln“

Am Mittwoch wird in Potsdam das neue Zentrum für Jüdische Theologie eröffnet. Dort kommen das liberale und das konservative Rabbiner-Seminar zusammen.

Jan Kixmüller
Unter den bislang 44 Absolventen der zwei Potsdamer Rabbinerschulen sind elf Frauen. Elena Treiger (oben) wurde Rabbinerin in der Jüdischen Gemeinde zu Oldenburg.
Unter den bislang 44 Absolventen der zwei Potsdamer Rabbinerschulen sind elf Frauen. Elena Treiger (oben) wurde Rabbinerin in der...Fotos: Michail Jasnew/UP

Ein gemeinsames Dach für zwei große Strömungen des Judentums: An der Universität Potsdam wird am heutigen Mittwoch das Europäische Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit eröffnet. Im Beisein von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) bezieht die Jüdische Theologie im Nordtorgebäude auf dem Uni-Campus Neues Palais neue Räumlichkeiten.

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Bislang waren die School of Jewish Theology, das liberale Abraham Geiger Kolleg und das konservative Zacharias Frankel College auf mehrere Orte verteilt gewesen. Das liberale Rabbinerseminar ist seit 2001 An-Institut an der Uni Potsdam; das konservative kam 2013 hinzu.

Jüdische Theologie erstmals an einer staatlichen Uni

Der Studiengang Jüdische Theologie war 2013 an der Potsdamer Uni etabliert worden – er ist einmalig in der deutschen Universitätslandschaft. Die Jüdische Theologie war damit erstmals überhaupt an einer staatlichen deutschen Universität verankert worden. Letztlich vollendete sich damit ein Prozess, den der jüdische Gelehrte Abraham Geiger 1836 mit den Worten anstieß, dass die Emanzipation des deutschen Judentums erst dann vollendet sei, wenn die Ausbildung der jüdischen Geistlichen mit der der christlichen Kirchen gleichgestellt sei.

Mit dem neuen Zentrum entstehe ein „europaweit einzigartiger Ort“, sagte Rabbiner Walter Homolka, Rektor der beiden Rabbinerseminare, dem Tagesspiegel. Integriert in den neuen Standort ist auch eine Universitätssynagoge, die den rund 100 Studierenden, aber auch allen anderen als Raum der Kontemplation offenstehen soll. Auch nichtjüdische Studierende seien willkommen, die sich etwa vor einer Prüfung sammeln – oder auch ein Stoßgebet loswerden wollen.

Das neu bezogene Gebäude im Park Sanssouci hat eine eigene Synagoge mit einer ästhetisch anspruchsvollen Einrichtung.
Das neu bezogene Gebäude im Park Sanssouci hat eine eigene Synagoge mit einer ästhetisch anspruchsvollen Einrichtung.Maro Niemann/AGK

Die Synagoge mit ihren 40 Plätzen ist in sachlichen Formen und hellen Farbtönen gestaltet. Homolka spricht von einem „ästhetisch großen Wurf“. Akzente der modernen Kunst wurden auch von nichtjüdischen Künstlern bewusst gesetzt, um das Miteinander auf dem Campus zu betonen.

Die Glasfront des Instituts für Jüdische Theologie in der Orangerie zeigt ein Kunstwerk der Professorin Eva Leitolf mit dem Titel „Dies ist kein Dornbusch“. Die Künstlerin thematisiert damit das konstruktive Verhältnis zwischen Säkularem und Spirituellen, das durch die Jüdische Theologie in die Universität wirkt.

Erste Synagoge nach der Shoah in Potsdam

Die Synagoge auf dem Campus ist die erste, die nach der Shoah in Potsdam eröffnet wird. Das Projekt einer Potsdamer Synagoge wird seit vielen Jahren diskutiert. Die jüdischen Gemeinden sind sich bislang aber nicht einig geworden, nun war die Uni-Theologie schneller. Die Gemeinden der Stadt seien aber eingeladen, den neuen Sakralraum ebenfalls zu nutzen, „um das Miteinander zu fördern“, wie Homolka betont.

Das neue Zentrum steht in der Tradition der Wissenschaft des Judentums, wie auch die Judaistik und die Jüdischen Studien. Das Spezifische der Jüdischen Theologie ist die theoretische und praktische Ausbildung von Rabbiner:innen. „Durch die Naheführung der Jüdischen Theologie mit den Rabbinerseminaren erhalten die Studierenden einen authentischen Einblick ins lebendige Judentum“, sagt Homolka. Er erwartet, dass durch den neuen Ort auch die Zahl der Studierenden für das jüdisch-geistliche Amt steigen wird, derzeit sind es 31.

Die Synagoge befindet sich in der Mitte zwischen den beiden Gebäudeteilen.
Die Synagoge befindet sich in der Mitte zwischen den beiden Gebäudeteilen.Foto: Maro Niemann/AGK

„Der Genius Loci wird dazu beitragen, dass der Campus Neues Palais zu einem attraktiven Ort des Austauschs wird“, sagt Homolka. Nach einem Kooperationsabkommen mit Russland von 2016 gebe es nun bereits Gespräche mit Frankreich, deren Rabbiner:innen zukünftig in Potsdam auszubilden. Zwei Kandidatinnen wurden in diesem Jahr aufgenommen.

44 Absolvent:innen haben das liberale Abraham Geiger Kolleg und das konservative Zacharias Frankel College seit 2006 hervorgebracht, davon elf Frauen. Darunter sind 34 Rabbiner:innen und zehn Kantor:innen. In Deutschland sind 24 von ihnen tätig, 13 im europäischen Ausland und sieben in Übersee: in Südafrika, den USA und in Israel.

Diese Internationalität ist gewünscht – ausländische Studierende bekommen vom Auswärtigen Amt Stipendien. Sie sollen nach ihrer Ausbildung als Botschafter eines modernen Deutschlands in die Welt gehen.

Kampf gegen Antisemitismus als Staatsziel

Die Rabbinerausbildung lebt von einem positiven und weltoffenen Klima. Homolka macht sich daher dafür stark, dass der Kampf gegen Antisemitismus als Staatsziel in die brandenburgische Landesverfassung verankert wird. Die Sichtbarkeit des Antisemitismus nehme gegenwärtig in Deutschland zu, so der Rabbiner.

Diese Haltung habe es zwar schon immer gegeben. Neu sei aber, dass man sich nun nicht mehr schäme, dies öffentlich zu formulieren. „Dem kann man nur damit begegnen, dass die 80 Prozent, die diese Haltung nicht teilen, den anderen sehr viel deutlicher die Grenzen zeigen.“

Die Rabbinerausbildung in Potsdam mit ihren neuen Gebäuden sei ein deutliches Zeichen, dass sich das Judentum in Deutschland zu Hause fühle. „Das ist unsere Heimat und wir lassen uns auch nicht entwurzeln“, sagt Homolka mit Blick auf die aktuell laufende Aktion „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. „Wir sind schon lange da gewesen, vielleicht schon länger als manch anderer, wir haben hier Heimatrecht“, fügt er hinzu.

Walter Homolka, Rabbiner in Potsdam und Hochschullehrer.
Walter Homolka, Rabbiner in Potsdam und Hochschullehrer.Foto: privat

„Wir gehen davon aus, dass die Mehrheit der Deutschen fest an der Seite der Jüdischen Gemeinschaft steht – und das neue Gebäude macht das nun sinnfällig“, sagt Homolka. Nach anfänglichen Widerständen vom Land Brandenburg wird es am neuen Zentrum einen Wachschutz geben: Spätestens seit dem Attentat von Halle sei allen Beteiligten klar geworden, dass Antisemitismus und Rechtsextremismus nicht nur in Metropolen eine virulente Gefahr für jüdische Einrichtungen darstellen.

Für die Lehre bedeutet der neue Standort einen Lern- und Lebenszusammenhang. Das Pendeln zwischen Potsdam und Berlin, wo das Abraham Geiger Kolleg einst in einem Bürohaus zwischen Arztpraxis und einem Notar gearbeitet hat, ist vorbei.

Nun haben Lehrende und Studierende ein Forum der Begegnung. Und mit der Synagoge gebe es einen spirituellen Fokus für alle, sagt Homolka. „Wir haben einen Ort für Glaubende, Nichtglaubende und Andersgläubige geschaffen.“ Gleichzeitig sei Jüdische Theologie „religiös gelebtes Judentum in Aktion“. Das unterscheide das Studium von der Judaistik und Jüdischen Studien.

Das Zentrum soll für die ganze EU „Leuchtturmcharakter“ haben. Potsdam ist die einzige europäische Ausbildungsstätte für liberale und konservative Rabbiner:innen, erhebt keine Studiengebühren und gewährt den Studierenden Stipendien für die gesamte Ausbildungsdauer.

Vergleichbare Einrichtungen seien ungleich teurer, so Homolka. „Hier haben wir ein Alleinstellungsmerkmal.“ Auf dem Campus in Potsdam nicht vertreten ist die orthodoxe Strömung, die für ihre Rabbiner grundsätzlich keine akademisch-theologische Ausbildung anstrebt.

Das Nordtorgebäude im Potsdamer Park Sanssouci.
Das Nordtorgebäude im Potsdamer Park Sanssouci.Foto: Tobias Hopfgarten

Rabbiner:in ist ein Beruf mit Zukunft, betont Homolka. Tatsächlich gibt es in den Gemeinden mehr freie Stellen als Absolvent:innen. Dabei hat jede Gemeinde ihre spezifischen Anforderungen und Erwartungen. So gibt es immer noch Gemeinden, die sich schwertun, eine Frau einzustellen. Andere Gemeinden legen großen Wert auf perfekte russische und deutsche Sprachkenntnisse. „Die Vielsprachigkeit ist uns sehr wichtig“, erklärt der Rektor des Abraham Geiger Kollegs.

Begegnung mit Christentum und Islam

Die Begegnung mit Christentum und Islam wird für das Zentrum von hoher Bedeutung sein. Homolka selbst fördert an seinem Lehrstuhl die interreligiösen Beziehungen. Kontakte bestehen sowohl zum Institut Kirche und Judentum der Humboldt-Universität als auch zur Katholischen Fakultät in Poznan und zu den Islamischen Zentren in Osnabrück und Münster.

Voraussetzung dafür sei, die eigene Position nicht absolut zu setzen: „Ziel unserer Ausbildung ist, auf andere zuzugehen und sie einzubeziehen – das wird an diesem Ort zum Tragen kommen“, so Homolka.

Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, spricht in Bezug auf die Potsdamer Einrichtung von einem „Nährboden eines sich ausdifferenzierenden, selbstbewussten und reflektierten neuen Judentums“: So entstehe ein Dialog, „der sich öffnen kann nach innen und nach außen“.