Wissenschaft : Zukunftsräte statt Wutbürgertum

Das Potsdamer IASS hat mit der Partizipationsforscherin Patrizia Nanz sein vierköpfiges Führungsteam nun vervollständigt

Merle Janssen
Foto: Stephan Meyer-Bergfeld

Die Partizipationsforscherin Patrizia Nanz ist seit 1. April neue wissenschaftliche Direktorin am Potsdamer Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS). Sie komplettiert das nun vierköpfige Führungsteam des Nachhaltigkeitsinstitutes. Gemeinsam mit zwei weiteren wissenschaftlichen Direktoren, dem Atmosphärenwissenschaftler Mark Lawrence und dem Risikoforscher Ortwin Renn, sowie der Leiterin der Verwaltung, Katja Carson, steht Nanz den rund 100 Wissenschaftlern des IASS nun vor. Im Sinne des besonderen dialogorientierten Ansatzes des IASS erklärt sie, dass sich der „partizipative Ansatz auch in der Führungsstruktur“ widerspiegeln soll.

Das 2009 gegründete Institut will mit transdisziplinären Forschungsprojekten zu der Entwicklung nachhaltiger Gesellschaften beitragen. Ziel ist es, das IASS „weltweit als wichtige Plattform für inter- und transdisziplinäre Forschung zur globalen nachhaltigen Entwicklung“ weiterzuentwickeln.

Mit Patrizia Nanz gewinnt das Vorstandsteam im Bereich der Bürgerbeteiligung in einem demokratischen System an Kompetenz. Ihre Forschung beschäftigt sich thematisch mit der Generationengerechtigkeit, Eigenverantwortung und den Partizipationsmöglichkeiten der Bürger auf allen politischen Ebenen. Sie wolle einen Beitrag leisten zu einer „empirisch informierten politischen Theorie der Nachhaltigkeit“, erklärt die neue wissenschaftliche Direktorin. In der Vergangenheit hat Nanz bereits mehrere Beteiligungsformate für die Energiewende initiiert und unterstützt.

Zur Motivation ihrer Arbeit erklärt Nanz, dass die Bürger „nicht nur passive Empfänger von Informationen“ sein sollten. Sie erkennt eine große Bereitschaft zur Partizipation in der Gesellschaft. Nach Ansicht der Politikwissenschaftlerin würden viele sich jedoch nicht parteipolitisch engagieren wollen. Nanz plädiert daher für die Institutionalisierung sogenannter Zukunftsräte. In diesen Räten diskutieren etwa 20 per Zufallsprinzip ausgewählte Bürger, die die Vielfalt in der Gesellschaft repräsentieren und dabei besonders die junge Generation einbeziehen – über langfristige politische Probleme und Projekte. Parteiunabhängig wird den Teilnehmern so ein Mitspracherecht und eine Gestaltungsmöglichkeit gegeben.

Zukunftsräte bieten eine Alternative zu der Politikverdrossenheit und „zum weltweit grassierenden Wutbürgertum, das der Politik – siehe Tea Party und Blockupy, Pegida und den Front National – generell eine paranoide Note verleiht“, heißt es dazu in dem Buch, das die Partizipationsforscherin gemeinsam mit dem Direktor des Kulturwissenschaftliches Instituts Essen, Claus Leggewie, geschrieben und im vergangenen März vorgestellt hat („Die Konsultative: Mehr Demokratie durch Bürgerbeteiligung“). Die beiden Autoren schlagen die „Konsultative als vierte Gewalt“ vor. Eckpfeiler der Konsultative sollen die Zukunftsräte sein. Die dort entwickelten Ideen sollen künftig verbindlich von den gesetzgebenden Gremien „von der lokalen bis zur europäischen Ebene“ berücksichtigt werden.

„Das konsultative Gremium ist kein unverbindliches Palaver, das man mit dem schönen Schlusswort ,Gut, dass wir geredet haben!’ zurück in die Ohnmacht entlässt“, schreiben die Autoren. Vor allem bei Großprojekten wie der Energiewende, die auch zukünftige Generationen betreffen, sei die Beteiligung aller wichtig. Durch die Zufallsauswahl der Gremiumsmitglieder soll die Vielfalt der Gesellschaft möglichst gut abgebildet werden.

Einen anderen Forschungsschwerpunkt hat der seit Februar dieses Jahres als wissenschaftlicher Direktor am IASS wirkende Ortwin Renn. Der Umwelt- und Techniksoziologe erforscht systemische Risiken für Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft. Neben dem Risikomanagement gehören auch Technikfolgenabschätzung und Technikvorausschau sowie der sozio-technische Wandel zu seinen Forschungsgebieten. Die Herausforderungen einer nachhaltigen nationalen und internationalen Energieversorgung beschäftigen den wissenschaftlichen Direktor ebenfalls.

Zur Zeit leiten Renn und Nanz unter anderem das Programm „Transformation von Energiesystemen“ des IASS, das sich der Energiewende und einem „universellen und gerechten“ Zugang zu sauberer Energie widmet. Merle Janssen

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