• Potsdam: Zentrum für Zeithistorische Forschung vergibt Digital-Preis
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Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam : Digital-Preis für historische Aufklärung

Der „Zeitgeschichte digital“-Preis 2018 geht an den Kölner Historiker Jens Jäger für einen Beitrag zum Thema Heimat. Radio-Intendant Stefan Raue fordert mehr historische Aufklärung in den Medien und besseren Geschichtsunterricht.

Der Historiker Jens Jäger.
Der Historiker Jens Jäger.Foto: ZZF/Promo

Potsdam - Heimat sei eine Art Zwiebel, sagt Jens Jäger: Sehr vielschichtig und wenn man sie zertrennt, gibt es Tränen. Der Kölner Historiker ist am Donnerstagabend in Potsdam für einen Artikel über das Konzept „Heimat“ mit dem „Zeitgeschichte digital“-Preis des Vereins der Freunde und Förderer des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) Potsdam ausgezeichnet worden (500 Euro). „Heimat“ finde sich auf Fußmatten, in Kochbüchern und Supermärkten: Jäger ist den Konjunkturen dieses unumgänglichen  Begriffs nachgegangen – und hat herausgeschält, dass dieses Konzept der Identität in allen politischen Lagern wie auch in vielen anderen Kulturen funktioniert. 

Der Text für den Jäger ausgezeichnet wurde, war auf  docupedia.de erschienen, einem Online-Nachschlagewerk zu zentralen Begriffen, Konzepten, Forschungsrichtungen und Methoden der zeithistorischen Forschung, das vom ZZF redaktionell verantwortet wird. Mit dem Preis werden  Online-Beiträge zur Zeitgeschichte prämiert, die die Möglichkeiten einer digitalen Präsentation mit überraschenden inhaltlichen Ergebnissen verbinden.

Heimat aus globalgeschichtlicher Perspektive

Der prämierte Artikel des Historikers Jens  Jäger widmet sich der Geschichte des Begriffs „Heimat“, verschiedenen theoretischen Ansätzen zu dessen Erforschung sowie dem Verständnis von „Heimat“ zu unterschiedlichen Zeiten. Obwohl das Wort „Heimat“ spezifisch deutsch ist, so müsse das mit ihm verbundene Konzept verstärkt aus globalgeschichtlicher Perspektive untersucht werden, so Jäger: „Erst im Geflecht Heimat – Nation – Welt erschließt sich die Positionierung des Individuums in der Moderne.“
Der Vorsitzende des Fördervereins, der ehemalige Rektor der Fachhochschule Potsdam,  Helmut Knüppel, betonte in seiner Laudatio, dass die Entscheidung, einen Artikel über „Heimat“ zu prämieren, „nicht dem Zeitgeist geschuldet“ sei: „Das Thema ist deutlich älter und die wissenschaftliche Befassung damit auch.“ Der Artikel von Jens Jäger mache deutlich, „dass die deutschsprachige Geschichte bereits seit dem 19. Jahrhundert von dem Wort ‚Heimat’ gleichsam durchzogen ist“ und das Konzept in der Vergangenheit „politisch von links bis rechts beansprucht“ wurde: „Heimat ist also das Instrument, uns selbst und unsere Identität zu verstehen und zu verorten. Letzten Endes geht es um die Frage, in welchen sozialen, geografischen und administrativen Bezügen wir welche emotionalen Bindungen eingehen.“

Spezialist für historischen Bildforschung

Jens Jäger ist seit 2016 außerplanmäßiger Professor und vertritt im Wintersemester 2018/19 die Professur für Internationale Geschichte an der Universität zu Köln. 1995 promovierte Jäger im Fach Sozial- und Wirtschaftsgeschichte zu dem Thema Fotografie und Gesellschaft in England und Deutschland im 19. Jahrhundert. Mit einer Arbeit zur Entstehung der internationalen Polizeikooperation im 19. und 20. Jahrhundert habilitierte er sich 2005 an der Universität zu Köln. Jägers Forschungsschwerpunkte sind die Historische Bildforschung, Repräsentation von Staatsorganen und Koloniale Ordnungen. Jens Jäger hat zahlreiche Veröffentlichungen zur Historischen Bildforschung vorgelegt. 

Klartext zu Höckes Dresdner Rede

Auf der Veranstaltung, auf der auch das 20-jährige Jubiläum des Fördervereins begangen wurde, hob der Intendant des Deutschlandradios, Stefan Raue, die Bedeutung zeithistorischer online-Publikationen hervor. So sei die Replik von ZZF-Direktor Martin Sabrow auf der Plattform „Zeitgeschichte online“ kurz nach der umstrittene Dresdner Rede des AfD-Politikers Björn Höcke im Jahre 2017 wichtig gewesen: „Wissenschaftlich fundierter Klartext, der Sprache, Anspielungen und den historischen Hintergrund sehr klar definiert.“ 
Diese Aufklärungsarbeit müsse „immer und immer wieder“ geleistet werden. Die Öffnung der Geschichtswissenschaft gegenüber den Medien sei wichtig. „Eine offensivere Präsenz gerade der Zeithistoriker in allen Medien wäre sehr wünschenswert“, so Raue. Zudem müssten Wissenschaft wie Leitmedien die Förderung der historische Bildung zu einem drängenden politischen Thema machen. Gerade Eltern mit schulpflichtigen Kindern sei das hinlänglich bekannt: „Die Lieblosigkeit im Umgang und die fehlende Förderung des Schulfaches Geschichte sind ein Skandal, der zu wenig thematisiert wird“, sagte Raue. 

Digitale Forschungsinfrastruktur aus Potsdam

Der Preis ist benannt nach der Internetplattform „Zeitgeschichte Digital“, die als Dachportal für die am ZZF entwickelten und redaktionell betreuten Online-Projekte dient. „Zeitgeschichte digital“ ist eine eigene digitale Forschungsinfrastruktur für die Zeitgeschichte. Damit werden die verschiedenen am Institut entwickelten und redaktionell betreuten Online-Projekte vernetzt und erschlossen. In die Auswahl für den diesjährigen Preis einbezogen wurden alle im Jahr 2017 veröffentlichten Beiträge auf den "Zeitgeschichte digital"-Portalen Docupedia-Zeitgeschichte, Visual History, Zeitgeschichte online und Zeithistorische Forschungen.  Zu der Veranstaltung wurde auch die neue Ausstellung "Gesichter des Prager Frühlings. 1968 in der tschechoslowakischen Fotografie" eröffnet.

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