WISSENSCHAFT : Medizinische Grundversorgung

Ein praxisorientiertes Medizinstudium ist in Brandenburg geplant - zwei Potsdamer Kliniken sollen daran beteiligt werden.

Ärzte für die Mark. Nicht die Abiturnote, sondern soziales Engagement und der Wunsch, Arzt zu werden, sind Kriterien für Aufnahme an der Privatuni.
Ärzte für die Mark. Nicht die Abiturnote, sondern soziales Engagement und der Wunsch, Arzt zu werden, sind Kriterien für Aufnahme...Foto: dapd

In Brandenburg soll es ab 2013 ein Medizinstudium geben – Teile davon sollen auch in Potsdam zu absolvieren sein. Die Pläne für eine Medizinischen Hochschule für Brandenburgs gehen in die heiße Phase. Ziel der privaten Hochschule ist es, Ärzte in der Region für die Region auszubilden. Das Vorhaben soll als Dependance einer Hochschule in Österreich geführt werden. Professor Johannes Albes vom Immanuel Klinikum Bernau hat bereits jetzt über 50 Bewerbungen von Studieninteressenten. Albes wird verantwortlich für den Lehrbetrieb der geplanten Medizinischen Hochschule sein. „Die Studenten wollen lieber in der Heimat studieren, statt in weit entfernten Städten oder im Ausland“, erklärt der Chefarzt der Abteilung Herzchirurgie in Bernau die große Nachfrage nach dem geplanten Angebot.

In Brandenburg gibt es keine Ärzteausbildung. Nach der Wende hatten Berlin und Brandenburg vereinbart, die Medizin in der Hauptstadt zu konzentrieren und die Reha-Einrichtungen im Märkischen. Ärzte für Brandenburg werden in Berlin oder außerhalb ausgebildet. Dabei soll es an den hiesigen staatlichen Hochschulen auch bleiben. Es gebe ausreichend Ausbildungsplätze für Mediziner in der Region, so das Wissenschaftsministerium. Die Hochschulstrukurkommission hat lediglich empfohlen, Studiengänge im Bereich Gesundheitswesen zu etablieren. Auch sieht Brandenburgs Gesundheitsministerin Anita Tack (Linke) in medizinischen Fakultäten keinen Garant für eine bessere Ärzteversorgung. So leide beispielsweise Mecklenburg-Vorpommern trotz zwei Medizin-Fakultäten unter Ärztemangel.

Johannes Albes sieht das ganz anders. Er verweist auf den Ärztemangel in der Peripherie Brandenburgs, mittlerweile würden Ärzte von außerhalb der EU geholt, um die Lücken dort zu füllen. In einigen Krankenhäusern hätten bereits Abteilungen schließen müssen, weil nicht ausreichend Ärzte den Dienst abdecken konnten. Um verstärkt einheimische Ärzte in die Region zu bringen, sei ein Medizinstudium direkt an Brandenburger Kliniken erfolgversprechend. „Wir wollen etwas gegen den Ärztemangel in der Region und damit auch für die Brandenburger Bevölkerung tun“, sagte Albes den PNN.

Jährlich sollen rund 75 Ärzte ausgebildet werden. Albes ist überzeugt, dass die Mehrheit davon in der Region Land bleiben werde. „Wenn die angehenden Ärzte die Krankenhäuser vor Ort gut kennengelernt haben und die Ausbildung entsprechend gut war, dann ist die Bereitschaft zu bleiben viel größer“. Nach fünf Jahren Studium und ärztlicher Praxis an einem Ort sei die Wahrscheinlichkeit auch groß, dass die Absolventen hier Familien gründen – und damit bleiben. Auch könne die Privathochschule im Weiteren bei Promotion und Habilitation behilflich sein, sodass man dafür nicht mehr weggehen müsse. Karriere werde somit auch vor Ort möglich. „So bleiben die Menschen in der Region“, meint Albes.

Der zentrale Campus des Medizinstudiums ist in Frankfurt (Oder) geplant, in Potsdam hat man die Oberlinklinik, das St. Josefs-Krankenhaus und das Evangelische Zentrum für Altersmedizin als Partner gewonnen, weitere kooperierende Kliniken sind unter anderem in Bad Belzig, Ludwigsfelde, Lehnin, aber auch in Buckow und Luckau. Auch hier sollen Studieneinheiten stattfinden. Die geplante Medizinerausbildung wird vom Verbund christlicher Klinken Brandenburg als Partner unterstützt. Auch andere private und kommunale Krankenhäuser sind laut Albes an einer Zusammenarbeit interessiert. Dezentral und praxisbezogen soll das Studium sein, die auszubildenden Mediziner sollen von Anfang an mit einem Bein im Berufsalltag stehen.

Ab Wintersemester 2013/14 soll es mit dem Studium losgehen, dann soll die Akkreditierung der österreichischen Partneruniversität, die vor Vertragsunterzeichnung noch nicht genannt wird, abgeschlossen sein. Für die Aufnahme zu dem über Studiengebühren finanzierten Studium soll nicht die Abiturnote entscheidend sein. „Wir wollen nicht die Einser-Studenten, sondern die, die soziales Engagement aufweisen und Arzt oder Ärztin werden wollen“, erklärt Albes.

Das Vorhaben soll auf privatwirtschaftlicher Basis nach EU-Recht verwirklicht werden. Das Startkapital soll von privaten Investoren kommen. Eine Anerkennung des Landes Brandenburg ist in diesem Fall nicht nötig, die Akkreditierung erfolgt über den Partner in Österreich. Die Absolventen werden dann ein Arzt-Diplom nach österreichischem Hochschulrecht erhalten. Albes verweist auf andere Medizin-Fakultäten, die auf Grundlage einer solchen EU-Partnerschaft bereits existieren, etwa zwischen Hamburg und Budapest oder Oldenburg und Groningen.

Die vorklinischen Lehrinhalte des Medizinstudiums sollen auf dem Campus in Frankfurt (Oder) vermittelt werden, dort soll eine eigenständige medizinische Fakultät entstehen, ohne Verbindung zur dortigen Europa-Universität Viadrina. Die klinischen Lehrinhalte sollen dann an den beteiligten Krankenhäusern in ganz Brandenburg vermittelt werden „Die Studierenden lernen direkt am Patientenbett“, erklärt Albes das Konzept. Die Prüfungen sollen dann auch im jeweiligen Krankenhaus abgenommen werden. „Wir werden den Studierenden eine vollumfängliche medizinische Ausbildung in verschiedensten Krankenhäusern Brandenburgs anbieten können“, erklärt Albes.

Der Bedarf in Brandenburg ist laut Albes sehr groß, Berlin habe zwar eine nicht unerhebliche Kapazität mit rund 300 Studienplätzen, aber die Nachfrage nach einem Medizinstudium in der Region sei zehnmal so hoch. Dass die Mediziner in Brandenburg gebraucht werden, zeigt auch die jüngste Intervention der Hausärzte: Mit einer weiteren Verschlechterung der medizinischen Grundversorgung auf dem Land sei zu rechnen.

Zusätzlich attraktiv machen will die Privatuni ihr Studium durch ein Stipendienprogramm für die anfallenden Studiengebühren. Die Rede ist von 11 000 Euro jährlich, was dem europäischen Durchschnitt entspreche. Nach Studienabschluss habe der Absolvent rund 55 000 Euro abzuzahlen. Geplant ist, dass die beteiligten Krankenhäuser den Absolventen im Sinne einer Dienstverpflichtung eine Stelle für fünf Jahre anbieten und dafür die Hälfte der Gebühren übernehmen. „Wir entwickeln eine ganze Reihe von klugen Modellen, um die finanziellen Lasten für die Studierenden so gering wie möglich zu halten.“ Es soll kein Studium für Kinder reicher Eltern werden.

Das Projekt des Herzchirurgen Johannes Albes ist indes nicht die einzige Initiative ihrer Art in Brandenburg. „Medizinische Hochschule Brandenburg Theodor Fontane“ (MHB) heißt ein zweites Vorhaben privater Natur, das mit den Kliniken in Neuruppin, Brandenburg und Cottbus verwirklicht werden soll.

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