Wissenschaft : „Wissen sollte frei verfügbar sein“

Klimaforscher Stefan Rahmstorf über bloggende Wissenschaftler, Fachidioten und die Klimadebatte

Erweiterter Horizont. Stefan Rahmstorf hilft das Bloggen dabei, zum Generalisten zu werden. So reflektiere er die eigene Arbeit stärker und lese viele Artikel von Kollegen, um darüber zu berichten.
Erweiterter Horizont. Stefan Rahmstorf hilft das Bloggen dabei, zum Generalisten zu werden. So reflektiere er die eigene Arbeit...Foto: PIK

Herr Rahmstorf, wissenschaftliches Bloggen gilt in Deutschland immer noch als Randphänomen. Was macht das Bloggen für Wissenschaftler interessant?

Es ist eine gute Möglichkeit, Verständnis für den wissenschaftlichen Prozess zu schaffen – jeder sollte sich transparent und öffentlich informieren können und gerade auch den Prozess der Forschung verfolgen können. Also: Wie gelangen Wissenschaftler zu ihren Ergebnissen und Folgerungen?

Es geht Ihnen um den freien Fluss der Informationen?

Ja, ich bin sehr dafür, dass alles Wissen frei verfügbar ist. Und gerade in der Klimaforschung sind fast alle Daten frei verfügbar. Mir ist auch noch kein Forscher begegnet, der sich dagegen ausgesprochen hätte. Es gibt höchstens Beispiele, wo Messdaten kommerzialisiert werden. Für meine Doktorarbeit etwa musste ich Daten vom neuseeländischen Wetterdienst kaufen, um sie analysieren zu können.

Welche Nachteile hat das Bloggen?

Naja, der Hauptnachteil ist, dass es Zeit kostet – die für uns als Wissenschaftler die knappste Ressource überhaupt ist. Man steht ja immer unter Druck, wenn man in der Forschung vorne mit dabei sein will. Deshalb ist es gut, als Gruppe zu bloggen, wie wir es bei der Klimalounge tun.

Lohnt sich denn der zeitliche Aufwand dann überhaupt?

Ja. Die Zeit, die man investiert, ist keineswegs vergeudet. Das Bloggen hilft einem dabei, zum Generalisten zu werden, kein Fachidiot zu sein. Man beginnt, die eigene Arbeit stärker zu reflektieren und liest viele Artikel von Kollegen, um darüber zu berichten. Für die Forschung ebenfalls wichtig ist der Kontakt mit den Lesern. Wir erfahren so, was die Allgemeinheit eigentlich beschäftigt – das ist gerade beim Thema Klima wichtig. Manchmal ergeben sich aus den Fragen der Leser auch neue Fragestellungen für die Forschung. Zum Beispiel hat ein Leser geschrieben: Der Meeresspiegel steigt gar nicht so schnell, wie der Weltklimarat vorhergesagt hat. Wir haben das dann überprüft – und herausgefunden, dass er sogar schneller steigt.

Wie ist die Diskussionskultur in der wissenschaftlichen Bloggosphäre?

Bei Klimalounge haben wir etwa ein Jahr lang eine freie, unmoderierte Diskussion zugelassen – da kam es teilweise zu recht aggressiven Kommentaren. Wir haben uns dann entschieden, das zu moderieren, unsachliche Kommentare nicht mehr freizuschalten. Die blieben dann bald weitgehend aus, als die Urheber merkten, dass sie nicht mehr veröffentlicht wurden.

Warum haben Sie als Wissenschaftler mit dem Bloggen überhaupt angefangen?

Das kam – vor fast zehn Jahren – durch Gespräche mit einigen Kollegen, vor allem aus Amerika, zustande. Wir haben dann zusammen den Realclimate Blog gegründet. Ein Grund dafür war, dass wir unzufrieden mit der Klimadiskussion in den Medien waren. Da wurde so viel Falsches berichtet. Das soll keine Generalkritik sein; dass mal das eine oder andere nicht ganz akkurat rüberkommt, ist nicht so tragisch. Mehr besorgt hat uns die massive Kampagne von Interessengruppen, die den Klimawandel gezielt runterspielen wollen.

Welche Erfahrung hatten Sie beim populärwissenschaftlichen Schreiben?

Ich hatte zuvor auch schon für Zeitungen geschrieben, in der „Zeit“ etwa. Dabei hat mich aber frustriert, dass Zeitungen meist keine Messkurven oder wissenschaftlichen Diagramme abdrucken wollen. Man kann viel behaupten, aber in der Wissenschaft sollte man die harten Fakten, die Messdaten auch zeigen, um sie diskutieren zu können. Im Blog können wir das.

Das Bloggen hatte für Sie auch einmal rechtliche Konsequenzen. Wie viel muss man als Wissenschaftler über publizistische Dinge wissen, um bloggen zu können?

Der Stil beim Bloggen kann schon etwas flapsiger sein, das macht ja auch mit den Reiz aus. Man muss aber trotzdem vorsichtig sein, was Formulierungen angeht, damit keine Missverständnisse entstehen können.

Haben Sie damals kurzzeitig die Lust am Bloggen verloren?

Nein, es war nie eine Frage für mich, aufzuhören. Weit überwiegend sind ja auch die positiven Rückmeldungen, die wir zu dem Blog bekommen.

Sie twittern seit gut zwei Jahren, ist das eine Alternative oder eine Ergänzung zum Bloggen?

Für mich ist das direkt mit dem Bloggen verbunden, ich weise über Twitter auf neue Blogbeiträge oder auch Fachpublikationen hin. Und ich verlinke die auch auf Facebook. Twitter nutze ich sonst eigentlich kaum. Da sind mir die Informationshäppchen zu klein. Facebook ist mir da lieber, das nutze ich als Informationsbörse mit Fachkollegen, die Beiträge dort sind länger und grafisch ansprechender, ich kann da leichter entscheiden, ob ich mir das ansehen möchte. Privat nutze ich aber keinen Account.

Das Gespräch führte Ariane Lemme

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