• Wirtschaft trifft auf Wissenschaft: In Golm entsteht für 36 Millionen Euro ein Uni-Neubau

Wirtschaft trifft auf Wissenschaft : In Golm entsteht für 36 Millionen Euro ein Uni-Neubau

Auf dem Uni-Campus Golm entsteht ein Neubau, der zum Treffpunkt von Wirtschaft und Wissenschaft werden soll. Ein Überblick über das Vorhaben.

Naima Wolfsperger
Hier sollen das Forschungs- und Technologiezentrum „Earth & Environment Centre“ (EEC) und das Zentrum für Naturstoffgenomik (NSG) Platz finden.
Hier sollen das Forschungs- und Technologiezentrum „Earth & Environment Centre“ (EEC) und das Zentrum für Naturstoffgenomik (NSG)...Foto: PNN / Ottmar Winter

Potsdam - Noch sind es nur Probebohrungen am Campus Golm, doch bis Ende 2020 soll hinter der Universitätsbibliothek auf dem Gelände ein neues Gebäude entstehen, in dem Wissenschaft auf Wirtschaft trifft. Dass die Uni ein konkretes Gebäude bekommt, in dem derlei Kooperationen künftig Wirklichkeit werden können, ist neu. „Das gibt es so bislang noch nicht“, bestätigte Silke Engel, Sprecherin der Universität Potsdam auf PNN-Anfrage. 

Ab Oktober soll gebaut werden

36,6 Millionen Euro kostet der kastenförmige Bau, der ab Oktober auf dem Campus entstehen soll. In das unterkellerte viergeschossige Gebäude mit großem Foyer für Veranstaltungen sollen das Forschungs- und Technologiezentrum „Earth & Environment Centre“ (EEC) und das Zentrum für Naturstoffgenomik (NSG) einziehen.

Künftig sollen dort nicht nur Mitarbeiter und Studierende lernen und arbeiten, sondern auch Mitarbeiter von Unternehmen an Workshops teilnehmen oder Lehrer Fortbildungen erhalten. Gerade die Kooperation mit der Informationswirtschaft sei für das EEC ein Schwerpunkt, sagt Bodo Bookhagen, Professor am Institut für Geowissenschaften. Denn neben den geplanten Büros und Computerräumen soll in dem Zentrum auch ein Drohnen- und ein 3D-Labor entstehen. 

Einen Bergsturz in 3D erleben

Letzteres gibt es zwar bereits im Institut für Geowissenschaften, das liegt aber wenig präsentabel im Keller. Das wird sich im Neubau ändern, auch die Technik soll überholt werden. Künftig sollen Studierende der Geologie dann beispielsweise einen Bergsturz dreidimensional erleben oder mitten im Erdmantel stehen können. 

Der Schwerpunkt soll aber auf etwas anderem liegen: Die Datenvisualisierung solle im Haus künftig einen Schwerpunkt bilden, sagt Bookhagen. Das Interesse dafür sei nicht nur bei Studierenden aller Fachrichtungen groß, auch in der Wirtschaft. Denn Drohnen- und Satellitendaten werden in vielen Bereichen benötigt, sagt Bookhagen. Und nennt Beispiele: Die Landwirtschaft könne mit Drohnendaten den Schädlingsbefall von Pflanzen auswerten, man können die Bodenfeuchte messen und so Gebiete mit Waldbrandgefahr ausmachen oder den Zustand von Fahrradwegen aus der Luft erfassen. „Das sind alles Geoinformationen“, sagt Bookhagen und die können in der Wirtschaft mit sogenannten Geodatenanalyseverfahren verarbeitet werden. Auch in der Stadt- und Regionalplanung, beim Katastrophenschutz und in der Versicherungs- und Immobilienbranche würden solche Daten benötigt. 

In einem Labor sollen Drohnen getestet werden

Die dafür erforderlichen Drohnen sollen in dem Zentrum nicht nur mit verschiedenen speziellen Sensoren – zum Beispiel zur Schadstoffmessung in der Luft – ausgestattet werden, sondern in einem eigenen Labor auch gleich gewartet und getestet werden. 

Ähnlich sieht es im zweiten Teil des Gebäudes aus, im Zentrum für Naturstoffgenomik, in dem sich künftig neben Büroräumen vor allem Labore befinden sollen. Dort soll erforscht werden, wie man Pflanzen, die medizinische Stoffe produzieren, durch Mikroorganismen ersetzen kann – Grundlagenforschung, die vor allem für die Pharmaindustrie und Start-ups in der Branche interessant ist. 

Es gibt Kritik an der Zusammenarbeit mit der Wirtschaft

Diese Verzahnung sei in Brandenburg und auch deutschlandweit neu, sagt Bernd Müller-Röber, Professor Molekularbiologie an der Uni Potsdam. Derzeit gebe es noch keine konkreten Partnerschaften mit Firmen, man befinde sich allerdings bereits in ersten Gesprächen. „Es soll losgehen, bevor das Gebäude fertig ist“, erklärte Müller-Röber. 

Die Nähe zwischen Forschung und Wirtschaft werde natürlich nicht immer kritiklos hingenommen, gibt Geowissenschaftler Bookhagen zu. „Aber man muss sich der Realität stellen“, sagt er. „Forschungsgelder werden knapp.“ Und Unternehmen würden in unabhängige Forschung investieren, das nehme sogar noch zu. Denn beide Seiten profitierten davon. Das Zentrum als Aushängeschild habe ein unglaublich großes Potenzial am Innovationsplatz Golm. Auch Potsdamern soll das Gebäude offenstehen – zum Beispiel an Tagen der offenen Tür, so Bookhagen. 

Der Architekten-Entwurf kann noch nicht veröffentlicht werden

19,2 Millionen Euro der Baukosten entfallen auf das NSG, 17,4 Millionen kostet der Bau der Räume für das EEC. 12,7 Millionen Euro gibt es dabei aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (Efre), den Rest bezahlt das Land, das auch Bauherr des Projektes ist. Einen ersten Architektenentwurf gibt es bereits, allerdings wurden noch so viele Anpassungen vorgenommen, dass derzeit noch keine neue Visualisierung veröffentlicht werden könne, hieß es auf Anfrage.

Entstehen sollen rund 44 200 Quadratmeter neuer Raum mit einer Bruttogeschossfläche von rund 9100 Quadratmetern. Während gebaut wird, müssen sich Studierende und Lehrende auf dem Campus auf Einschränkungen einstellen: Die Hauptzufahrt im Bereich der Häuser 14 und 14a wird in dieser Zeit gesperrt und die Häuser werden nur zu Fuß erreichbar sein. Wegen der notwendigen Gründungsarbeiten ist bis zum 28. Mai zusätzlich mit Lärm und Erschütterungen zu rechnen.