Wissenschaft : Wird es bald einsam auf dem Campus?

Prof. Rolfes untersucht den demographischen Wandel und seine Folgen auf Hochschulen und Kommunen

Prof. Rolfes untersucht den demographischen Wandel und seine Folgen auf Hochschulen und Kommunen Werden die Brandenburger Hochschulen in sechs Jahren verwaisen? Während zum derzeitigen Semesteranfang die Universität Potsdam etwa so überfüllt ist wie nie zuvor, wird nach Prognosen der Kultusministerkonferenz in der Mark 2011 die Zahl der Schulabgänger mit Hochschulreife um gut 50 Prozent sinken. Dann werden die geburtenschwachen Jahrgänge der Wendezeit das Studienalter erreichen. Es bestehe allerdings noch kein Grund, von einer dramatischen Entwicklung auszugehen, schätzt Prof. Dr. Manfred Rolfes vom Institut für Geographie an der Universität Potsdam. Rolfes hat seit vergangenem Semester die Professur für Regionalwissenschaften inne, seine Antrittsvorlesung trug den Titel „Demographischer Wandel und Hochschulpolitik“ (PNN berichteten). Rolfes Zwischenbilanz: Die Zahl der Studienanfänger hängt von vielen Faktoren ab, die bei einer Prognose nur schwer berücksichtigt werden können. Dass die Bevölkerung Brandenburgs schrumpft und altert, lässt sich allerdings nicht von der Hand weisen: nach einer Prognose des Ministeriums für ländliche Entwicklung, Umwelt- und Verbraucherschutz werden es 2040 statt der heute 2,5 Millionen Einwohner nur noch 1,8 Millionen sein, davon ein Drittel über 65 Jahre. Im Jahr 2000 nahmen 65 Prozent der deutschen Schulabgänger mit Hochschulreife ein Studium auf, Brandenburg lag mit 57 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt. Insgesamt fingen vor fünf Jahren 25 Prozent der Brandenburger zwischen 19 und 25 Jahren an zu studieren, bundesweit waren es 32 Prozent der Altersgruppe. Was ist die Ursache für diesen Unterschied? „Zum einen hat Brandenburg eine junge Hochschulstruktur ohne lange Tradition“, so Rolfes. „Da sagt der Vater eben nicht zum Sohn: ,Studiere in Potsdam, da war ich auch schon''.“ Zum anderen liege es an dem eher geringen Angebot an Studienfächern. Eine medizinische Fakultät etwa gibt es keine. Nur 34 Prozent der studierwilligen Brandenburger bleiben in ihrem Bundesland. In Berlin sind es 74 Prozent: „Die Stadt hat eben alles, was ein Student braucht.“ Wenn die Zahl der Studierenden sinken wird, werden sich vor allem die Fachhochschulen etwas einfallen lassen müssen. Denn sie haben traditionell einen kleinen Einzugsbereich und wenig zugezogene Studenten. Gerade die peripheren Hochschulen wie die TU Cottbus und FH Lausitz sieht Rolfes davon betroffen. Das Land Brandenburg brauche ein paar Trümpfe im Wettbewerb um die Studierenden. Dafür erscheint dem Landeshochschulrat der Ausbau von Kapazitäten für Zweit- und Aufbaustudien ratsam. Rolfes ergänzt: „Man sollte auch die zur Zeit gefragten Studiengänge einführen und mehr Ausländer anlocken.“ Dafür müssten aber die Kürzungen im Bildungsbereich gestoppt werden. „Doch die Entscheidungen werden von Wahl zu Wahl getroffen“, sagt Rolfes. Den Mangel an Weitsicht in der Politik kritisiert der Geograph. Ein anderes gravierendes Problem Brandenburgs, mit dem Rolfes sich beschäftigt, ist die Abwanderung. Das Bund-Länder-Programm „soziale Stadt“ setzt sich zum Ziel, schwache Bezirke wie etwa den Schlaatz und Am Stern/Drewitz in Potsdam für die Anwohner attraktiver zu machen. Der Wohlfühlfaktor soll erhöht werden, Kitas sollen renoviert, Jugendclubs und Bürgervereine gegründet werden. Die Bürger will man bei Entscheidungen miteinbeziehen. Rolfes untersucht die Umsetzung dieser Projekte in den Kommunen. Erfolgreiche Modelle will er weiter empfehlen. In alle seine Projekte bezieht der Geograph Studierende mit ein. „Sie sollen sehen, dass sie ihr Wissen in der Praxis anwenden können“, erklärt der Professor. Die meisten seiner Studenten sind zur Zeit mit der „sozialen Stadt“ beschäftigt. Eins werde dabei jetzt schon deutlich: „Die Menschen bleiben nur in ihren Stadtteilen, wenn sie sich mit ihrem Bezirk identifizieren und das Gefühl haben, dass man sich um sie kümmert.“ Anders sei die Abwanderung nicht zu stoppen.