Wissenschaft : „Wir sollten extrem wachsam sein“

Literaturwissenschaftler Markus Messling über die Rolle der Philologie bei der Entstehung des Rassismus

Eine Frage von Kultur und Menschenbild. Die Jusos haben rassistische Tendenzen in der Sarrazin-Debatte kritisiert.Alle Bilder anzeigen
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31.05.2011 20:05Eine Frage von Kultur und Menschenbild. Die Jusos haben rassistische Tendenzen in der Sarrazin-Debatte kritisiert.

Herr Messling, auf der Potsdamer Tagung „Wort Macht Stamm“ haben Sie mit anderen Wissenschaftlern danach gefragt, welchen Anteil die Philologie des 19. Jahrhunderts an der Entstehung des Rassismus hatte. Ohne Philologie kein Rassismus?

Das wäre vermutlich übertrieben zu sagen. Aber die Philologie hat verschiedene durchaus zentrale „Beiträge“ dazu „geleistet“, dass der Rassismus im 19. Jahrhundert einen wissenschaftlichen Anspruch entwickeln konnte, etwa durch die Determinierung des Denkens in der Sprache. Das ist zwar ein Prozess, der in der Spätaufklärung bereits beginnt. In der modernen, das heißt sich als Wissenschaft von den Sprach- und Textkulturen begreifenden Philologie entsteht dann aber eine Denktradition, in der der strukturelle Charakter einer Sprache mit dem kulturellen „Output“ organisch gleichgesetzt wird.

Sie sehen den Umbruch im 19. Jahrhundert.

Die Frage, welche Bedeutung die Sprache für das Denken hat, welche Rolle sie für die Kulturentwicklung hat, ist in der großen zivilisatorischen Fortschrittsfrage des 18. Jahrhunderts enthalten. Die Aufklärung hatte die Zentralität der Zeichen für das Denken entdeckt. Eine Verwendung spezifischer Zeichen führt demnach zu einer daran gekoppelten kulturellen Dynamik. China, meinte man, habe isolierende Schriftzeichen, die organisches Denken und damit Wissenschaft behindern, während die indoeuropäischen Sprachen flektierten, das heißt, sie entwickelten ihre logischen Formen aus sich selbst, von „innen“ heraus. Daher würden sie ein organisches Denken produzieren, in dem logische Kategorien in einem Begriff verschmelzen können, was zu wissenschaftlicher Höhe führe. Während das 18. Jahrhundert noch davon ausgeht, dass das Denken universell sei und die Zeichensysteme also in gewisser Weise frei wählbar erschienen – darin besteht noch ein theoretisches Moment der Freiheit – findet genau hier im 19. Jahrhundert nun eine erkenntnistheoretische Radikalisierung statt.

Inwiefern?

In Schlegels Buch „Ueber die Sprache und Weisheit der Indier“ aus dem Jahr 1808 finden wir den Bruch mit der Annahme einer geistigen Universalität des Menschen. Das hinter den Sprachen liegende Denken ist für ihn von Anbeginn an verschieden. Das wiederum könne man an der tiefen Differenz der Sprachen beobachten. Für Schlegel gibt es solche, die aus „thierischer Dumpfheit“ entspringen, und solche, die aus „lichter Besonnenheit“, also der Vernunft, kommen. Die strukturelle Verschiedenheit der Sprachen geht also auf bestimmte geistige Dispositionen zurück, so etwa die indoeuropäischen auf eine „intellektuelle Religion“. Man sieht hier, wie zentral die textuelle Seite der Philologie für diese Verschiebungsprozesse ist. Denn die Vorstellung der intellektuellen Herausgehobenheit entsteht natürlich in der philologischen „Entdeckung“ der Textkultur, Philosophie und Religion alter Kulturen und deren ästhetischer Beurteilung. Deswegen haben ihr auch einige Philologen heftig widersprochen. Die Humboldts etwa oder der Sinologe Abel-Rémusat.

Welche Rolle spielt hier das „Indoeuropäische“?

Die Idee des „Indoeuropäischen“ hat eine herausgehobene Bedeutung, weil sie eine große Geschichte der Rückwendung zu alter Weisheit und des Fortschritts zugleich erzählt: Weil die indoeuropäischen Sprachen aus der Vernunft kommen, haben sie nicht nur Teil daran und können diese wiedererlangen, sondern können zugleich erkennen, welcher sprachliche Mechanismus ihnen dies erlaubt. Bei Schlegel ist das noch in politische Dekadenzvorstellungen eingeschrieben. Hegel aber nimmt das dann auf, bei ihm schaut sich der flektierende Weltgeist selbst an – und das ist bei ihm natürlich Europa.

An welchem Punkt wird dieses Denken rassistisch?

Rassismus im modernen Sinn ist immer ein biologischer Rassismus, bei dem Eigenschaften des Denkens und auch kulturelle Merkmale in der Biologie verankert werden müssen. Das bedeutet aber, dass man die kulturellen Merkmale erst einmal charakterisieren muss, um sie in etwas zu verankern. Das ist der Kulturanteil, der immer zum Rassismus dazugehört. Indem man ihn einer biologischen Form zuschreibt, wird er definitiv unveränderlich und nicht hintergehbar.

Zum Beispiel?

Das würde etwa bedeuten, dass „die Chinesen“ nicht anders denken können, weil sie Chinesen sind. Die alten kulturellen Annahmen, dass sie etwa die falsche Schrift hätten, keine wissenschaftliche Dynamik und Geschichte entwickeln könnten, mittelmäßig dächten, werden damit festgeschrieben und unveränderlich. Deshalb wird Sprache im 19. Jahrhundert ein zentrales wissenschaftliches Erkenntnisobjekt. Bevor man in die Gehirne hineinschauen konnte, wurde die Untersuchung der Sprache als Untersuchung des feinen Gewebes des Denkens verstanden. Das ist dann etwa bei August Schleicher der Fall, bei dem sich Hegelianismus und Naturalismus verbinden. Das bedeutet auch, dass die geschichtlichen Ideen, die man aus der philologischen Textkultur entwickelt hatte, auch im Positivismus unterschwellig transportiert werden.

Woher stammte das völkische Denken in Deutschland?

Die Vorstellung vom „Ariertum“ war kein „deutsches Denken“. Es gab auch in Frankreich eine Rezeptionstradition bis hin zu Arthur Comte de Gobineau, der übrigens der Meinung war, dass nicht die Deutschen, sondern der französische Adel sowie die Skandinavier die Krone der „Arier“ seien. Diese Art völkischen Denkens wird in Deutschland dann im sogenannten Wagner-Kreis, dem Bayreuther Kreis um Richard Wagner, virulent, wobei hier Karl Ludwig Schemann eine zentrale Person war: Er hat das Arierbild Gobineaus für das deutsche völkische Denken umfunktionalisiert. Diese Geschichte ist gut bekannt.

Sie suchen eine neue Sicht auf den Rassismus?

Das Konzept des Rassismus ändert sich nicht. Entscheidend für den modernen, tödlichen Rassismus, der dann schließlich auch Menschen auslöscht, ist immer die Festschreibung an den Körper, also eine anthropologische Dimension. Systematisch noch nicht aufgearbeitet ist aber aus meiner Sicht, dass und wie das, was da an diese Körperlichkeit geschrieben wird, wesentlich in Bereichen produziert wird, die gar nicht in der anthropologischen Debatte selbst liegen, sondern in symbolischen, textuellen, religiösen und kulturellen Deutungen. Nur dadurch wird ja auch das geschichtsphilosophische Substrat im Rassismus wirksam, das oftmals im starken Widerspruch zum biologischen Denken des 19. Jahrhunderts steht. Die europäische Philologie in ihrer Suche nach Ursprüngen und Genealogien sowie mit ihren sprachbezogenen Argumenten hat dazu beigetragen. Auch zur „Verwissenschaftlichung“ des Rassismus. Ich will aber nicht den biologischen durch einen „philologischen“ Rassismus ersetzen.

Was sagen uns Ihre Erkenntnisse für die Gegenwart?

Man kann daraus mitnehmen, dass die Frage der Bewertung von kulturellen Narrativen immer eine große Rolle für den Rassismus spielt. Der Sanskritologe Sheldon Pollock hat diesbezüglich von einer Philologie des Politischen gesprochen. Wenn man beispielsweise wieder Versuche sieht, die eine Bevölkerungspolitik fordern, die Bildung auf ein Problem der Vererbung von Intelligenz reduziert, dann müssen wir bedenken, dass dahinter gesellschaftliche Vorstellungen stehen, die determiniert werden sollen. Es ist zu beobachten, wie versucht wird, bevölkerungspolitische Fragen zu renaturalisieren, um beispielsweise Schulpolitik zu machen. Hier sollte man extrem wachsam sein.

Sie meinen die Sarrazin-Debatte?

Die ist ein gutes Bespiel. Wenn Sarrazin sagt, dass eine Politik gemacht werden solle, die biologischen Intelligenz-Genealogien Rechnung trägt, dann versucht er, soziale Probleme zu naturalisieren. Das erinnert stark an große Erzählungen des 19. Jahrhunderts. Die andere Frage ist, welches Kulturnarrativ dahinter steht – welche Form von Gesellschaft strebt jemand an, welche Vorstellung von Bildung, Kultur und welches Menschenbild stehen dahinter. Diese Bereiche werden nicht in der Biologie produziert, sie folgen essenzialisierenden Lektüren und sind damit Teil von politischen und kulturellen Kämpfen. Das können wir aus der Betrachtung der Geschichte der Philologie lernen.

Das Gespräch führte Jan Kixmüller

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