Wissenschaft : „Wir müssten Gott spielen“

Klimaforscher warnen vor Geoengineering

In Gefahr. Forscher warnen vor einer künstlichen Düngung der Meere.
In Gefahr. Forscher warnen vor einer künstlichen Düngung der Meere.Foto: dapd

Die Ideen erinnern an Zukunftsromane. Doch erste Experimente zur Umsetzung gibt es bereits – auch von Potsdamer Forschern. So sollen riesige Sonnensegel in der Erdumlaufbahn den Planeten vor der Sonnenstrahlung schützen. Oder es soll Schwefeldioxid in die Stratosphäre gebracht werden, wo es Sonnenlicht reflektieren soll. Oder es sollen die Ozeane großflächig mit Eisensulfat gedüngt werden, um Algen zum Blühen zu bringen, die dann klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) im Meer binden sollen. Auch die umstrittene CCS-Technologie (Carbon Capture and Storage), bei der Kohlendioxid im Erdboden verpresst werden soll, gehört zu den Methoden des sogenannten Geoengineerings.

Unter diesem Schlagwort diskutieren die Experten derzeit tiefgreifende Eingriffe in das System Erde, um negative Folgen des Klimawandels abzumildern. Doch während Geoengineering den einen als Notlösung zur Verhinderung einer Klimakatastrophe nur billig ist, ist es für andere eine unverantwortliche und teure Spinnerei, im schlimmsten Fall sogar Nährboden für neue internationale Konflikte.

Wie kontrovers das Thema ist, wurde jetzt auf einer Diskussion mit Hans Joachim Schellnhuber, dem Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), deutlich: Schellnhuber debattierte im Rahmen der Summer School zur globalen Nachhaltigkeit, die das PIK gemeinsam mit dem Potsdamer Nachhaltigkeitsinstitut IASS (Institute for Advanced Sustainability Studies) und dem US-amerikanischen Santa Fe Institute organisiert hat, mit Atmosphärenwissenschaftler Ken Caldeira von der Stanford University, IASS-Direktor Mark Lawrence und dem Philosophen Konrad Ott.

Sowohl Schellnhuber als auch Lawrence zeigten sich dabei äußerst skeptisch gegenüber solchen Technologien: Es sei zwar denkbar, dass der Menschheit in 200 Jahren kein anderer Ausweg mehr bleibe, als die Klimawandel-Folgen mit drastischen Maßnahmen einzudämmen – momentan müsse aber die Verhinderung des Klimawandels erstes Ziel sein, betonte Schellnhuber: „Eins nach dem anderen!“

Auch wenn er nicht mehr auf internationale Klimakonferenzen und kluge Regierungsentscheidungen hoffe, gebe es Anlass zu Optimismus. Den bezieht Schellnhuber aus einem beginnenden Umdenken in der Zivilgesellschaft und in der Wirtschaft, wo es immer häufiger kleinere und klimabewusste Unternehmen gebe. Der PIK-Chef hofft auf einen Systemwechsel: „Wenn das neue System erst einmal 15 oder 20 Prozent des Marktes ausmacht, wird es irgendwann gewinnen – und wir sind derzeit ziemlich nahe dran.“

IASS-Wissenschaftler Mark Lawrence warnte vor unvorhersehbaren Folgen von Geoengineering-Technologien: „Wir könnten am Ende sehr viel mehr Schaden als Nutzen verursachen.“ So sei etwa völlig unklar, wie sich die Technologien auf größere Regionen auswirken. Denkbar sei auch, dass es zu neuen internationalen Konflikten und sogar Kriegen kommt – etwa, wenn ein Land Sonnensegel installiert und damit auch das Klima in einem anderen Land beeinflusst.

Das Risiko ungewollter Nebeneffekte bei Geoengineering sei groß, räumte auch der Atmosphärenforscher Ken Caldeira, Verfechter der Schwefelwolken-Idee, ein. Im Zweifelsfall könne es sich aber um die einzige Möglichkeit zur Abwendung einer Katastrophe handeln: „Aber natürlich wäre es billiger, wenn wir unsere Normen ändern und jetzt vernünftig und ethisch handeln würden.“

Für Philosoph Konrad Ott wirft Geoengineering auch die Frage nach der Legitimierung auf. Weil es sich um eine globale Angelegenheit handele, müssten entsprechende Maßnahmen über ein Gremium der Vereinten Nationen abgestimmt werden, argumentierte er: „Alle betroffenen Personen müssen das Recht haben, Ja oder Nein zu sagen.“ Für PIK-Chef Schellnhuber ist die Vorstellung, dass Länder in einem solchen Gremium über bestimmte Temperatur- und Wetterwünsche diskutieren, absurd: „Da überschreiten wir eine rote Linie. Wir müssten uns entscheiden, Gott zu spielen. Das will ich nicht.“ Jana Haase

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