Wissenschaft : „Wir haben nur eine Stellschraube“

Prof. Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe zur Glaubwürdigkeit des UN-Klimaberichtes und die Notwendigkeit des Klimaschutzes

Seit dem IPCC-Bericht des UN-Klimarates 2007 gilt es als sicher: die derzeitige Erderwärmung wird vom Menschen verursacht. Nun werden Stimmen lauter, die dem widersprechen. Die gestiegene Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre sei nicht die Ursache, sondern die Auswirkung der Erwärmung.

Es wird wärmer, das zweifelt niemand mehr an. Auch die Korrelation zwischen dem Anstieg von CO2 seit der industriellen Revolution und dem Temperaturanstieg ist belegt. Dass dabei das Kohlendioxid die Ursache ist, lässt sich dem IPCC-Bericht klar entnehmen. Der Anstieg der Klimagasemission passt beim Durchrechnen der letzten 100 Jahren genau zum Temperaturanstieg, den wir gemessen haben. Lässt man das CO2 in den Modellrechnungen weg, hätten wir im Moment keinerlei Temperaturanstieg. Es gibt keine wissenschaftliche Arbeit, die in einem Fachjournal erschienen ist, die CO2 als Ursache der Erwärmung ausschließt. Die Kritiker stellen immer nur eine Behauptung auf, bleiben den Nachweis aber schuldig.

Gibt es unter den IPCC-Autoren keine Zweifler?

In dem Bericht ist zusammengetragen worden, was die Forschung weltweit derzeit zu bieten hat. Da stehen einige tausend Wissenschaftler dahinter. Dabei hat man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt, dem alle noch zugestimmt haben. Somit gibt es keine abweichende Meinung, im Gegenteil war dieser Konsens für einige Wissenschaftler noch zu schwach formuliert.

Es gibt Forscher, die behaupten seit 1998 gehe die globale Mitteltemperatur wieder zurück.

Das ist schlichtweg falsch. Hier wurden Daten falsch interpretiert. Das deckt sich in keiner Weise mit unseren Beobachtungen. Wir zeichnen in Potsdam seit 1893 lückenlos Wetterdaten auf, diese Klimareihe gibt uns eindeutigen Aufschluss über die Entwicklung. Die Jahresmittelwerte von Potsdam zeigen, was hier los ist: 1893 lagen wir bei rund acht Grad im Mittelwert, heute sind wir im Mittel bei fast zehn Grad, das sind anderthalb Grad mehr, und das finden wir bei fast allen meteorologischen Stationen weltweit, das ist Fakt. Es wird also nicht kälter. Es kann auch in Zukunft wieder einzelne kältere Jahre geben, aber man muss den langjährigen Trend betrachten.

Wir hatten 2007 eine Häufung von Monaten, die überdurchschnittlich warm waren. Ist das nun wieder vorüber?

Nicht unbedingt. Die Mitteltemperatur ist zurückgegangen auf das oberste Niveau dessen, was bisher beobachtet wurde. Im Moment geht es wieder nach oben. Der Juni zum Beispiel war überdurchschnittlich warm. Auch die Temperatur am Boden liegt noch höher als normal. Dort gab es 2007 Rekordwerte.

Also waren die letzten beiden Sommer gar nicht so schlecht, wie es einem vorkam?

Die Minima, also die Nachttemperaturen sind am deutlichsten angestiegen. Die Hitzeperioden waren eher kurz. Doch eine ganze Reihe Tage kamen aufgrund der hohen Minima an einen Tropentag heran. Das macht sich bemerkbar. Insgesamt werden die Sommer nicht kälter oder schlechter. Diese Wahrnehmung ist subjektiv geprägt, weil wir die Jahre zuvor sehr warme Sommer hatten. Dann fällt ein Sommer, der ein wenig zurück fällt sofort auf. 12-jährige Schulkinder haben heute noch nie einen wirklich schlechten Sommer erlebt, wie wir sie etwa in den 60er Jahren hatten.

Der Trend nach oben bestätigt sich also weiterhin?

Ja. Betrachtet man zum Beispiel die Entwicklung der Sommertage (mehr als 25°C) in Deutschland während der letzten 56 Jahre, kann man feststellen, dass es jetzt pro Jahr etwa 18 Sommertage mehr gibt als um 1950. Im Mittel sind es pro Jahr 29 Tage. Umgekehrt haben die Frosttage (unter 0°C) deutlich abgenommen, im Mittel um 20 Tage pro Winter. Das alles sind deutliche Zeichen dafür, dass die Extreme bei uns zunehmen: ein klares Indiz für eine Klimaänderung.

Und der Niederschlag?

Das kann man gut am Verfügbaren Wasser unter einem Kiefernbestand, der ja für Brandenburg von Bedeutung ist, messen: Im Hitzejahr 2003 ging die Wasserverfügbarkeit in einem Meter Tiefe ab Mai stark zurück. Aber 2008 haben wir in den ersten Sommermonaten sogar darunter gelegen, wir bewegen uns bei der Wasserverfügbarkeit in diesem Jahr in unserer Region sogar im Bereich der Trockenheit von 2003. Dies erklärt sich durch die Komplexität des Klimas: bei mehr Sonneneinstrahlung haben wir auch mehr Verdunstung. Auch wenn es zwischendurch mal regnet.

Bei der Sonne geht gerade eine sehr aktive Phase zu Ende. Könnte es deswegen wieder kälter werden?

Die Sonne hat einen Einfluss, der ist aber nicht so stark, dass er die Entwicklung dominiert. Es gibt tatsächlich eine Korrelation zwischen der solaren Einstrahlung (Solarpartikeleffekt) und der Anomalie der globalen Mitteltemperatur zwischen den Jahren 1878 und 1987. Aber ab 1988 laufen diese Kurven wieder komplett auseinander. Die Sonneneinstrahlung geht zurück, die Mitteltemperatur nicht. Dass sie davor über einen bestimmten Zeitraum zusammen gepasst haben, ist also nur Zufall. Es verhält sich wie bei den Störchen und Kindern: im April werden die meisten Kinder geboren, in der gleichen Zeit kommen die Störche aus dem Süden zurück. Es besteht also eine hohe Korrelation zwischen beiden Vorgängen. Dennoch wissen wir, dass die Schlussfolgerung „Der Klapperstorch bringt die Babys“ nicht richtig ist.

Zurück zum Kohlendioxid, woher wissen wir sicher, dass es tatsächlich so schädlich für das Klima ist?

Es gibt da einen klassischen Versuch, der zeigt, dass Kohlendioxid Wärmestrahlung absorbiert. Eine Infrarotkamera erzeugt von einem Menschen ein Wärmebild. Schiebt man einen Glaskasten dazwischen und leitet CO2 in den Kasten, sieht man wie die Wärmestrahlen zunehmend abgeschirmt werden.

Warum kommt dann die Sonnenstrahlung noch durch die Atmosphäre zur Erde?

Die von der Sonne ankommende kurzwellige Strahlung wird von den Treibhausgasen nicht absorbiert, gelangt also nahezu vollständig am Erdboden an. Dort wird sie in langwellige Wärmestrahlung umgewandelt, von der wiederum ein Teil von den Treibhausgasen absorbiert wird und somit zur Erwärmung der Atmosphäre beiträgt. Der Physiker Svante Arrhenius hat als erster 1896 auf die Klimasensitivität von Kohlendioxid hingewiesen. Den natürlichen Treibhauseffekt, ohne dessen Existenz die Erde ein Eiskugel wäre, hat der Mathematiker Joseph Fourier schon 1824 richtig beschrieben.

Wir kommen also nicht um Reduktion von CO2 herum?

Der Temperaturanstieg ist da und bereitet uns weltweit Probleme. Wir haben nur eine Stellschraube, an der wir drehen können: das CO2 als eine der Ursachen. Dabei muss es egal sein, wie groß der Anteil des CO2 an der Erwärmung ist, wenn wir den Schaden so gering wie möglich halten wollen. Wir müssen unsere Atmosphäre warten, wie wir es mit einer Maschine auch machen.

Die Klimaforscher mahnen eine Reduktion der Treibhausgase um 80 Prozent an. Kritiker sagen, dies würde uns ins Mittelalter zurück katapultieren.

Das ist völliger Unsinn. Energiesparen hat noch nie zu einer Verschlechterung des Lebensstandards geführt. Die Japaner verbrauchen nur halb soviel Energie wie wir, dennoch leben sie nicht im Mittelalter. Der Klimawandel könnte eine Chance für neue Entwicklungen sein. Wir haben Untersuchungen am PIK, die zeigen, dass weniger als zwei Prozent des weltweiten Bruttosozialproduktes ausreichen, um die Folgen des Klimawandels soweit abzudämpfen, dass wir damit noch umgehen können. Diese Berechnungen der Wirtschaftswissenschaftler sollten die Kritiker erst einmal widerlegen.

Was mag die so genannten Klimaskeptiker motivieren?

Erst einmal gibt es natürlich die Verlierer, etwa die Kohle- und Erdölindustrie. Dann gibt es Menschen, die Angst haben, auf ihren Wohlstand verzichten zu müssen. Daneben die Querulanten, die immer gegen den Strom schwimmen. Schwieriger wird es mit den „Hobby-Wissenschaftlern“, die zu einem anderen Ergebnis kommen und dann alles anzweifeln. Hinzu kommen noch Wissenschaftler anderer Disziplinen, die nun vom Fördermittelkuchen weniger bekommen, weil sie nicht zum Klima forschen. Diese Gruppen haben sich gebildet, weil das Thema nun politisiert ist.

Und wenn wir in 20 Jahren herausfinden, dass doch nicht der Mensch an der Erderwärmung schuld ist?

Das Beste, was mir als Wissenschaftler passieren kann, ist mit 80 Jahren festzustellen, dass ich mich geirrt habe. Denn dann können wir uns darüber freuen, dass es nicht so schlimm gekommen ist, wie angenommen. Wenn wir heute alle zum gleichen Ergebnis kommen, müssen wir warnen. Und wenn wir richtig liegen, entwickeln wir Ideen, wie wir das Problem eingrenzen können. Das ist in jedem Fall günstiger, als nichts zu tun. Alternative Energiequellen brauchen wir ohnehin, da besonders die fossilen Energieträger Erdöl und Erdgas nur begrenzt verfügbar sind.

Das Gespräch führte Jan Kixmüller