Wissenschaft : Welcher Humboldt?

Literaturwissenschaftler Ottmar Ette kritisiert antiquierte Darstellung in Kehlmanns Humboldt-Roman

Anna Grieben
Klischeehaft. Daniel Kehlmann zeichne ein überholtes Bild, meint Ottmar Ette.
Klischeehaft. Daniel Kehlmann zeichne ein überholtes Bild, meint Ottmar Ette.Foto: dpa

Wenn wir an Humboldt denken, meinen wir oft den älteren der zwei Brüder, den preußischen Kulturpolitiker und Universalgelehrten Wilhelm von Humboldt. Die Geschichte des Jüngeren erzählte Daniel Kehlmann in „Die Vermessung der Welt“. Anlässlich des Filmstarts des Bestseller-Romans liefert der Potsdamer Romanist, Literaturwissenschaftler und Humboldt-Experte Ottmar Ette nun in der neuesten Ausgabe der Internationalen Zeitschrift für Humboldt-Studien eine kritische Analyse der Darstellung von Alexander von Humboldt in Kehlmanns Roman. Sein Urteil: Der Roman sei zwar unterhaltsam und als Wissenschaftskritik gelungen, teilweise aber wissenschaftshistorisch nicht haltbar, die Darstellung des jüngeren von Humboldt bediene alte Klischees.

Als Daniel Kehlmanns fünfter Roman 2005 veröffentlicht wurde, erntete der junge Autor in den Feuilletons der großen Zeitungen vor allem Lob. Das Buch sei „brillant“, „unterhaltsam“, gar „ein genialer Streich“. Es stand 37 Wochen auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste, wurde in vielzählige Sprachen übersetzt. Die Doppelbiografie über das Leben der zwei preußischen Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts, des Naturforschers Alexander von Humboldt (1769-1859) und des Physikers und Mathematikers Carl Friedrich Gauß (1777-1855), wurde zum Riesenerfolg. Vielleicht auch deshalb, weil sowohl deren Obsession zur Wissenschaft als auch Momente des Scheiterns im Zentrum der Erzählhandlung stehen, dadurch eine fiktive Nähe zur persönlichen, menschlichen Seite der zwei Charaktere erzeugt werden konnte.

Im Roman mäandert Kehlmann bewusst zwischen historischer Wahrheit und literarischer Fiktion, distanziert sich von den Figuren durch die Verwendung der indirekten Rede, spitzt Ereignisse durch Übertreibungen, Ironie und Satire zu. Aus den Leben der zwei Wissenschaftler wurde ein Abenteuerroman. Das hatte schon kurz nach der Veröffentlichung vereinzelt Gegenstimmen laut werden lassen. Es bestehe die Gefahr, dass die literarische Darstellung fälschlich als historische Wahrheit verstanden werde, so seine Kritiker.

Ottmar Ette mahnt dies nun abermals an. Vor allem verweist er darauf, dass die Darstellung Humboldts antiquiert, von alten Vorurteilen geprägt sei. Ette rekonstruiert anhand von einzelnen Textpassagen als auch Interviews mit Kehlmann, dass der Autor vor allem auf eine Reihe älterer Biografien und Bezugstexte zurückgreife, sich nicht lange mit der Primärliteratur aufgehalten habe. Das Problem an diesen älteren Werken sei aber, dass sie von Auslassungen, teilweise falschen Übersetzungen der Primärtexte und einseitigen Stellungnahmen, wie der von Friedrich Schiller, dass Humboldt für Literatur nichts übrig habe, geprägt seien.

Dadurch, dass Kehlmann die im Roman verwendete Literatur nicht kenntlich gemacht hat, werde auch für die Leser nicht direkt deutlich, auf welche Quellen sich Kehlmann bezieht. Es werde, bewusst oder unbewusst, auf alte Sichtweisen zu Humboldt zurückgegriffen. Kehlmanns Bild von Alexander von Humboldt bestehe vor allem aus dessen vermeintlich verschrobenen Beziehung zur Wirklichkeit. „Die Leser bekommen so einen fälschlichen Eindruck von einem ,Humboldt Backstage’“, so Ette. Die eigentlichen wissenschaftlichen Erkenntnisse und das Wirken des Naturforschers und Mitbegründers der modernen Geografie würden im Roman weniger eine Rolle spielen.

Der klischeebehaftete Diskurs über Alexander von Humboldt sei die Weiterführung einer jahrzehntelangen wissenschaftshistorischen und politisch bedingten Ausgrenzung, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aufgekommen sei, so Ette. Erst seit Anfang der 1990er Jahre habe man sich erneut verstärkt mit seinen Texten auseinandergesetzt, was letztlich auch dem Erfolg des Romans zugute gekommen sei. Doch anstatt Neues über Humboldt zu präsentieren, belebe Kehlmann in „Die Vermessung der Welt“ nur die alten Klischees. Trotz aller Kritik hat der Humboldt-Experte die Hoffnung, dass die Leser Kehlmanns über dessen Darstellung hinaus nach dem wirklichen Humboldt fragen und Interesse verspüren, dessen Werk und Welt neu zu entdecken. Anna Grieben