Wissenschaft : Wachsende Unzufriedenheit

Eine Tagung am Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) hat die Bedeutung des lokalen Protestes in der DDR hinterfragt

Richard Rabensaat
Signalwirkung. Die Montagsdemos in Leipzig nahmen vielen die Angst.
Signalwirkung. Die Montagsdemos in Leipzig nahmen vielen die Angst.Foto: Bundesarchiv

„Die rote Provinz im Umbruch“ war der zunächst anvisierte Titel des Symposiums am Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam. Das klang dann aber doch zu reißerisch, schließlich sollte es um die wissenschaftliche Aufarbeitung der Unruhe in den ländlichen Gebieten der untergegangenen DDR um 1989 gehen. Also wurde der Titel in „Stunde der Regionen“ abgemildert. Spielten sich die großen Umbrüche ausschließlich in den Metropolen Berlin, Leipzig und Dresden ab oder rumorte es im ganzen Land? Das wollten zunächst die Diskutanten einer Podiumsdiskussion und dann die anschließende Tagung herausfinden, zu der das ZZF zusammen mit der Universität Potsdam und der Friedrich-Ebert-Stiftung eingeladen hatte.

An den lokalen Protest vor 22 Jahren, der sich auch in Potsdam artikulierte, erinnerten die beiden Historiker Jutta Braun und Peter Ulrich Weiß. Sie erforschen derzeit, wie sich der Umbruch und dann der Zusammenbruch in den ländlichen Regionen der DDR und insbesondere in den drei ehemaligen Bezirken Cottbus, Frankfurt (Oder) und Potsdam abspielte. Auch in Potsdam hätten sich 1988/89 Bürgerkomitees gegründet. Etwa 4000 Bürger hatten sich im Oktober 1989 bei einer Informationsveranstaltung der Opposition versammelt, so die Historiker. Der Tag der offenen Tür, den das Neue Forum am 20. Januar 1990 im ehemaligen Stasi-Gefängnis in der Lindenstraße veranstaltete, sei auf eine so erheblich Resonanz gestoßen, dass daraus eine dauerhafte Einrichtung entstanden ist. Zudem habe es in Potsdam eine rege Kunst- und Jugendkultur gegeben, die sich ausgesprochen selbstständig artikuliert habe und haargenau von der Stasi beobachtet wurde.

110 Punks zählte die Behörde 1986 in Potsdam. Die wären allerdings weitgehend unpolitisch gewesen, betont der Rockmusiker Kai-Uwe Kohlschmidt. Mit seiner damaligen Band Sandow spielte er auch in dem DDR-Rock-Dokumentarfilm „Flüstern und Schreien“ von 1988 mit. Zu dem Auftritt verhalf ihm ein werbewirksames Gespräch mit dem Filmproduzenten. Obwohl die Texte der Bands teilweise kritisch gewesen seien, behauptet Kohlschmidt: „Eine richtige Revolution war das 1989 nicht. Wir haben uns alle an den Händen gehalten und keine Bastille gestürmt“. In Gegensatz dazu weisen die Wissenschaftler ausdrücklich auf das aufrührerische Potenzial von Aktionen und Protesten wie der Lichterkette vom 3. Dezember 1989 „Ein Licht für unser Land“ hin, die auch Potsdam berührt hätten. Zu dem Zeitpunkt sei es noch um eine Erneuerung der DDR gegangen.

„Als die Demonstrationen in Leipzig im September 1989 begannen, war das auch für uns ein Signal. Die Angst war weg. Die Leute ließen sich nicht mehr einschüchtern“, berichtet Günther Nooke. 1987/88 gründete Nooke den Friedenskreis ökumenischer Christen in Forst und verteilte namentlich gekennzeichnete Flugblätter, in denen er zu „Demokratie jetzt“ aufrief. Das spätere Mitglied des Brandenburger Landtags war da noch als Inspekteur für Arbeitshygiene tätig. „Ich kannte die Betriebe von innen und konnte die Stimmung dort gut beurteilen“, berichtet Nooke. Der Braunkohletagebau um Cottbus, die damit einhergehende Umweltverschmutzung und auch die Umsiedlung ganzer Dörfer wären mit ein wesentlicher Grund für politische Unzufriedenheit im Land gewesen. Die hätte sich dann später in den großen Demonstrationen artikuliert.

Die Bedeutung regionaler Themen für die Bürgerrechtsbewegung betont der wissenschaftliche Leiter des DDR-Museums Stefan Wolle: „In den Gemeinden wurden einzelne Gruppen und die Unzufriedenheit deutlich wie in einem Reagenzglas“. Wolle schildert, wie der Protest gegen eine Neubausiedlung für Offizierswohnungen die Bürger nicht zuletzt deshalb zusammengeschweißt habe, weil dafür ein Stadtwäldchen abgeholzt werden sollte.

Die Wechselwirkung zwischen der Unruhe in der Provinz und dem Aufstand in den Städten beschreibt Steffen Reiche, der zu den Mitbegründern der Ost-SPD zählt. Für ihn sei der Protest gegen die Durchsuchung der Umweltbibliothek in der Zionskirche Berlin ein Signal gewesen. Bei einer Razzia der Stasi in der Nacht vom 24. auf den 25. November 1987 beschlagnahmte diese dort Bücher und Flugblätter, in denen sich die Aktivisten der Bibliothek kritisch mit der DDR auseinander setzten. „Da war mir klar: Den aufrührerischen Geist, der sich in den Protesten gegen die Aktion artikulierte, bekommt man nur kurz wieder in die Flasche zurück“, bemerkt Reiche, der von 1994 bis 2004 Forschungs- und Bildungsminister im Land Brandenburg war.

Einig waren sich die Diskutanten über die große Bedeutung der runden Tische in den Bezirken und auch darüber, dass wohl nicht alle Parteimitglieder wirklich aktive Genossen waren. Es gab auch völlig abweichende Biografien: Mit besonderer Aufmerksamkeit bedachte die Historikerin Astrid Kirchhof das Ehepaar Kretschmann als „vegetarische Anarcho-Kommunisten“, die als recht eigenwillige DDR-Naturschutzfunktionäre gewirkt hätten.