• Von Richard Rabensaat: Das akademische Prekariat wehrt sich

Von Richard Rabensaat : Das akademische Prekariat wehrt sich

Mit einer Petition wollen Lehrbeauftragte der Uni Potsdam auf ihre unbefriedigende Lage hinweisen

Richard Rabensaat
Ganz am Rand. Viele Lehrbeauftragte der Hochschulen fühlen sich heute für ihren Arbeitsaufwand zu schlecht bezahlt.
Ganz am Rand. Viele Lehrbeauftragte der Hochschulen fühlen sich heute für ihren Arbeitsaufwand zu schlecht bezahlt.Foto: dpa

„Es fehlt der Mut nachhaltig in die Lehre zu investieren“, behauptet Sabine Volk. Zusammen mit Michael Bahn hat sie im November 2010 eine Petition ins Internet gestellt. Die beiden Lehrbeauftragten der Universität Potsdam fordern vom Brandenburgischen Wissenschaftsministerium unter anderem eine Verdoppelung des Honorars für Lehraufträge. „In meine Lehrveranstaltungen investiere ich viel Idealismus, aber die Rahmenbedingungen können einem das Lehren an der Universität Potsdam fast verleiden“, meint Volk. Positive Rückmeldungen von Studenten bestätigen sie dennoch in ihrem Engagement.

Bereits mehrere Lehrveranstaltungen hat Volk für die Uni verwirklicht. Die Philosophin promoviert derzeit, politische Literatur und Essayistik ist ihr Forschungsschwerpunkt. Seminare, die Volk unterrichtet hat, besuchten teilweise mehr als 60 Studenten. Wenn diese auch noch individuell betreut werden wollen, lohne sich der Arbeitsaufwand für die Lehrveranstaltung kaum noch, rechnet Volk vor. 4,80 Euro Stundenlohn ergebe sich bei Berücksichtigung von Vor- und Nachbereitung der Seminare. Diese Zahl haben Volk und Bahn auch unwidersprochen in Podiumsdiskussionen mit Teilnehmer des Universitätspräsidiums vertreten.

Auch die Gewerkschaft Verdi hat in einer Untersuchung im vergangenen Jahr ermittelt, dass Doktorranden häufig die doppelte Anzahl der Stunden arbeiten müssten, die sie vertraglich vereinbart vergütet bekommen. Nicht selten werden Lehraufträge an deutschen Universitäten für bereits promovierte Wissenschaftler gar nicht vergütet. Die Hochschulen vertrauen darauf, dass es für den Lebenslauf des künftigen Hochschullehrers besser aussieht, eine Zeit lang unterbezahlt zu unterrichten als unumwunden zuzugeben, soziale Unterstützungsleistungen bezogen zu haben. In einem Land mit weltweit einer der höchsten Promotionsquoten führt dies teilweise zu einem für die Universitäten ausgesprochen billigen Lehrangebot. Dabei werden immer mehr Lehraufträge vergeben. In den vergangenen zehn Jahren hat sich ihre Zahl in Brandenburg verdoppelt.

Nachdem ein offener Brief an die Universität und das Wissenschaftsministerium im vergangenen Jahr keine nennenswerte Reaktion oder gar eine Verbesserung der Situation gebracht hatten, haben Bahn und Volk die neue Initiative gestartet. Etwa 600 Unterzeichner finden sich derzeit auf der Website. Sie protestieren insbesondere gegen den völlig ungesicherten Status der Dozenten. Da es sich nur um Honorarverträge handelt, fehlen entsprechende sozialversicherungsrechtliche Absicherungen. Weil die Unterrichtenden mit der Erteilung des Auftrages nicht ohne weiteres als Mitglieder des Lehrkörpers der Universität angesehen werden, ist ihr Zugang zur Universitätsbibliothek und den Kita-Plätzen der universitären Kindertagesstätte ungesichert, was insbesondere der jungen Mutter Volk ein Dorn im Auge ist.

„Lehrtätigkeit ist an der Uni nach wie vor nicht besonders hoch angesehen“, stellt Sabine Volk fest. Dies spiegele sich auch darin wieder, dass Lehrveranstaltungen von angestellten Forschern häufig besser vergütet würden als die derjenigen, die als Promovierende unterrichten. „Der immer neue Kampf um den Anschlussvertrag ist aufreibend“, gesteht Volk. Stipendien brächten keine wirkliche Entlastung, da diese lediglich einem sehr kleinen Teil der Promovierenden zugute kämen. Unterstützung für ihre Petition erfährt die Initiative als allen Bereichen der Uni.

Die Sprecherin der Universität Potsdam, Birgit Mangelsdorf, verweist auf die Potsdam Graduate School (PGS), kann aber nicht beziffern, wie hoch denn die Unterstützung der Promovierenden ist. Die PGS fördert die künftigen Doktoren bei Reise-, Druck und Publikationskosten. „Junior teaching Professionals“ können von der PGS ein Stipendium in Höhe von 7200 Euro für sechs Monate erhalten. Das gilt allerdings nur für 16 Stipendiaten pro Bewerbungsdurchlauf bei etwa tausend Nachwuchsforschern an der Universität. Es handele sich bei den Lehraufträgen nicht um eine Nachwuchsförderung, sondern nur um eine Ergänzung des Lehrangebot durch hauptamtliche Kräfte, so Mangelsdorf. Genaue Angaben über die Zahl der Lehrbeauftragten an der Universität Potsdam gebe es nicht, diese hätten lediglich die einzelnen Fakultäten, die auch die Honorarverträge vergeben würden.

„Die wissenschaftliche Karriere ist ein Ausleseprozess. Da ist der Konkurrenzdruck enorm“, so die Uni-Sprecherin. Sie weist darauf hin, dass die Mittelvergabe für die Universitäten eine Angelegenheit des Ministeriums sei. Dass das Ministerium im vergangenen Jahr fünf Millionen Euro Rücklagen der Uni Potsdam entnommen hat, hätte die finanzielle Ausstattung der Uni nicht gerade verbessert. „Lehrbeauftragte sind die Billiglöhner der Universitäten, sie bilden die unterste Schicht des akademischen Prekariats“, konstatiert Volk. „Wer sagt denn, dass das Leben gerecht ist,“ kommentiert Mangelsdorf.