Wissenschaft : Von Bildern geprägt

Historiker zur Geschichte der Roten Armee Fraktion

Richard Rabensaat

Was der sogenannte „Islamische Staat“ (IS) und seine Terroristen heute an Bildern und Terror-Aktionen hervorbringen, habe seine Vorläufer in der Geschichte der Rote Armee Fraktion (RAF). Das betonte Christoph Classen, vom Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) bei einem Symposium, das Ende vergangener Woche das neue Potsdamer Filmfestival „moving history“ begleitete.

Wie weit die RAF sich der Bildmächtigkeit ihrer Aktionen bewusst gewesen sei und diese habe steuern können, sei zwar nicht klar. Sicher sei allerdings, dass viele Fotos zunächst wahrgenommen, diskutiert und schließlich ins kollektive Gedächtnis übergegangen seien, so Classen, der das Symposium organisiert hat. Das Bild des toten Holger Meins, ausgemergelt nach einem Hungerstreik, aufgebahrt wie der tote Christus, Fotos brennender Kaufhäuser und das Bild des entführten Hans Martin Schleyer, sie trügen das Signet der RAF.

Bilder, die zur Zeit des „Deutschen Herbstes“, 1977, in den Printmedien veröffentlicht wurden, zeigten auch, so Tobias Ebbrecht Hartmann von der Hebrew University Jerusalem, dass die RAF häufig und gelegentlich ungewollt an eine schon bestehende Bildikonografie anknüpfte. Auch die Mitglieder der RAF seien von Bildern geprägt gewesen: von Leichenbergen in Konzentrationslagern, von dem neunjährigen Mädchen, das am 8. Juni 1972 nackt in Vietnam vor einem Napalmangriff der Amerikaner flieht.

In einem nur auffallend geringen Maß sei die RAF als eine politische Gruppierung wahrgenommen worden, so der Wissenschaftler Jan Henschen von der Universität Erfurt. Ausgangspunkt der RAF sei zwar eine Textversessenheit gewesen, die ohnehin bei der sogenannten 68er-Generation bestanden hätte und sich in endlosen Plena und Diskussionen äußerte. Diese sei allerdings bald einem Sinn für den Symbolgehalt starker Bilder gewichen, die dann auch zuhauf produziert worden seien. Diese griffen auch Künstler heute wieder auf, wenn sie, wie beispielsweise der Maler Gerhard Richter mit einem Bilderzyklus, Kunst zur Geschichte der RAF schaffen würden.

Filme zum Thema wie der „Baader Meinhof Komplex“ von Uli Edel oder „Baader“ von Christopher Roth seien eher Fiktionen. „Baader“ erzählt eine Räuberpistole, die im Kugelhagel endet. Mit seiner Bonnie-und-Clyde-Version im biederen Deutschland der Nachkriegszeit ignoriere Roth souverän historische Fakten und verlagert die Aktionen der RAF ins Reich des freien Fabulierens. Mit erheblicher Detailversessenheit habe Uli Edel seine an Stefan Austs Recherche angelehnte Filmversion des „Baader Meinhoff Komplexes“ entwickelt, so Henschen. „Hat Ulrike Meinhof Hausschuhe getragen? Wenn ja, welche?“, das sei eine Frage gewesen, die der Ausstatterin Edels erhebliches Kopfzerbrechen bereitet habe.

Gerne ergingen sich die kommentierenden Medien in psychologisierenden Betrachtungen insbesondere der weiblichen RAF-Mitglieder, aus denen dann „Gefallene Engel“ oder „Flintenweiber“ wurden, so Alexandra Take von der Universität Bremen. Überhaupt lasse sich am Beispiel der Frauen der RAF gut aufzeigen, wie sich das Bild der Frau und deren Wahrnehmung in den Medien gewandelt habe. Gerade Gudrun Ensslin sei beispielsweise häufig als die von Andreas Baader Verführte dargestellt worden, der eine eigene Motivation eigentlich gefehlt habe.

Anders als der IS sei die RAF jedoch letztlich nicht in der Lage gewesen, eine gezielte Bilderpolitik zu betreiben. Die Berichterstattung sei ihr entglitten. Und noch ein weiterer Punkt unterscheide die Attentate der deutschen Nachkriegsterroristen von den Aktionen des IS. Während die RAF schon sehr bald nahezu vollständig isoliert gewesen sei, gebe es auch weiterhin ein erhebliches Potenzial, aus dem der IS seine Sympathisanten rekrutieren könne, so Classen. Richard Rabensaat

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