Von Babette Kaiserkern : Produktive Reibungen

Forum für Zentralamerika-Studien: Literatur und Leben in Mittelamerika wird ein Forschungsschwerpunkt an der Universität

Babette Kaiserkern

Wohl in keiner anderen Region auf unserem Planeten existiert solch eine bunte Bevölkerungsmischung wie in Zentralamerika und der Karibik. Neben Nachkommen der indianischen Ureinwohner, beispielsweise der Maya in Guatemala, leben dort seit der Kolonialzeit viele europäische Einwanderer und in einigen Regionen starke afrokaribische Bevölkerungsgruppen. Auch größere Gruppen von arabischen und asiatischen Immigranten gibt es. Zwar ist in sechs der sieben zentralamerikanischen Staaten sowie auf Kuba Spanisch die offizielle Amtssprache, doch tatsächlich gesprochen werden die verschiedensten Sprachen und Dialekte. Auch Englisch wird in der Region, die Nord- und Südamerika miteinander verbindet, häufig gebraucht.

Die Erforschung der spezifischen kulturellen Pluralität dieser Region ist das Anliegen der Potsdamer Themengruppe Zentralamerika, die im vergangenen Jahr am Institut für Romanistik der Universität Potsdam gegründet wurde. Dieses Forum für Zentralamerika-Studien ist das einzige im deutschsprachigen Raum, wie Privatdozent Dr. Werner Mackenbach aus Anlass eines internationalen Kolloquiums an der Universität Potsdam am vergangenen Wochenende sagte. Unterstützt wurde die Veranstaltung von der Potsdam Graduate School, deren Leiterin Heike Küchmeister die Gäste auf Spanisch willkommen hieß.

Insbesondere der ethische Aspekt, der an die gute Tradition von Alexander von Humboldt anschließt, sei bei einem interkulturellen, demokratischen Austausch wie diesem von Bedeutung, betonte Werner Mackenbach, Hauptorganisator des Treffens und Fachmann für Zentralamerika. Der langjährige Leiter des Büros des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in San José, der Hauptstadt von Costa Rica und Dozent für hispanoamerikanische Literatur erhielt für seine Verdienste um die wissenschaftlichen Beziehungen zwischen den Ländern Zentralamerikas und der Bundesrepublik Deutschland erst vor kurzem das Bundesverdienstkreuz.

Für die theoretische Fundierung des Potsdamer Kolloquiums sorgte Ottmar Ette, Inhaber des Lehrstuhls für französisch- und spanischsprachige Literaturen. In seinem anregenden Eröffnungsvortrag führte Professor Ette aus, dass es gerade die Reibungen im Zusammenleben seien, die ein spezifisches Lebenswissen produzieren. Das schlechthin passendste Gefäß für die Kenntnisse über Zusammenleben und Überleben ist die Literatur. In literarischen Fiktionen – also Erzählungen, Romanen, Poesie – finden soziale Friktionen oft erst den passenden Ausdruck. Erfolg oder Misserfolg spielt dabei keine Rolle, auch und gerade aus dem letzteren könne lebendige Literatur entstehen.

Dabei dürfe die Literatur auf keinen Fall als starres historisches Archiv verstanden werden, sondern an die Stelle der Retrospektive soll offene Beweglichkeit und Vorschau treten. Mit der Möglichkeitsform des „als ob“ könne die Literatur einen Blick in die Zukunft offerieren und Modelle für das Zusammenleben in Frieden und Differenz beschreiben. Von den verschiedenen ethnischen, sozialen und linguistischen Differenzen im zentralamerikanischen Raum, welcher von etwa 50 Millionen Menschen bewohnt wird, zeugten auf dem Potsdamer Treffen 23 Vorträge von Wissenschaftlern aus ganz Europa. An dieser Stelle seien nur wenige genannt, deren Titel schon einiges von vergangenen und aktuellen Themen und Konflikten andeuten.

„Der schwarze Mann als Bestie im Dunkeln. Ein Körper-Stereotyp aus dem 19. Jahrhundert und heute“, hieß beispielsweise der Beitrag von Leonie Meyer-Krentler aus Potsdam. „Mündlichkeit, Rhythmus und Perspektiven in den Literaturen der indigenen Sprachen von Mittelamerika“ untersuchte hingegen Michela Craveri von der Katholischen Universität Mailand. „Repräsentationen der Gewalt in aktuellen Erzählungen aus Zentralamerika“ nahm Julian Drews, ebenfalls aus Potsdam, in den Fokus. Mit der Gründung eines europäischen Netzwerks für Forschungen über Zentralamerika endete das Potsdamer Universitäts-Kolloquium.

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