Wissenschaft : Vom Haus des Terrors zum Haus der Demokratie

ZZF und Universität erforschen Geschichte der Gedenkstätte Lindenstraße 54/55

Maren Herbst

Die Bürgerrechtsbewegung von 1989/90 machte das Haus des Terrors zum Haus der Demokratie. Demokratische Bewegungen und Parteien der Stadt und aus dem Bezirk Potsdam hatten hier ihre ersten Büros: an einem Ort, an dem Menschen über Jahrzehnte politisch verfolgt und misshandelt wurden. Die Rede ist von der heutigen Gedenkstätte gegen politische Gewalt in der Lindenstraße 54/55. In der NS-Zeit verurteilte hier ein Erbgesundheitsgericht Menschen zu Zwangssterilisationen. Politische Gegner des NS-Regimes wurden zum Tode verurteilt. Nach 1945 blieb es ein Ort politischer Verfolgung: zunächst als Untersuchungsgefängnis des sowjetischen Geheimdienstes, dann in selber Funktion für die DDR-Staatssicherheit.

Die Historiker Dr. Hans-Hermann Hertle und Dr. Thomas Schaarschmidt vom Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) sowie Prof. Dr. Ludwig Teichler von der Universität Potsdam setzen sich in einem gemeinsamen Forschungsprojekt erneut intensiv mit der Geschichte des Hauses auseinander. „Die Kontinuität politischer Verfolgung verschränkt sich in der Lindenstraße 54/55 auf einzigartige Weise mit der Überwindung der SED-Diktatur in der friedlichen Revolution des Jahres 1989/90“, erklärt Teichler. Durch zahlreiche Forschungsarbeiten zu den Bedingungen des Sports unter dem SED-Regime ist der Sporthistoriker bestens mit der Quellenlage aus dieser Zeit vertraut. Er hatte schon zuvor mit dem ZZF kooperiert.

Inhaltlich gliedert sich das Kooperationsprojekt, das vom brandenburgischen Wissenschaftsministerium mit 300 000 Euro gefördert wird, in drei Teile. Zum einen vertiefen die Wissenschaftler den noch lückenhaften Kenntnisstand zur Geschichte des Hauses als sowjetisches Geheimdienstgefängnis. Zwischen 1945 und 1952 waren hier bis zu 5000 Menschen inhaftiert – zumeist unter dem Vorwurf der „Konterrevolution“ oder „Spionage“. Zum anderen untersuchen die Forscher die Haftbedingungen und Vernehmungsmethoden im Stasi-Untersuchungsgefängnis, das sich von 1952 bis 1989 in der Lindenstraße befand. Auch die Folgen der Haft sind Forschungsgegenstand. Für beide Themenschwerpunkte sind Interviews mit Zeitzeugen die wichtigste Quelle. „Die Zeit drängt“, mahnt Teichler im Hinblick auf das hohe Alter der ehemaligen Inhaftierten.

Außerdem untersuchen die Historiker den Zusammenbruch und die Überwindung der SED-Diktatur im ehemaligen Bezirk Potsdam. Sie knüpfen damit an die Recherchen zur Anfang des Jahres eröffneten Dauerausstellung „Demokratie – jetzt oder nie“ in der Gedenkstätte Lindenstraße an. „Wir erforschen die Implosion der DDR, das unerwartete Stillhalten der Machthaber und das Aufkommen der Bürgerrechtsbewegung im regionalen Kontext des damaligen Bezirks Potsdam. Es ist schon erstaunlich, dass es ausgerechnet hier noch keine regionale Untersuchung über den Prozess der friedlichen Revolution gibt“, sagt Teichert. An den Universitäten in Leipzig, Erfurt und Dresden sei auf diesem Gebiet bereits Pionierarbeit geleistet worden.

Derzeit werten die Wissenschaftler zahlreiche Akten der DDR-Eliteschule „Akademie für Staat und Recht“ aus. „Als klassischer Verwaltungs-, Militär- und Hochschulstandort bietet Potsdam viele Ansätze, sich dem Thema zu nähern“, bestätigt Teichlers Mitarbeiterin Jutta Braun, die über die Zentrale Kommission für Staatliche Kontrolle, Wirtschaftsstrafrecht und Enteignungspolitik in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR promoviert hat. „Staat und Partei waren hier äußerst präsent.“ Sie interessiert sich insbesondere für den Aufbau der kommunalen Verwaltungen nach dem Mauerfall. „Da gibt es noch viel zu entdecken.“ Maren Herbst